Zeitung Heute : Das Haus der Geister

Ein Stück vom verlorenen Paradies: Villa Massimo, römischer Ort der deutschen Künstler. Heute Abend wird sie in Berlin gefeiert

Peter Becker[Rom]

Sie haben alle schon Preise erhalten, und manche sind sogar richtig berühmt. Einige sind nach Rom mit ihren Kindern, Frauen, Männern gekommen, gleichwohl gelten sie eher als Einzelgänger. Nun aber hocken die zehn Künstler aus Deutschland wie zehn Novizen einer noch wunderlich fremden Anstalt vor ihrem Direktor.

Von ihm werden sie an diesem Morgen ein paar Dinge fürs Leben in den nächsten elf Monaten erfahren. Dass Menschen, die sich in Italien länger als gewöhnliche Reisende aufhalten, für Einkäufe ab 100 Euro einen „codice fiscale“, also eine Art Steuernummer brauchen. Oder dass die Stadt Rom das Einfüllen von Hausmüll in die am Straßenrand aufgestellten Container nachts keineswegs verbietet; es vielmehr erst ab 19 Uhr 30 gestattet. Das ist bemerkenswert – weil die Künstler ihren Müll bitte selber wegzubringen haben.

Da sitzen sie und müssen lachen, dicht gedrängt auf Sofa und Stühlen im kleinen Marmorsaal, goldbraune Mosaiken im Blick oder hinterm Fenster antike Plastiken und einen barocken Brunnen. Der Direktor begrüßt die zwei Frauen und acht Männer zwischen Anfang 30 und Mitte 40, die als Stipendiaten auch seine Gäste sind. Aber ein paar Spielregeln und die Hausordnung müssen schon sein. Zum Beispiel verlangt das Bundesverwaltungsamt im fernen deutschen Norden, dass Übernachtungsgäste der Künstler anzumelden und pro Tag mit zehn Euro zu berechnen sind. Das indes sollten sich die Stipendiaten, die jeder ein eigenes Atelier mit Wohnung plus 2500 Euro Monatssalär erhalten, eben noch leisten können. Zumal, wie wir auf diskrete Nachfrage hören, ein unverhoffter One-Night-Stand keinesfalls berechnet würde.

Wir sind in der legendären Villa Massimo, und vor Joachim Blüher, dem Direktor, sitzt der eben angereiste neue Jahrgang der Massimo-Stipendiaten. Zu ihnen gehören der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze, der Leipziger Maler Matthias Weischer, die Berliner Architektin Wieka Muthesius oder die rumänische Videokünstlerin Aurelia Mihai. Wer mindestens fünf Jahre schon in Deutschland lebt und künstlerisch arbeitet, der kann sich in einem anspruchsvollen Auswahlverfahren für die Villa Massimo bewerben. Deutschland, der deutsche Staat, hat für bildende Künstler und Dichter, für Komponisten und Architekten kein feineres, kein gefragteres Stipendium zu vergeben.

Hier also könnte es sein, ein Stück vom verlorenen Paradies! Der erste Gedanke.

Stadteinwärts, nur wenige Kilometer entfernt, hat sich gerade wieder Italiens Regierung zerrüttet, und die Welt ist sowieso voller Krisen, Kriege, Klimakatastrophen. Doch inmitten des immergrünen Parks der Villa Massimo im Nordosten Roms scheint das Dasein noch einmal geborgen. Lasset alle Hoffnung fahren – hier hinein, singt die Luft, hier hinein, wo die Künstler unter Zypressen und Oliven, hinter Lorbeerhecken und gesäumt von griechisch-römischen Statuen nebst murmelnden Fontänen ein geschenktes Jahr lang arbeitende, erkundende oder auch nur entrückt entspannte Gäste sind.

Ein goethisches Ideal und eine großzügige Idylle, zu schön vielleicht, um ganz wahr zu sein. Das ist der zweite Gedanke.

Tatsächlich wurde der Hoffnungsklang für manche hier auch zum Sirenengesang. Folglich gab es in der magischen Villa, die offiziell als „Accademia Tedesca“, als Deutsche Akademie in Rom firmiert, schon so ziemlich alle Dramen: zwischen höchstem Glück und finsterster Verzweiflung. Und wenn es zum Mord nicht reichte, dann zum Rufmord. Große Geister schaffen so ihr Geister-Haus.

Zudem macht die Historie, macht die deutsch-jüdische Geschichte die 1910 von dem Berliner Industriellen, Kunstsammler und Mäzen Eduard Arnhold gegründete und alsbald dem preußischen Staat zur Förderung der Künstler gestiftete Villa Massimo zu einem sehr besonderen Ort. Längst ist sie ein Mythos.

Das weiß auch Joachim Blüher. Darum will er den Zauber bewahren, den Mythos aber wie ein listenreicher Ulixes mit der Moderne versöhnen, verweben, die arkadische Akademie ganz in die Gegenwart vernetzen. Networking für seine Künstler und das schöne Haus ist ohnehin Blühers große Leidenschaft. Nach ihrer mehrjährigen Schließung und Renovierung hat der 53-jährige Kunsthistoriker und vormalige Galerist in Köln und New York 2003 die Leitung der Deutschen Akademie übernommen.

