Zeitung Heute : Das Heimatlos

Er lebt mit zwei Söhnen auf acht Quadratmetern, er hat keine Arbeit, und er wird auch keine finden. Syleimon Lokaj träumt einen Albtraum. Im vergangenen Oktober wurde er aus Deutschland in das Kosovo abgeschoben. Zu Besuch beim Überlebensversuch einer Familie.

Josef-Otto Freudenreich[Pristina]

Von Josef-Otto Freudenreich,

Pristina

Es ist wie im Fernsehen. Es ist Nacht, es regnet, und es klingelt. Herein stürmt die Polizei, wirft zuerst den Gummibaum im Flur um und dann die Schlafenden aus den Betten. Die Männer werden mit Handschellen gefesselt, die Mutter wird am Boden niedergehalten, ein Junge springt aus dem Fenster im Erdgeschoss und kann flüchten. Aber es ist kein Film. Es ist die Realität der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 2003. Es ist 1 Uhr 40 in der Stuttgarter Neugereutstraße, der Albtraum der kosovarischen Familie Lokaj. Zusammenpacken heißt der Befehl, und da nützt es auch nichts, dass der Vater einen Brief des Stuttgarter Verwaltungsgerichts mit beiden Händen hochhält, in dem steht, dass von einer Abschiebung vorläufig abgesehen werde. Den Brief zerknüllen die Beamten und werfen ihn weg.

Die Lokajs sind zu sechst. Vater Syleimon (54) arbeitet als Maurer, die Kinder Arjan (18) und Ardiana (21) gehen zur Abendrealschule beziehungsweise ins Abendgymnasium, Sohn Arben (23) ist bei einem Reinigungsdienst, seine Schwester Arta (26) bei einer Fastfoodkette beschäftigt. Mutter Hateme (52) ist schwer herzkrank und leidet immer noch unter den traumatischen Bildern der frühen 90er Jahre, als sie von den Serben vertrieben wurden. Der Vater ist seit 1993 in Deutschland, seine Familie folgt zwei Jahre später nach und gewöhnt sich ein. Die Arbeiterwohlfahrt schreibt, dass die Lokajs durch „engagierte Integrationsbestrebungen“ aufgefallen seien, dass ihr die Kinder als Dolmetscher in den Schulen halfen.

In dieser Nacht wird Syleimon Lokaj abgeführt. Im Schlafanzug, in Hausschuhen und Handschellen. Zusammen mit den Abendschülern Ardiana und Arjan, die nur das Nötigste einpacken dürfen, wobei das Wichtigste fehlt: Geld und warme Kleidung. Das eine wird nicht erlaubt, an das andere nicht gedacht, weil das kalte Kosovo weit weg ist. Sie bekommen nicht einmal eine halbe Stunde Zeit. Nur Arta, die ein Aufenthaltsrecht hat, und ihre Mutter dürfen bleiben. Eines ihrer Kinder hat es noch geschafft, den Notarzt übers Mobiltelefon anzurufen. Mit dem Rettungswagen wird Hateme Lokaj in die psychiatrische Notaufnahme des Karl-Olga-Hospitals gebracht.

Flug ins Elend

Für ihren Mann und die beiden Kinder steht ein vergitterter Polizeiwagen vor der Tür. Die Fahrt geht nach Ludwigsburg ins Industriegebiet, wo der trostlose Tross der Abzuschiebenden versammelt wird. Es sind etwa 50 Menschen, die hier warten, bis der Bus nach Baden-Baden fährt. Auf dem Flughafen Söllingen steht die Maschine, die um zehn Uhr abhebt und zwei Stunden später auf dem Rollfeld von Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, ihre Fracht ausspucken wird. Die Menschen sind zurück in ihrer Heimat, aus der sie geflüchtet sind, weil ihr Leben bedroht war. Aber jetzt, sagen deutsche Politiker, sei das Land ja wieder sicher.

Syleimon Lokaj war 15 Jahre lang Lehrer für Geschichte und Latein am Gymnasium von Decan, einem kleinen Ort, der aussieht wie viele andere. Halb fertige Häuser, Verkaufsbuden an der Straße, ein paar wacklige Steine auf dem Friedhof, Kriegerdenkmale der UCK neueren Datums. Der Pädagoge hat in albanischer Sprache gelehrt, den Schülern von ihrer Tradition erzählt, bis ihn die Schergen von Slobodan Milosevic rausgeschmissen und seine Bücher verbrannt haben. So ist er geflohen und bei einem Stuttgarter Bauunternehmer untergekommen, der ihm bescheinigt, zur „vollsten Zufriedenheit“ gearbeitet zu haben. „Herr Lokaj ist für uns unersetzlich“, teilt die Firma im April 2002 der Ausländerbehörde mit, man könne es sich unter keinen Umständen erlauben, eine „so wertvolle Arbeitskraft“ zu verlieren.

