Zeitung Heute : „Das hat sich fast nicht mal der Hitler getraut“

Der Tagesspiegel

Von Henryk M. Broder

Letzten Sonntag gab es wieder ein „Philosophisches Quartett“ im ZDF, das freilich nach Thema und Zusammensetzung eher einem Stammtisch glich, bei dem jeder Teilnehmer die Rolle spielte, die von ihm erwartet wurde. Es ging, so der Co-Moderator Peter Sloterdijk, um „das Phantom des hässlichen, vielleicht sogar des hassenswerten Amerikaners; die Rückkehr des hässlichen, des taktlosen Amerikaners in der US-Politik“, denn Schönheit und Takt, zwei Tugenden, die Sloterdijk wie kein anderer verkörpert, sind auch in der Politik wichtige Faktoren. 430 000 Zuschauer verfolgten die Debatte.

Und wie bei jedem Stammtisch gab es auch im „Philosophischen Quartett“ einen, der schwitzt, immerzu auf die Kacke haut und Sachen sagt, die so falsch sind, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist, womit er dann die Meinungsführerschaft übernimmt. Diesmal war es BE-Intendant Claus Peymann, der als hochsubventionierter Kostgänger des Kulturbetriebes die Kunst der gebührenfreien Provokation pflegt. Er sagte ziemlich am Anfang der Debatte: „Bei mir ist es traumatisch zugespitzt, es geht lange zurück, wir diskutieren hier in Dresden, das ist ja eine Stadt mit einer besonderen Geschichte, da ist ja im Februar dieser große amerikanisch-englische Angriff gewesen, die Stadt ist flachgemacht worden, dass sie damals aussah wie Kabul und langsam wieder schöner wird, das ist auch ein Gefühl von Geschichte, was man haben sollte, auch wenn das manche für sich okkupiert haben, dürfen wir es auch sagen, und ich erinnere mich, ’45, Ende April, waren wir im Bunker, und dann war der Krieg zu Ende, wir wurden befreit, Gott sei dank, und ich wusste, jetzt gehe ich raus und treffe den ersten Amerikaner meines Lebens… Und ich gehe ’raus aus dem Bunker, alles brannte drumherum in Bremen, ein dicker Schwarzer haute mir erstmal einen Kaugummi rein und ein Stück Schokolade…“

Was also ist Peymanns Trauma, der Angriff auf Dresden oder der dicke Schwarze? Klar ist nur eines, wenn heute die Rede von Kabul ist, ist Dresden gemeint, und wenn es um Dresden geht, dann dürfen „wir“, die Peymanns, das Thema nicht den Rechtsradikalen überlassen, „wir“ können es auch, und „wir“ können es viel besser. Indem wir zum Beispiel den alten Nathan von Lessing inszenieren und die Sache so begründen: „Ich dachte, das ist ein Stück, wo auf einen Holocaust, wo auf eine schreckliche Geschichte, die passiert ist, diesem Nathan, eben nicht mit Rache, sondern mit Vergebung, nicht mit Vergeltung sondern mit Vergebung reagiert wird, und das wäre mir eine angemessenere Reaktion, als jetzt die Welt an den Rand eines Dritten oder Vierten Kriegs führen… Da möchte ich nicht mitmachen…“

Lessings Nathan hat also „einen Holocaust“ überlebt, eine schreckliche Geschichte, und hat dennoch mit Vergebung reagiert, im Gegensatz zu den Amis, die nach dem 11. September so ausgerastet sind, dass „einem Angst und Bange wird“, sogar am Schiffbauerdamm, tausende von Kilometern von Afghanistan entfernt. „Was wäre die angemessene Reaktion?“ auf den 11. September, will Sloterdijk wissen, worauf Peymann wieder den Rückwärtsgang einlegt und über Afghanistan nach Dresden rast.

„Es kann nicht die angemessene Reaktion sein, ein Land nieder zu bomben, die Frage müssen wir uns auch stellen, das dürfen wir nicht den Nazis überlassen, ob es einen Sinn hatte, Februar ’45 diese Stadt flach zu machen, mich packt der kalte Schrecken, wenn ich sehe, wie dort wehrlose Zivilbevölkerung niedergebombt worden ist…“ Irgendwie schafft es Sloterdijk doch noch, Peymann in die Zeit nach dem 11. 9. zurück zu beamen. Und schon hat Peymann den kalten Schrecken abgelegt.