Jetzt bringt er die Villa Massimo zum ersten Mal in ihrer bald hundertjährigen Geschichte zurück nach Berlin, in die Stadt ihres Stifters. Heute Abend und nur an diesem Abend präsentieren sich die Künstler des eben vergangenen „Jahrgangs 2006“ im Westflügel des Martin-Gropius-Baus. Die Schriftstellerin Terézia Mora wird Unveröffentlichtes lesen, Konzerte und Klanginstallationen sind zu hören, es gibt drei römisch raffinierte Videofilme von Christoph Brech und die Präsentation eines kürzlich entdeckten antiken Maecenas-Porträts als Hommage an den Mäzen Eduard Arnhold. Der Bundespräsident wird kommen, Feridun Zaimoglu soll reden und der Kulturstaatsminister, dessen Amt die Etathoheit über die Villa hat.

Der Gropius-Bau, bei freiem Eintritt und nur einen einzigen Abend lang? „Ja, genau das!“, ruft der römisch-germanische Direktor mit all seinem Enthusiasmus. Denn Blüher ist ein Liebhaber des „effìmero“. Er beschwört die „Kunst des Ephemeren“, die im Italienischen weit mehr bedeutet als bloße „Event-Kultur“. Es geht um das zündende Feuerwerk, das zwar nicht alle sehen, über das alle, die dabei waren, aber allen anderen erzählen.

So inszeniert er für die deutschen Künstler und die römische Gesellschaft, immer am 10. Juni, dem Geburtstag Eduard Arnholds, das alljährliche Massimo-Sommerfest, bei dem die Ateliers der Stipendiaten für eine Nacht geöffnet bleiben; so setzt er bei einer Kostprobe neuer Massimo-Komponisten die kaum mehr als 250 Besucher zusammen mit den Musikern auf die Bühne des riesigen, von Renzo Piano erbauten römischen Auditorio. Das vermeintlich Ephemere konfrontiert sich den leeren 2500 Plätzen des Zuschauerraums: eine selbstbewusste Demonstration. Oder weil man in der Villa mit keinem Museum konkurrieren kann, lädt der Direttore einmal im Jahr einen italienischen und einen deutschen Großkünstler als Ehrengäste ein, die mit jeweils einem einzigen Werk einander gegenübergestellt werden: „Soltanto un quadro al massimo“, nur ein Bild in der Massimo haben zuletzt unter anderem Jörg Immendorff und Jannis Kounellis gezeigt, dieses Jahr treffen Rosemarie Trockel und Michelangelo Pistoletto aufeinander.

Networking. Von den 1,34 Millionen Euro für den jährlichen Unterhalt der Villa und der Stipendiaten in ihren zehn großzügigen, im Park aufgereihten Künstlerateliers bleibt zu wenig übrig, um Aktionen, Feste, Exkursionen, Konzerte und Ausstellungen zu inszenieren. Deshalb sucht Joachim Blüher auch Sponsoren. Da sind die pharmazeutische Altana AG im Spiel oder BMW Italia. An BMW vermietet Blüher die Villa für einen Tag im Jahr, und plötzlich stehen dann Oldtimer oder Formel-1-Renner im sonst so stillen Park.

Ein anderes Mal halten die Schönen und Reichen ganz um ihrer selbst willen Einzug in die vor einigen Jahren von außen, von der römischen Gesellschaft noch kaum beachtete Idylle. Blüher hat es geschafft, dass der mit Fernsehscheinwerfern und Partyzelten bestückte Park zur sommerlichen Bühne des „Globo d’Oro“ wird, des Filmpreises der Auslandspresse. Dann kommen Monica Bellucci, Emir Kusturica oder Bud Spencer (der unweit der Villa wohnt), kommen Sergio Castellitto und Margarethe von Trotta. Gelegentlich gibt es auch noch Auftritte von Ministern und Präsidenten aus Rom, Berlin oder Mailand, von der Regierung oder von Ferrari, musischen oder nur mächtigen Magnaten – die auch Kunst sammeln.

Dies freilich geht manchen Künstlern, vor allem Schriftstellern, die man nicht sammeln kann, ein wenig auf die Nerven. Es ist der alte, vor allem bei deutschen Geistern tief verwurzelte Konflikt zwischen freier Kunst und fördernder, womöglich auch fordernder Macht. Ein Zwiespalt auch zwischen Moral, Ideal und Realität. Darüber hat ein Italienreisender, der zugleich Dichter und Minister war, just in Rom vor gut zwei Jahrhunderten in einem Drama geschrieben, dessen Held es in der Rolle des mäzenatisch ausgehaltenen Künstlers zerreißt; es ist der „Torquato Tasso“ von Goethe.

