Zeitung Heute : Das Haus der Wirtschaftsverbände am Spreeufer in Mitte

Jürgen Tietz

Zentraler als die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA), der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) kann man in Berlin nicht präsent sein. Schließlich liegt das neue Domizil der drei großen Wirtschaftsverbände an der Breiten Straße in Mitte, gleich hinter Ribbeck-Haus und Marstall, also quasi direkt an der Keimzelle des historischen Berlin. Bis auf weiteres wird sogar der Bundeskanzler in Sichtweite im ehemaligen Staatsratsgebäude amtieren.

Zu DDR-Zeiten als Parkplatz genutzt, überraschte das Areal am Spreeufer bei den Ausschachtungsarbeiten: Eine Notgrabung des Landesamtes für Bodendenkmalpflege förderte Überreste eines Holzhauses zutage, die bis an den Anfang der mittelalterlichen deutschen Siedlungstätigkeit im Berliner Raum zurückführen. Dank dendrochronologischer Untersuchungen konnten die Funde in die Zeit um 1170 datiert werden. Erst gute 60 Jahre später - nämlich 1237 - wurden die Kaufmannssiedlungen Berlin und Cölln erstmals urkundlich erwähnt.

Mit dem Haus für die Wirtschaftsverbände des in Berlin derzeit vielbeschäftigten Hamburger Architekturbüros Peter Schweger und Partner ist jetzt ein klar gegliedertes, steinernes Gebäude entstanden. Es bewältigt spielend den Spagat zwischen Zurückhaltung und Repräsentation und setzt zudem in dem unwirtlichen Gebiet gegenüber der Fischerinsel einen wichtigen städtebaulichen Akzent. Zwar wird mit dem Gebäude nicht die historische Parzellierung des Areals rekonstruiert, doch immerhin nimmt es mit seiner Gliederung in mehrere bauliche Einheiten das Motiv der Einzelhausbebauung auf. Das entspricht dem Charakter des Ortes sowie den Anforderungen der einzelnen Verbände und verhindert gleichzeitig das Entstehen einer erschlagenden architektonischen Monostruktur.

Entlang der Breiten Straße erstreckt sich der Bauteil des BDI. Seine Lochfassade mit den bündig sitzenden zweischaligen Fenstern, die für den notwendigen Lärmschutz sorgen, wird von einer doppelgeschossigen Glasfront durchbrochen. Durch sie wird auch von der Breiten Straße aus der Kunstraum erkennbar, der zukünftig zeitgenössischen Künstlern als Ausstellungsraum dienen soll. Der Kunstraum ist Teil des ambitionierten Kunstprogramms im "Haus der deutschen Wirtschaft", für das der "Kulturkreis der deutschen Wirtschaft" verantwortlich zeichnet.

Zwischen die Bauteile des BDI und DIHT schiebt sich der vollständig in Stahl und Glas ausgeführte Eingangsbereich, der zum Innenhof führt. Tief zwischen die beiden Bauvolumen eingeschnitten, verbindet er diese und betont gleichzeitig ihre Eigenständigkeit. Auch die Differenzierung der Fassadenverkleidung grenzt die Bauteile der einzelnen Verbände voneinander ab: Statt eines hellen Sandsteins wie beim BDI, fand bei DIHT und BDA ein dunklerer grauer Sandstein Verwendung. Die ab dem dritten Geschoss beim Bauteil des DIHT deutlich aus der Fassadenflucht hervortretenden doppelschaligen Fensterbänder verleihen dem Gebäude ein horizontales Relief. Ein Motiv, das dem vorbeirauschenden Verkehr am Mühlendamm einen kraftvollen architektonischen Akzent entgegensetzt.

Einer der Höhepunkte des Verbände-Hauses ist seine Fassade zur Spree. Nahezu den Dimensionen des goldenen Schnittes folgend, gliedert sich der Bau auch hier in drei Sequenzen. Dem DIHT mit seinen dynamischen Fensterbändern folgt der Konferenzturm, der zwischen einem Treppenhaus und einer Glasfront eingeschoben wurde. Leicht aus der Bauflucht zurückgezogen, präsentiert er zum Wasser hin seinen fast haushohen gläsernen Wintergarten mit punktgehaltenen Glasscheiben. Der abschließende Bauteil des BDA, wiederum durch ein anderes Fensterformat differenziert, nimmt den sanften Schwung der Uferlinie auf und leitet zum Marstall über, einem Bau des Hofarchitekten Kaiser Wilhelms II., Ernst von Ihne. Durch seine stringente Gliederung schafft das Haus der Wirtschaftsverbände ein zeitgemäßes Gegengewicht zur kleinteilig bewegten Fassade seines neobarocken Nachbarn. Ein einheitlich gestaltetes Staffelgeschoss mit Wohnungen, das hinter eine Dachterrasse zurückgezogen ist, bindet die Bauteile der drei Verbände zusammen. Mit geätztem Glas verkleidet und durch horizontale Metallstreben gegliedert, verleiht es dem Gebäude einen Art-déco-haften Akzent.

Der großzügige Innenhof wartet mit einer besonderen Überraschung auf: Seine luftige Fassade ist fast vollständig in Glas und Holz aufgelöst. Einen deutlichen Kontrast dazu schaffen die Treppenhäuser und der steinerne Turm, der in seinen ersten drei Geschossen das gemeinschaftlich genutzte Konferenzzentrum der drei Verbände beherbergt. Eine hohe Glas-Stahl-Konstruktion überwölbt den gesamten Innenhof und schützt ihn vor Witterungseinflüssen. Dieses weithin sichtbare gläserne Dach, dessen Formen entfernt an Palladios Basilika in Vicenza erinnern, verankert das Gebäude zusätzlich in der Topographie Berlins.

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