Peja im Februar 2004. In der Provinzstadt, 90 Kilometer westlich von Pristina, finden wir Syleimon Lokaj, einen gebrochenen Mann. Noch immer hat er, als Ersatz für fehlende Unterwäsche, den Schlafanzug an, mit dem er vor fünf Monaten abgeschoben wurde. Darüber trägt er einen grünen Anorak und zerschlissene Stoffhosen, die ihm Verwandte geschenkt haben. Die Sohle seines rechten Schuhs hat sich halb gelöst, er bewegt sich hinkend durch den Schnee, geht auf der Außenkante, damit die Füße nicht nass werden.

Der schmächtige Lehrer, dem in der Nacht der Polizeiaktion auch noch zwei Zähne verloren gingen, spricht nicht viel. Er habe sein Wissen und Leben verloren, murmelt er – und den Glauben an die Gerechtigkeit. „Katastrophe“ und „Tragödie“ sind die Worte, die er am ehesten findet. Was soll er auch sagen, wenn die Familie in der Mitte zerrissen ist und die Arbeitslosigkeit in dem Land, in das er zurückgeworfen wurde, zwischen 60 und 80 Prozent beträgt? Vielleicht könne er noch bei einem Bauern Kohl schneiden oder Kartoffeln klauben, hofft der 54-Jährige. Die Hoffnung ist im Kosovo ein Pflänzchen, das kaum einer wachsen gesehen hat.

Die erste Zeit hat Syleimon Lokaj mit seinen Kindern in einem feuchten Keller seiner Schwägerin verbracht, bis er gehen musste, weil sie Geld von ihm erwartete, das er nicht hatte. Danach hat er es in seinem Haus versucht, von dem die Serben nur noch die Mauern haben stehen lassen. Doch die Plastikplanen vor den Fensterhöhlen, die Strohballen als Matratze und der kleine Bullerofen in der Ecke haben vor der Kälte nicht geschützt. Jetzt haust er bei seinem Bruder, der für ihn ein Zimmer mit acht Quadratmetern geräumt hat – zusammen mit seinen Söhnen Arjan und Arben, der vor wenigen Tagen „freiwillig“ ausgeflogen ist. Arben sagt, er lebe lieber ohne Zukunft im Kosovo als illegal in Deutschland. Auch ihm, dem Fensterspringer, hat sein Arbeitgeber bescheinigt, eine ebenso zuverlässige wie „allseits beliebte“ Kraft gewesen zu sein.

Glück hat vielleicht nur eine: die 21-jährige Ardiana. Und deren Glück heißt Daniel Hohn, ein Deutscher und ein guter Junge. Manchmal ist er wie ein Bär, der sein Junges beschützt. Ein wenig tapsig, aber sehr liebevoll. Vor drei Jahren hat er Ardiana in der Abendrealschule kennen gelernt, vor einem Dreivierteljahr war er mit ihr auf dem Standesamt in Stuttgart-Zuffenhausen, um die Ehe anzumelden. Am 20. November 2003 haben sie im Kosovo geheiratet. Der 21-Jährige hatte sich zwei Tage nach ihrer Abschiebung ins Flugzeug gesetzt und ist mit 60 Kilogramm Gepäck in Pristina gelandet. Als Erstes hat er Ardiana aus dem Keller geholt und dann eine Wohnung in Peja gemietet, wo es zwar kein Geländer im Treppenhaus gibt, aber immerhin eine Elektroheizung, die 16 Grad schafft, vorausgesetzt die Stromversorgung bricht gerade nicht zusammen. 300 Euro zahlt Daniels Familie für die beiden Zimmer, doppelt so viel, wie ein Lehrer im Monat verdient. „Wenn Dani nicht gewesen wäre, hätte ich mich umgebracht“, sagt Ardiana.

Zermürbendes Warten

Für sie ist ihre Heimat fremd und bedrohlich geworden. Mit zwölf ist sie nach Stuttgart gekommen, spricht inzwischen besser deutsch als albanisch, gilt im Kosovo als Ausländerin und fühlt sich auch so. „All den Hass, den Fanatismus“, sagt sie, verstehe sie nicht, so wenig wie die Enge der grauen Stadt, in der sie die einzige Frau in der Kneipe wäre, wenn sie sich in eine traute. Ins Internetcafé könnte sie gehen. Aber dort sitzen nur kleine Jungs und spielen alle das gleiche Spiel: Counterstrike. Für einen Euro pro Stunde töten sie so viele „Terroristen“ wie möglich. Im wirklichen Leben von Peja geschehen weniger Morde – zwei in der vorletzten Woche.