Dessen Konflikt lebt in der Villa Massimo immer wieder auf. Manchmal erscheint er getarnt oder verdrängt auch nur in leichten Neurosen, Allüren, Überempfindlichkeiten. Allein die komisch katastrophischen Anekdoten über störende Nebengeräusche von Kleinkindern, Hunden, Katzen oder Rasenmähern sind in Gesprächen mit früheren Stipendiaten Legende, seien die Zeugen etwa Autoren wie Tankred Dorst, Botho Strauß, Michael Krüger – oder der Direktor Joachim Blüher. Er hat in seinen ersten drei Jahren schon Künstlerdiven erlebt, die für Kontakte in der Villa eine Voranmeldung bei ihrem Verlag in Frankfurt verlangten oder 30 Minuten Bewässerung des Parks in den südlichen Sommernächten als bösartige Ruhestörung geißelten.

Doch es gibt noch ganz andere Kaliber. Zum Beispiel den jähen und genial zornigen, später bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Poeten Rolf Dieter Brinkmann. Von ihm ist 1979 posthum das Buch „Rom. Blicke“ erschienen, eine so monumentale wie manische Abrechnung mit seinem Jahr in der Villa Massimo, mit dem deutschen und italienischen Bürgertum, mit der in seinen Augen versteinerten oder vulgarisierten Kloake Rom. Ein Zeugnis finsterster, freilich sprachgewaltiger Verzweiflung. Unendlich viel sanfter, kontrollierter, doch auch mit einer gewissen Unerbittlichkeit bilanziert jetzt im Gespräch, im Prenzlberger „Café Gagarin“, die Schriftstellerin Terézia Mora ihre römischen Erfahrungen.

Die Bachmann-Preisträgerin ist an ihrem Schreibtisch, Tag für Tag, eine strikte Arbeiterin, und kein Mensch für das „Repräsentative“, das die Villa und ihre so interessant extrovertierte Direktion verkörpere. Sie möchte, obwohl dankbar für das Stipendium, ihren Dank auch nicht zeigen müssen. Trotzdem beteiligt sie sich heute am Abend der Villa Massimo in Berlin. Weil sie dann weniger sich oder eine Institution, sondern neben der Musik und den immer auffälligeren visuellen Künsten den Wert des Worts, der Literatur repräsentiere. Ihr literarischer Mitstipendiat, der Frankfurter Autor Andreas Maier, hat seine Beteiligung dagegen abgesagt.

Ingo Schulze, der nun in Rom das Atelier Nummer 10, just das von Rolf Dieter Brinkmann, bewohnt, ist da ganz anders gestimmt. Gerade hat der Berliner Autor seinen gefeierten neuen Erzählungsband „Handy“ veröffentlicht und freut sich auf ein „Bildungsabenteuer“. Zum Abenteuer gehört für ihn und seine Frau auch, dass ihre beiden Töchter seit ein paar Tagen in einen römischen Kindergarten gehen. „Nette Kinder?“, fragen wir. „Ja, und nette Nonnen!“, strahlt Clara, die Winzgöre aus dem eher gottlosen Berlin. Und der Vater sagt: „Ich habe schon zu meinen DDR-Zeiten von diesem Stipendium geträumt, weil ich hörte, dass Uwe Johnson hier in den 60er Jahren war.“

Dankbar, ganz altmodisch dankbar wirken jetzt auch Ulf Stolterfoht, der als großartiger, aber bisher nur in Kleinauflagen gedruckter Lyriker drei kleine Kinder durchzubringen hat – und Matthias Weischer. Der 33-jährige gebürtige Westfale, schmal, mit einem jungenhaften Lockenkopf, lebt seit 1995 in Leipzig und malt wunderlich surreale Innenräume, Bilder, deren Preise in den letzten Jahren explodiert sind. Bei Christie’s hat ein Bild 2006 über 440 000 Dollar erbracht. „So viel Erfolg ist schon krass“, sagt er mit freundlichem Ernst und hofft hier auf „Abstand“. Er sucht in der Gruppe anderer Künstler und in der neuen Umgebung mehr Normalität statt Hype. Vielleicht auch den Ausbruch aus seinen so erfolgreichen Interieurs.

Diese Mischung hätte Eduard Arnhold gefallen. Der Mäzen, jetzt muss der Reporter es sagen, ist mein Urgroßonkel. Er war auch der Freund und Förderer Max Liebermanns, von Nolde und Macke oder des Museumsdirektors Bode. Obwohl schon 1925 verstorben, ist „Onkel Edu“ in der Familie geisterhaft präsent geblieben. Doch seine Sammlung vor allem französischer Impressionisten wurde, soweit nicht gestiftet, von den Nazis entwendet und steht auf der weltweiten Raubkunstliste. Das Haus seines in die USA emigrierten Bruders ist jetzt die American Academy am Wannsee. An Eduard Arnhold aber erinnert in Berlin fast nichts mehr. Auch darum will ihn der ideensprühende Direktor Blüher heute Abend symbolisch an den Ursprungsort zurückholen. Denn seine Villa Massimo ist ja doch: ein Stück vom verlorenen Paradies.

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