Zeitung Heute : Das Heim wird zum Boxenstop

HORST W. OPASCHEWSKI

Wohl kaum eine Entwicklung hat die Einstellungen, Verhaltensweisen und Lebensgewohnheiten der Menschen so stark geprägt wie der Wandel der arbeitsfreien Zeit. Neue Lebensstile entwickeln sich und verändern sich mit erkennbarer Dynamik. Das hat Auswirkungen auf den Menschen und die Gesellschaft.Ende der 50er Jahre ging die Geburtenrate in der Bundesrepublik einem Höhepunkt entgegen. Der sogenannte "Baby-Boom" führte dazu, daß "mit Kindern spielen" eine der wichtigsten Freizeitbeschäftigungen in der Familie wurde. Die Familie war das eigentliche Freizeitzentrum. Zu den familienbezogenen Freizeitaktivitäten gehörten auch regelmäßige Verwandtenbesuche.Anfang der 60er Jahre wurde das "Aus-dem-Fenster-Sehen" durch das "Fernsehen" verdrängt. Und aus dem Spiel mit den Kindern wurde die Beschäftigung mit der Familie.Mitte der 70er Jahre kündigte sich eine wesentliche Zäsur in der Entwicklung des Freizeitverhaltens an: Der Medienkonsum mit Zeitschriften und Zeitungen lesen, Radio hören und Fernsehen wurde zum Leitmedium des Freizeitverhaltens.Mitte der 80er Jahre kam neben dem Medienkonsum das Telefonieren als dominante Freizeitbeschäftigung hinzu. Das Telefon bekam eine wichtige Rolle bei der Suche nach Freizeitkontakten. Das Telefon war Kontaktbrücke nach außen und zugleich ein Instrument der "Langeweileverhinderung". Auf dem Höhepunkt des neuen Tennisfiebers tauchte erstmals der Sport in der Top-Ten-Liste der Freizeitaktivitäten auf.Ende der 90er Jahre - die junge Generation hat es schon lange vorgelebt - wird auch für die übrige Bevölkerung Shopping zum Freizeiterlebnis. Die neuen Einkaufserlebniscenter lassen grüßen, und die elektronischen Freizeitmedien werden immer bedeutsamer. Vor dem Hintergrund von Konsumstreß und Medienflut bekommen das Ausschlafen, Faulenzen und Nichtstun eine neue Bedeutung. Und je hektischer das Alltagsleben wird, desto mehr wächst die Sehnsucht nach Ruhe"Cocooning" hat die amerikanische Marktforscherin Faith Popcorn das Bedürfnis nach Sich-Einspinnen in den eigenen vier Wänden, eine Art Nestbau und Kokon-Dasein, genannt: Der totale Rückzug - ins eigene Zimmer. Das "Leben im Kokon" (Popcorn 1992, S. 42) drückt eine innere Haltung aus. Man möchte zur Ruhe finden und in Ruhe gelassen werden. Freizeit als Eigen- und Mußezeit bekommt eine wachsende Bedeutung. Das Kokon-Bedürfnis nach Ausschlafen, Faulenzen und Nichtstun ist eine Antwort auf die Hektik des modernen Lebens.Ein Paradox: Die Menschen sehnen sich immer mehr nach Ruhe und finden zugleich immer weniger Ruhe. Sie wollen die Seele baumeln lassen, werden aber kaum in Ruhe gelassen. Freizeit als Eigen- und Mußezeit: mehr Traum als Wirklichkeit. Augenfällig ist auch: Noch gibt es mehr Zoobesucher (4 Prozent) als Internetsurfer (3). Die vermeintlich explosive Entwicklung der neuen Kommunikationstechnologie stößt an ganz natürliche Grenzen: Die Nutzung von Online-Diensten kostet nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit. Das vorhandene Zeitbudget für den alltäglichen Medienkonsum ist nicht beliebig erweiterbar. Wer im Internet surft, kann nicht gleichzeitig "Baywatch" im Fernsehen sehen oder gar vor Sylt auf dem Wasser surfen. Der Zeitfaktor ist zum größten Hindernis für eine massenhafte Internet-Verbreitung geworden.Mit der wachsenden Freizeit- und Erlebnisorientierung des Lebens verändern sich auch die Einstellungen zu Arbeit, Beruf und Karriere. Neuere Sozialforschungen weisen nach: Karrieren bleiben nicht mehr nur auf den beruflichen Bereich beschränkt - sie bekommen Konkurrenz vom Freizeitbereich. Es entwickeln sich neue "Freizeitkarrieren" mit eigenen Qualifikationsprofilen z.B. als Sportler, Heimwerker oder Computerfreak, die fast professionelle Ansprüche erfüllen und Hobby- und Berufsinteressen miteinander verbinden.Weit verbreitet in Öffentlichkeit und Medien ist das Bild des Computerfreaks, der blaß, einsam und kontaktscheu in seiner elektronischen Höhle weilt. Das Klischee stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Computerfreaks sind nicht losgelöst, sondern stehen mit beiden Beinen auf der Erde: Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung treiben sie mehr als doppelt so viel Sport, sind mehr als alle anderen mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs und gehen besonders gerne baden oder ins Kino.Computerfreaks sind jung und dynamisch, sportlich aktiv und viel unterwegs. Sie leben zwischen den beiden Spannungspolen Konzentration und Bewegung. Sie machen von der Medienvielfalt intensiven Gebrauch und sind eigentlich immer in Aktion und Bewegung. Eher besteht bei ihnen die Gefahr, daß