„Für mich ist das Ganze vollständig unklar, weil ich diese Weltbedrohung, die sehe ich in diesem Sinne nicht, was ist das, dieser Terrorismus, das ist eine rätselhafte Sache, da hat’s eine wahnsinnige Aktion gegeben, die aber im entscheidenden Punkt mit einem kleinen Messer gemacht wurde, in den Flugzeugen saßen Leute, zum Selbsttod entschlossen, die hatten kleine Messerchen bei, damit haben sie das Ding gemacht, wo sitzt überhaupt diese terroristische Bedrohung, was ist das überhaupt… Wo ist diese Bedrohung, oder ist sie überhaupt ein Phantom?“ Zwei eingestürzte Hochhäuser, 3000 pulverisierte Menschen, vier abgestürzte Flugzeuge – was man halt mit kleinen Messerchen schaffen kann. Statt von terroristischer Bedrohung zu reden, wäre es wohl richtig, den Verkauf von Messerchen zu verbieten, um das Restrisiko beim Reisen zu reduzieren.

Langsam kommt Peymann zur Sache und man sieht es ihm an, dass es nicht die Toten von Dresden und die Menschen in Afghanistan sind, die ihn um den Verstand bringen, sondern etwas viel Ärgeres: „Wir haben inzwischen 280 000, wie heißt das, diese Hamburger Dinger da, Mc Donalds, oder 150 000 auf der Welt. Coca Cola wird jetzt sogar in Peking auf Staatsempfängen getrunken, da gibt es natürlich auch einen strukturellen Imperialismus, alle halbe Stunde wird ein neues Mc Donalds aufgemacht…“ Unerhört! Und alle zwei Sekunden geht irgendein Berliner aufs Klo, um eine Curry-Wurst zu entsorgen, ohne dass sich Peymann über diesen Beitrag zur strukturellen Kontamination der Umwelt aufregen würde. Kommt sein Trauma daher, weil er gezwungen wurde, mal einen Hamburger zu essen? Ist das die terroristische Bedrohung, vor der er sich am meisten fürchtet? „Ich möchte kein Amerikaner werden, es tut mir Leid, ich möchte es nicht werden, ich bin froh, daß ich ein Europäer bin…“ Peymann bringt es nicht fertig zu sagen, dass er Deutscher ist. Als wäre es eine Krankheit, die man diskret verschweigt. Er hat in Berlin, Stuttgart, Bochum und Wien gearbeitet, so was macht aus einem Bremer automatisch einen Europäer. Und wie fast immer, wenn einer etwas nicht sein will, dann ist er es bis unter die Achselhöhlen.

„Was ich bei den Amerikanern überhaupt nicht begreife, wie halten sie den Bush aus, das ist für mich ein wirkliches Problem… Ich habe mir die Eröffnung der Winterolympiade angeguckt, das war alles sehr schön, und dann kommt dieser Cowboy und steht da mit einer Hand in der Tasche, das hat sich fast nicht mal der Hitler getraut, der hat die Formel brav gesagt, der Bush hat sich nicht einmal daran gehalten…“

Verglichen mit Hitler ist Bush wirklich ein Rüpel. Als Hitler die Olympischen Spiele eröffnete, saßen schon ein paar Tausend Deutsche in den Konzentrationslagern, waren die Nürnberger Gesetze eingeführt, aber der Führer hatte Manieren und wusste, dass man bei einem Festakt die Hände nicht in den Hosentaschen halten kann. Es gab keinen McDonalds in Deutschland, und wer „Hamburger“ hieß, der war bestimmt nicht koscher. Doch jetzt ist alles ganz anders.

„Wir haben ja alle Angst gehabt, dass wenn Bush kommt und Sharon, dann kommen finstere Zeiten, das haben wir alle gesagt vorher, und die beiden sind gekommen, und es sind finstere Zeiten“, sagt Peymann und freut sich, dass er Recht behalten hat.

Bald gehen am Schiffbauerdamm die Lichter aus, und im „Ganymed“ neben dem BE werden auf Befehl von Bush und Sharon Hamburger serviert. Wer beim Essen keine Hand in der Hosentasche hat, bekommt Lokalverbot. Ein letztes Wort von Sloterdijk über den US-Cowboy macht klar, worum gepokert wird.

„Der Präsident der USA ist so etwas wie ein gewählter Papst, er kann es sich leisten, in dieser taktlosen Art und Weise mit den Händen in der Hosentasche Weltpolitik zu machen… Wie will Amerika lernen, die Menschen weniger zu demütigen? Das ist eine psychopolitische Grundfrage des kommenden Jahrhunderts. Wir alle hängen davon ab, daß diese Lektion ankommt.“

Da war der 11. September nur eine erste Nachhilfestunde. Wer danach immer noch mit den Händen in den Taschen herumläuft und die Menschen demütigt, soll sich nicht wundern, wenn er bald wieder belehrt wird. In finsteren Zeiten haben Glühwürmchen viel zu tun.

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