Zeitung Heute : Das Herz eines Torwarts

Der Tagesspiegel

Von Michael Rosentritt

Berlin. Torhüter sind ganz spezielle Menschen. Inmitten eines Kollektivs müssen sie die Arbeit eines Einzelkämpfers verrichten. Torhüter wird man eigentlich nie freiwillig. Als Steppke hat man es vor allem dem Umstand zu verdanken, dass man irgendwann mal der Neue ist, der zu einer Gruppe eingespielter Steppkes stößt, die alle Tore schießen, nur eben keine verhindern wollen. Im Tor bleibt man dann, wenn sich herausstellt, dass man anderswo auf dem Spielfeld nicht sonderlich zu gebrauchen ist. Wer sich dann nach keiner Alternativsportart umschaut, muss wissen, auf was er sich einlässt. Ernst Happel, einst erfolgreichster Trainer Europas, sagte mal: „Wennst samt dem Groß- und dem Kleinhirn zwischen den Pfosten herumfliegst, bleibt vielleicht etwas zurück.“

Torhüter reagieren nach hohen Niederlagen empfindlich. Insofern könnte Hertha BSC nun ein Problem haben. Beziehungsweise Gabor Kiraly. Herthas Torhüter bestritt am Mittwoch ein Länderspiel für sein Heimatland Ungarn gegen Weißrussland (2:5). Es war gerade einmal die Hälfte der Spielzeit absolviert, da hatte Herthas Torwart schon viermal hinter sich greifen müssen. Der ungarische Nationaltrainer Imre Gellei wechselte Kiraly in der Pause aus. „Das war vorher so vereinbart worden“, sagte Kiraly gestern nach seiner Rückkehr. Er wies die Vermutung, die vielen Gegentore könnten ihn verunsichert haben, nach dem Training zurück. „Wir haben eine sehr unerfahrene ungarische Mannschaft. Da kann es schon mal passieren, dass die Abwehr nicht im Bilde ist.“ Außerdem seien einige sehr müde gewesen. Nein, seine Psyche habe unter diesen vier Gegentoren nicht gelitten.

Kommenden Sonnabend spielt Hertha in München. Wenn die Berliner die Qualifikation zur Champions League, also den dritten Platz, erreichen wollen, müssen sie den FC Bayern bezwingen, der in der Tabelle vor ihnen liegt. Durchaus verständlich, wenn Herthas Trainer Falko Götz den Einsatz Kiralys in Debrecen nicht unbedingt als eine optimale Vorbereitung auf das Gastspiel beim Rekordmeister empfindet. „Das ist das wichtigste Spiel des Jahres“, sagt Götz. Auch dass Kiralys ungarischer und Berliner Mannschaftskollege Pal Dardai entgegen Herthas Wünschen 90 Minuten durchspielen musste, erfreute die Berliner nicht.

Neben den beiden Ungarn waren noch andere Herthaner für ihre Nationalteams im Einsatz. Bei Belgiens 1:1 in Brügge gegen die Slowakei gelang Bart Goor der Führungstreffer. Er kehrte ebenso unverletzt zurück wie der Kroate Josip Simunic (2:0 über Bosnien-Herzegowina) und der Norweger Trond Fredrik Ludvigsen (0:0 gegen Schweden).

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