Zeitung Heute : Das Haus der Bundespressekonferenz von Nalbach und Nalbach am Schiffbauerdamm gibt sich offen

Falk Jaeger

Die Terroristen der Baader-Meinhof-Gruppe haben nicht nur die Gesellschaft und das öffentliche Bewusstsein in der Bundesrepublik verändert, sie haben auch die Architekturentwicklung nachhaltig beeinflusst - allerdings unfreiwillig. Öffentliche Gebäude gleichen seither abweisenden Festungen. Architekten haben zuweilen erhebliche Mühe, größere Komplexe so zu organisieren, dass sie von nur einem, gut kontrollierbaren Eingang aus erschlossen werden können. Deshalb fällt bei dem neuen Gebäude der Bundespressekonferenz am Schiffbauerdamm zuerst seine einladende Geste ins Auge: Hier kann aus- und eingehen, wer will, ohne sich dem Zerberus erklären zu müssen. Ein offenes Haus im Wortsinne, mit Eingängen an allen vier Seiten.

Er ist ein Umschlagplatz für Informationen und Meinungen, dieser Neubau der Bundespressekonferenz, dessen Saal im ersten Obergeschoss bald jedem Fernsehzuschauer so bekannt sein wird wie sein holzgetäfelter Vorgänger in Bonn. Hier sind die Regierungssprecher zu Gast, hier stehen die Sprachrohre der Minister Rede und Antwort, in ihrer Position zwischen Dienstbarkeit und Verantwortlichkeit, zwischen Wissen und Nicht-Sagen-Dürfen, zwischen Loyalität dem Dienstherrn und kollegialer Vertraulichkeit der Presse gegenüber.

Wie in Bonn sitzen die Pressesprecher aufgereiht auf höherer Warte (davor die Stenografen am Katzentisch). Doch sie demonstrieren damit nicht ihre hoheitliche Stellung, sondern können so von den Scheinwerfern besser in gleißendes Licht gerückt werden. Fernsehgerechtes "Bluebox-Tiefblau" bildet den Hintergrund der Sprecher. Bei den Dolmetscherkabinen haben sich die Architekten Johanne und Gernot Nalbach mit der Abkehr vom rechten Winkel ein wenig Gestaltungsfreiheit erlaubt. Das große, querovale Fenster würde der Architekt Josef Paul Kleihues vermutlich ein Element des "Poetischen Rationalismus" nennen.

Durch das Panoramafenster zur Rechten geht der Blick des Argusauges hinüber zum Kanzler. Zur Linken gewähren Glastüren Einblick in das Atrium des Hauses, in das man über einen breiten Treppenlauf mehr hinabschreitet als -steigt. Nach außen wie zum Atrium ist der 210 Plätze fassende Saal als Herzstück des Bauwerks architektonisch nobilitiert: Er erscheint wie ein riesiges, mit Nero Marquina - einem schwarzen italienischen Marmor - gerahmtes Bild, ein Schauplatz, auf dem die "vierte Gewalt" ihre Kontrolle ausübt.

Immer häufiger sind in Berlin Versuche zu beobachten, dem einschläfernden Rastergleichmaß einer steinernen Architektur durch Rhythmusvariationen der Fenster zu entrinnen: so bei den Botschaften Indiens (Léon Wohlhage Wernik) und Malaysias (Pysall Stahrenberg und Partner) und der Landesvertretung Niedersachsens (Cornelsen + Selinger). Der Versuch gelingt jedoch selten, denn Würfelkubatur und Konstruktionsraster lassen sich kaum überschminken. Auch die Nalbachs wählten eine abwechslungsreichere Fassade. Statt der ermüdenden Quadratraster solle ein lebendiges Bild entstehen, betont Johanne Nalbach. Deshalb sind die Fassenfelder unterschiedlich ausgefacht und bilden doch gleichzeitig das innere Achsmaß von 1,35 Meter nach außen ab.

Breite Glasflächen, schmale Öffnungsflügel und Opakglasflächen wechseln sich als Füllung der Basaltlava-Fassade ab. Am blockhaften Erscheinungsbild des Baukörpers ändert dies zwar wenig, doch entwickelt sich auf diese Weise ein munteres Vexierspiel. Nachts gewinnt das Haus zusätzlich an Ausdruck, denn die Opakfelder leuchten. So tritt die Lichtinszenierung des Hauses in einen Dialog mit der gegenüberliegenden Reichstagskuppel.

Marktplatz der Informationen

Auch die Vordächer leuchten von innen und laden zum Eintritt. Das Atrium ist, prosaisch ausgedrückt, essenzielle Funktionseinheit des Hauses. Poetischer betrachtet, handelt es sich um einen Marktplatz der Informationen, beäugt aus hundert Fenstern der umliegenden Büros: ein informeller Treffpunkt, Lobby und Foyer, ein Ort für Interviews bei Regen. Die Landschaftsarchitekten Müller und Wehberg haben das Atrium gestaltet und dort fünf Schwarzolivenbäume gepflanzt. In mühevoller Handarbeit wurde außerdem eine Spur quer durch die Halle auf den Granitboden gehämmert - es ist die Spur der Berliner Mauer, die just hier verlief.

In den Obergeschossen Büros und Studios, konventionell durch Mittelflure erschlossen, flexibel aufteilbar vom Zweiachser bis zum Großraumbüro. Trotz moderater Baukosten - knapp 60 Millionen Mark für 28 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche - wurde ein hoher Ausbaustandard erreicht, mit Türen, Zargen, Paneelen und massiven Handläufen aus Hemlock-Holz, Holzfenstern, von innen zu öffnen und zu reinigen, mit fröhlich-roten Teppichläufern und Parkett am Rand in den Fluren, die zudem elegante gläserne Ecken zur Beleuchtung erhielten.

Individuelle Wünsche haben die Allianz Versicherungs AG als Bauherr und die Bundespressekonferenz als Hauptmieter und -nutzer nicht formulieren mögen. Sie haben ein ansehnliches, qualitätvolles Gebäude bekommen. Doch es blieb bei der etwas enttäuschenden Konzeption eines konventionellen Bürohauses. Von der Architektur für eine pulsierende Nachrichtenbörse hätte man mehr erwarten können.

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