sie nicht zur Ruhe kommen. Sie sind hin- und hergerissen, weil sie so viele Interessen haben. Der Computer läßt sie nicht in Ruhe. Er fordert ihre ganze Konzentration und Aufmerksamkeit. Und zur psychischen Entspannung und zum körperlichen Ausgleich nutzen die Computerfreaks jede freie Minute. Sie sind auf der Suche nach einem ausbalancierten Lebenskonzept.Eine junge Generation wächst heran und entwickelt sich zum Konsum-Pionier für neue Medientechnologien. Aus den Kindern von Karl Marx und Coca Cola sind die Kinder von Walt Disney und Bill Gates geworden. Aufgewachsen in einer Kultur zwischen Mickey Mouse und Microsoft, VIVA und MTV sind zwei von fünf Jugendlichen davon überzeugt, daß die Menschen bald "durch ihr Leben zappen wie heute schon durch die Fernsehkanäle". Im künftigen Informationszeitalter werden sie überall in der Welt, aber nirgendwo zu Hause sein. Das Heim wird zum Boxenstop und zum Terminal multipler Netzwerke. Das Surfen um die Welt kann am Ende heimatlos machen.Zur Jahrtausendwende entläßt die erste Medienrevolution ihre Kinder. Noch nie hat es eine Generation gegeben, die von Kindheit an mit elektronischen Medien aufgewachsen und von ihnen in ihrem Lebensgefühl so stark geprägt wurde wie die heute 14- bis 29jährigen. Inmitten von TV, PC, E-Mail und Internet kündigt sich im Zeichen von @ eine neue Generation an: die "Generation @". Sie surft in 90 Sekunden um die Welt, telefoniert in allen Lebenslagen, zappt wie im Fernsehen durch das Leben, steht ständig unter Strom und geht den Mitmenschen nicht selten auf die Nerven.Bill Gates geht in seiner neuesten Buchveröffentlichung "Business @" der Frage nach, welche Auswirkungen die Informationstechnologie auf die Geschäftswelt hat. Wie sieht der Web workstyle von morgen aus? In meinem neuen Buch "Generation @" lautet hingegen die Frage: Wie sieht der Web lifestyle von morgen aus, also das Leben im Informationszeitalter; Generation @ - das ist die Generation, die heute schon mit dem Computer spielt und lernt und eine neue Art zu leben praktiziert.Die Generation X ist in die Jahre gekommen: "Man wird so schnell alt! Die Zeit rast nur so dahin" schrieb der kanadische Kultschriftsteller Douglas Coupland vor einem Jahrzehnt in seinem Roman "Generation X". Die Generation X fühlte sich seinerzeit vom wirtschaftlichen Geschehen und gesellschaftlichen Leben weitgehend "eXcluded", also ausgeschlossen und ausgegrenzt. Die sich neu entwickelnde Generation @ könnte eine erste konkrete Antwort auf das Phänomen der Exklusion sein: Sie schafft sich eine eigene (mediale) Lebenskultur, von der nun ihre Elterngeneration ausgegrenzt wird, weil sie mit dem Lebenstempo nicht mehr mitkommt. Die Elterngeneration von heute ist selbst zur Generation X geworden oder muß sich so fühlen, während die Generation @ mit Tempo und mit Spaß davoneilt. Die einen drohen auf der Strecke zu bleiben - die anderen entwickeln sich zu "den" neuen Autoritäten im Informationszeitalter.Im Übergang zum 21. Jahrhundert droht eine neue Ungleichheit die künftige Informationsgesellschaft zu spalten. Die Kluft zwischen den höhergebildeten Bevölkerungsschichten, die problemlos mit den neuen Medien umgehen, und den Medien-Analphabeten, die mit der technologischen Entwicklung nicht mehr mithalten können, wird immer größer. Vor allem Hauptschulabsolventen drohen auf der Strecke zu bleiben. Nur sechs Prozent von ihnen nutzen den PC regelmäßig zu Hause für private Zwecke. Fast fünfmal so hoch ist hingegen der Anteil der PC-Nutzer mit höherer Schulbildung. Und lediglich zwei Prozent der Hauptschulabsolventen sind überhaupt in der Lage, im Internet zu surfen, während der Anteil der universitären Wissenselite fast zehnmal höher liegt. Im Zeitvergleich ist feststellbar, daß sich der Anteil der Internet-User bei den Bevölkerungsgruppen mit Haupt- oder Volksschulabschluß in den letzten Jahren kaum nennenswert verändert hat, 1997 waren es noch 0 Prozent, 1998 1 Prozent und 1999 schon 19 Prozent.Eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft von Medien-Analphabeten und Angehörigen einer Wissenselite zeichnet sich ab. Bevölkerungsgruppen mit niedrigerer formaler Bildung bleiben vom Aufbruch in das Informationszeitalter weitgehend ausgeschlossen oder werden gar abgekoppelt. Die Chancen der neuen Informationstechnologien nutzen fast nur die Höhergebildeten. Schafft sich die Info-Elite ein neues Wissensmonopol wie früher die Priester im alten Babylon durch ihre Tontafeln oder wie die Mönche im Mittelalter durch ihre Bücher und Bibliotheken in den Klöstern? (Voraus-)Wissen ist Macht, auch und gerade in der Zukunft.

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