Peja mit seinen 140000 Einwohnern wurde im Krieg zu 70 Prozent zerstört. Das war vor sechs Jahren, und seither haben die Einheimischen vieles wieder aufgebaut, wobei man den Eindruck hat, dass sie vor allem an Läden und Satellitenschüsseln gedacht haben. Voll sind allerdings nur die Dächer und Hausfassaden, den Geschäften fehlt es an Kundschaft, weil die Menschen mangels Kaufkraft und Arbeit zu Hause vor dem Fernseher hocken. Den Strom dazu zapfen sie illegal vom kommunalen Netz ab.

In dieser Ödnis, die durch das Eis auf den Gehwegen noch abweisender wirkt, leben Ardiana und Daniel seit fünf Monaten. Die zerbrechliche junge Frau, die gerade mal 42 Kilo wiegt, friert, auch wenn sie vier Decken übereinander schichtet. Sie hört mit dem Zittern nicht auf, weil das elektrische Heizgerät nur lauwarm wird. Und das zermürbende Warten hat kein Ende. Ihr Anwalt hat gemeint, spätestens am Jahresende 2003 seien sie zurück, weil sie ein Ehepaar sind. Doch es gibt bis heute kein Signal von den Stuttgarter Behörden, das eine baldige Rückkehr verheißt.

Stattdessen ist jetzt auch Mutter Lokaj akut gefährdet. Wenn sich auch nur ein Arzt findet, der ihr die Transportfähigkeit bescheinigt, sitzt auch sie im Flugzeug nach Pristina. Sie würde in ein Land kommen, das keine Psychotherapeuten hat, in dem seelisch kranke Menschen ausschließlich mit (alten) Medikamenten behandelt werden, die sie selbst bezahlen müssen, in dem die einzige Psychiatrie eine inhumane Verwahranstalt ist, die Uniklinik in Pristina. Ein grauer, zweistöckiger Betonklotz, in dem an den Wänden der Stehklos das Wasser die Wände herunterläuft, in dem ein Arzt 72 Patienten betreut, kriegstraumatisierte Menschen, die zum Teil jahrelang in Mehrbettzimmern liegen. Morgens zwischen sieben und halb acht bekommen sie ihre Pillen, danach sind sie sich selber überlassen, dämmern in den Tag hinein. Wer einen Besucher entdeckt, freut sich wie ein kleines Kind darüber, jemanden zu haben, dem er die schrecklichen Geschichten erzählen kann.

Hateme Lokaj hat eine Ahnung von diesen Zuständen, aber sie kennt sie nicht. Was sie erfahren hat, sind die Hausdurchsuchungen der serbischen Miliz, die deutsche Polizei, das Klingeln, das alle Ängste wieder wach werden lässt. Die Frau ist suizidgefährdet, in Reichweite hat sie eine Vielzahl von Herzmitteln und Psychopharmaka. Abends sitzt sie im Dunkeln, aus Angst, sie könnte von der Straße aus gesehen werden. Wenn das letzte der verbliebenen Kinder, Arta, ihre Älteste, von der Spätschicht kommt, krampft sich ihr Herz beim Drehen des Schlüssels zusammen. Sie weint leise in sich hinein, als sie zum Abschied sagt: „Mein Mann macht sich solche Sorgen um mich.“

Der verhängnisvolle Strafbefehl

Auch das Stuttgarter Regierungspräsidium, das für die Abschiebung zuständig ist, könnte ahnen, wie es im Kosovo aussieht. Aber das ist nicht entscheidend. Ausschlaggebend sind die Paragrafen, und die besagen, dass die Lokajs nur geduldet waren. Außerdem kann die Behörde darauf verweisen, dass Syleimon Lokaj im Jahr 1998 einen Strafbefehl erhalten hat, der ihm Sozialbetrug zur Last legt. Was war passiert? Der Familienvater stand auf der Straße, als seine damalige Firma Konkurs angemeldet hatte. Nachdem er zwei Monate lang keinen Lohn erhalten hatte, meldete er sich beim Arbeitsamt, dessen Leistungen er beim Sozialamt hätte angeben müssen. Das tat er nicht – aus Unkenntnis, wie die Arbeiterwohlfahrt betont. Das Amtsgericht Stuttgart errechnete daraus einen Schaden von 3017,38 Mark, eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 20 Mark, und das waren exakt zehn Tagessätze zu viel. Hätte er nur 50 gehabt, wäre ihm eine unbefristete Aufenthaltsbefugnis, die der baden-württembergische Mittelstand für ausländische Beschäftigte forderte, nicht zu verwehren gewesen.

Dass er das Geld zurückzahlte, blieb für das Regierungspräsidium ohne Belang. Die Familie Lokaj musste weggeschickt werden, in ein Land, in dem sie keine Zukunft hat. Auf die Frage, ob er jemals im Kosovo war, antwortet der Sachbearbeiter mit einem knappen „Nö“.

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