Zeitung Heute : Das Herz Frohnaus

Am Zeltinger und Ludolfinger Platz trifft man sich – zum Einkaufen und zum Schwätzchen halten

Rainer W. During

35 Meter über dem Ludolfinger Platz tobt ein Kampf. Als die Krähe dem Nistplatz mit dem Nachwuchs zu nahe kommt, geht der Turmfalke zum Angriff über und schlägt den Nesträuber in die Flucht. Gleich zwei Falkenpärchen haben sich in diesem Frühjahr das Frohnauer Wahrzeichen, den 1910 erbauten Casinoturm, als Wohn- und Kinderstube ausgesucht. Während die meisten Passanten nichts von dem Geschehen dort oben mitbekommen, versucht ein Mann, die Szene mit der Kamera festzuhalten. Eberhard Malitzki, der gleich nebenan ein Foto- und Radiogeschäft betreibt, ist Bildchronist im Norden Berlins. „Seit 25 Jahren bin ich am Platz. Seit 15 Jahren mit sinkenden Umsätzen“, sagt der Mitbegründer der Interessensgemeinschaft Frohnauer Geschäftsleute und des örtlichen Kulturkreises. Die Situation an dem mit dem ungleichen Zwilling Zeltinger Platz gebildeten Herz des Ortsteils hat sich allgemein verbessert, nur nicht die Lage der Ladenbesitzer. Schuld seien nicht zuletzt die trotz miserabler Wirtschaftslage horrenden Gewerbemieten, sagt Malitzki.

Auch wenn im Umland wie in der Innenstadt die Einkaufszentren aus dem Boden geschossen sind, erfüllt das Ensemble der beiden durch die Frohnauer Brücke verbundenen Plätze auch knapp 100 Jahre nach dem Bau der Gartenstadt noch die Funktion eines Treffpunktes und Nahversorgungszentrums. Einst als Cecilien- und Bahnhofsplatz nach den Plänen des Gartenarchitekten Ludwig Lesser entworfen, sind Zeltinger- und Ludolfinger Platz auch heute noch ein Stück Kiez-Kultur.

Vom Augenoptiker bis zur Zoohandlung fehlt kaum ein Fachgeschäft und auch an den Praxen von Fachärzten fast aller Richtungen mangelt es nicht. Doch so manch alt eingesessener Laden beherbergt heute Filialen bekannter Ketten und Banken. Trotzdem habe der Weggang von Aldi eine Lücke hinterlassen, sagt Martina Seitz, Pächterin der traditionsreichen Elch-Apotheke. Und auch das Aus für ein alt eingesessenes Haushaltswarengeschäft mache sich bemerkbar.

„Banken haben wir langsam genug“, sagt Immanuel Albroscheit, seit 13 Jahren Pfarrer der 1936 eingeweihten evangelischen Johanniskirche, die sich imposant am Ostrand des Zeltinger Platzes erhebt. „Aber hier am Platze trifft man sich, hier verabredet man sich.“ Mit Geschäftsleuten und Kulturschaffenden kooperiert die Gemeinde bei der Organisation von Märkten und Festen. Freiluftveranstaltungen wie der Weihnachtsmarkt im Advent fördern den Zusammenhalt der Anwohner. Und auch beim Gottesdienst kann der Pfarrer sich nicht über mangelnde Besucherzahlen beklagen. Seine Gemeinde werde immer jünger, sagt er. Man sehe zunehmend Eltern mit Kinderwagen spazieren gehen, der Kindergottesdienst sei beliebt und auch der Kinderchor erfreue sich steigender Nachfrage.

Besonders die Rheinländer hat der Hauptstadtboom nach Frohnau gezogen, hat Eberhard Malitzki festgestellt. „Sie sind sehr gebildet, freundlich und kulturell interessiert.“

Aus dem „Restaurant im Turm“ ist mittlerweile eine mexikanische Gaststätte geworden. „Drei Empanadas für 8 Euro“ verspricht die Werbung. Die Terrasse ist ein beliebter Treffpunkt, auch wenn die Nachbarn gelegentlich über den abendlichen Lärm klagen. Auch im Frohnauer Café-Garten und vor dem Restaurant Pantalone genießen die Gäste die Frühjahrssonne. Und in der Eisdiele „Dolce Vita“, einem der neueren Läden, muss man schon mal fürs Naschvergnügen anstehen.

Plakate an den Ladentüren werben für die „Stauden-Tauschbörse“ am 23. April vor dem Reformhaus. Die Geschäftsleute der Interessengemeinschaft bereiten sich auf einen verkaufsoffenen Sonntag am 28. Mai vor. Trödel- und Kunstmärkte gibt es regelmäßig auf den Plätzen. In diesem Jahr feiert die Gartenstadt ihren 95. Geburtstag. Bis zum 100. Jahrestag soll eine neue Chronik erscheinen. Gerade hat ein rund 20-köpfiges Team mit den Vorbereitungen begonnen. Zeitzeugen sind gesuchte Leute.

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