Zeitung Heute : „Das hat was von einer Dreckschleuder“

-

Der Historiker Wolffsohn hat Münteferings Kapitalismuskritik mit der antijüdischen Hetze der Nazis verglichen. Trifft der Vorwurf, Herr Wehler?

Ich kann das nicht finden, obwohl ich glaube, dass Müntefering sich in der Sprache vergaloppiert hat. In einem Land mit dieser Geschichte muss man seine Worte auf die Goldwaage legen. Müntefering wäre gut beraten gewesen auf den Begriff der Heuschrecken, die da über die arme Bundesrepublik herfallen, zu vermeiden. Der Vergleich von Menschen mit Tieren ist ganz unangemessen. Zwischen Männern und Frauen gibt es Liebkosungen, in denen Tiere eine Rolle spielen, das ist okay – aber im politischen Diskurs sollte man derartige Vergleiche vermeiden.

Hat Michael Wolffsohn also Recht, wenn er Müntefering vorwirft, er bediene sich aus dem „Wörterbuch des Unmenschen“, weil er den mit Heuschrecken Verglichenen das Menschsein abspreche?

Nein. Das ist ein polemischer Stil, der von Müntefering in die Debatte eingeführt wurde, um bestimmte Sehnsüchte der Parteigetreuen zu bedienen. Ich kann aber nicht finden, dass so eine einzige sprachliche Entgleisung vergleichbar ist mit der öffentlichen und internen Sprache der Nationalsozialisten. Eine solche Attacke – und manchmal, muss man ja sagen, werden Unternehmen ja in der Tat aufgekauft, aufgeteilt, ausgeplündert und dann geschlossen, also so ganz abwegig ist der Vorwurf, der da formuliert wird, nicht – eine solche Attacke kann man überhaupt nicht vergleichen mit der mörderischen Konsequenz, die in nationalsozialistischen Ausdrücken von „Parasiten“ und „dem Juden als Todfeind der Moderne“ steckte.

Worin besteht der wesentliche Unterschied zwischen heutiger Polemik und damaliger Hetze?

Der wesentliche Unterschied ist der, dass die radikal antisemitische Sprache des Nationalsozialismus anfangs auf Vertreibung aus dem Reich, dann aber letztlich auf physische Vernichtung zielte.

Nun sagt Wolffsohn, unausgesprochen schwinge im Vergleich mit den Heuschrecken eben dies mit: dass sie als Plage vernichtet, ausgerottet werden müssten…

Mein Sprachgefühl sagt mir das nicht. Ich bin mit Bibellektüre groß geworden. Im Alten Testament spielt die Heuschreckenplage eine große Rolle. Wenn die damals den Nahen Osten heimsuchte, dann war man wehrlos, es gab kein Mittel, ihr irgendwie entgegenzutreten – ganz zu schweigen davon, dass man Heuschreckenschwärme solcher Größe nicht vernichten konnte. Ich glaube nicht, dass in dem Sprachgebrauch, den jeder Christ durch die Lektüre des Alten Testaments irgendwann mal kennen gelernt hat, so ein Vernichtungsappell steckt wie in der Sprache der Nationalsozialisten.

Wie treffend ist es, der Liste angeprangerter Unternehmen einen antisemitischen Impetus zu unterstellen, weil sie, wie Wolffsohn sagt, Firmen enthalte, die jüdisch seien oder jüdische Namen trügen?

Die Liste ist ja wohl von einer SPD-Expertengruppe erstellt worden. Wenn ich irgendjemanden für frei halte von antisemitischen Vorurteilen, dann sind das im Augenblick die Bürokratien der bundesrepublikanischen Parteien – und zwar aller. Ich halte das für ein völlig überzogenes Argument. Das hat was von einer Dreckschleuder: Es passt einem die polemische Diskussion nicht und dann wird in Deutschland ganz schnell der Antisemitismusverdacht ausgesprochen.

Hans-Ulrich Wehler ist emeritierter Professor für Allgemeine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in Bielefeld.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben