Zeitung Heute : Das hohe W

Mit dieser Frau, so viel Klischee muss sein, lässt sich’s um die Häuser ziehen. Richard Wagners Urenkelin Katharina – fix im Kopf, loses Mundwerk – mischt das Festspielhaus von Bayreuth auf. Und will es haben

Christine Lemke-Matwey[Bayreuth]

Das Blond jedenfalls ist gefärbt, und zwar von der Sorte, dass man’s merkt. Quittengelb und ein bisschen stumpf. Blond als Bekenntnis, als Lebenseinstellung. Und Fingernägel, so lang, dass selbst Pamela Anderson oder Frau Pauli, die „schöne CSU-Landrätin“ aus dem benachbarten Fürth, vor Neid erblassen würden. Da sitzt sie also vor einem, Katharina Wagner, 29, die derzeit prominenteste Urenkelin des Komponisten Richard Wagner, ist sehr fix im Kopf und ein bisschen derb, raucht, lacht, findet es „extrem unhöflich“, ihre Cola light aus der Flasche zu trinken (und tut’s der Schnelligkeit halber trotzdem), steht Rede und Antwort und Antwort und Rede, unermüdlich, als wäre dies nicht ihr 159. Interview in diesem Sommer, sondern ihr zweites – und man zerbricht sich allen Ernstes den Kopf über ihre Haarfarbe?

2007 ist bei den Bayreuther Festspielen eben so einiges anders.

Außerdem hatte es die Weiblichkeit hier nie leicht: Cosima W. als erste Frau überhaupt und selbst ernannte Lordhügelbewahrerin; Winifred W. als Gattin des schwulen Siegfried, frühe Witwe und unbeugsame Nazisse; und Gudrun W., Katharinas Mutter, über die es heißt, sie sei einst munter durch alle Festspielbetten gehüpft und habe jetzt ein Alkoholproblem. Und auch Katharina kriegt vorsorglich ihr Fett ab: ein Techtelmechtel mit Christoph Schlingensief hier, ein bisschen Testosteron im Fitnessstudio da – fertig ist das Bild von der Walküre, vom androgynen Vamp. Welches sie bedient. Augenzwinkernd, mit Kalkül? Im Wagner-Clan, sagt sie und weicht aus, stecke bestimmt viel Seifen- Oper. „Aber ehrlich g’sagt, ich versteh’ ned, wen das interessiert. Wirklich ned.“ Unverbesserliche Monarchisten vielleicht? Die erzverfeindeten Familienstämme untereinander? „Ich weiß ned. Ich führ’ ein ganz normales Leben.“

Dazu gehört wohl auch, dass sie weder mit Halbschwester Eva noch mit Cousine Nike je ein einziges Wort gewechselt hat. Beide sind ihre schärfsten Konkurrentinnen, wenn es ab Herbst darum geht, eine neue Festspielleitung zu küren. Wolfgang W., Katharinas Vater, wird Ende August 88 Jahre alt, über seine Gesundheit wird seit langem öffentlich debattiert.

Alles anders, alles ganz normal? Nächsten Mittwoch gibt Katharina ihr Regiedebüt auf dem Grünen Hügel. „Die Meistersinger von Nürnberg“ sind ihre fünfte Inszenierung (nach Versuchen in Budapest, Würzburg, München und Berlin), und natürlich rechnet die Welt mit einem kapitalen Flop. Weil Katharina ohne den Namen Wagner niemals dort wäre, wo sie heute ist; weil es ihr, so sagen viele, an Intellekt gebricht; weil, weil, weil. Und wenn’s nun doch ein toller, doller Wurf wird? Dann haben viele ein Problem.

Die Normalität jedenfalls fängt damit an, dass wir in Raum 401 a sitzen, direkt unterm Dachfirst des Festspielhauses. Links Küche und Bad, rechts das Büro – mit Bett, wohlgemerkt, die Matratze 90 mal 200, die Bettwäsche großblumig-verwaschen. Ja, wohnt sie denn hier? Nein, nur zum Hinlegen für zwischendurch, drei Probenblöcke pro Tag, das kann anstrengend sein. Die Folgen dieser Anstrengung scheinen auch Herrn Busche in die Glieder gefahren zu sein, Katharina Wagners Pressereferenten, den sie eigens von der Deutschen Oper Berlin importiert hat. Je orgeliger Katharina das „R“ rollt, je schnoddriger sie die Vokale schleift (sie hat das etwas lose fränkische Mundwerk ihres Vaters geerbt), desto nachhaltiger fallen ihrem Begleitschutz die Augen zu. Kontrolle war gestern.

Früher hingegen, bis letzten Sommer, galt das Bayreuther Festspielhaus als Festung: trutzig, trotzig, uneinnehmbar. Ein Bollwerk wider jedes natürliche öffentliche Interesse. Das Allerheiligste schlechthin, nur von Geweihten und Eingeweihten zu betreten – mit Gesichtskontrollen an den Einlässen, mit Hausausweisen für alle Mitarbeiter. Wolfgang Wagners Ausweis übrigens trägt traditionell die Nummer 007: der Chef als sein eigener Superagent. Seit 56 Jahren. Und er ist es auch, der die Festung festungsbombensicher machte. Missliebige Anfragen seitens der Presse wurden totgeschwiegen, Fernsehkameras waren eh des Teufels, und nörgelnde Kritiker mit Hausverboten zu bedrohen, stand immer wieder gerne auf seiner Tagesordnung.

Wolfgang Wagner muss in seinem Leben viel Angst gehabt haben. Davor, den Festspielschatz eines Tages an irgendeinen Familien-Alberich, irgendeine dahergelaufene Alberichine wieder abtreten zu müssen. Angst vor Sabotage, Intrigen, Schlupflöchern im System. Angst vor seiner Mutter Winifred auch, die bis zu ihrem Tod 1980 (da war er 60) im Hintergrund viele Fäden zog. Und Angst vor Gudrun, seiner zweiten Frau, die ihm das Zepter längst entwunden hat.

An all das hatte man sich gewöhnt. Mehr noch: Man liebte es, gegen die Festungsmauern Sturm zu laufen, sich Jahr für Jahr neu zu erregen. Über die Egomanie des Regiments und den Niedergang der Kunst. Man liebte es, wie man Bayreuth liebte, heiß, hingebungsvoll, sehnsüchtig, mit all seinen idyllischen Lauschigkeiten und Spießigkeiten. Noch die Hunde werden auf dem Grünen Hügel ermahnt, ihr Geschäft aus hygienischen Gründen nicht in den umliegenden landwirtschaftlichen Nutzflächen zu verrichten (es dankt der Bezirk Oberfranken). Und mit all dem soll jetzt Schluss sein, nur weil eine 29-Jährige, die zufällig die Tochter des greisen Festspielleiters ist und dessen Nachfolge antreten will, gnadenlos ihr eigenes Ding durchzieht?

Interview, Probenbesuch, Hausführung – und auf einen Schümli-Kaffee mit Christian Thielemann, der hier im zweiten Jahr den „Ring des Nibelungen“ dirigiert, ab in die Kantine. Das Ganze zwei Wochen bevor Merkel, Gottschalk & Co. über den roten Teppich der „Meistersinger“-Premiere walzen. Man fühlt sich seltsam unbehaglich und aufs Glatteis geführt, als könne man nach Jahrzehnten härtesten Freiheitsentzugs mit so viel neuer Brüderlichkeit und Nettigkeit auf einmal gar nichts anfangen. Als würden Strafe, Vergeltung, Blutrache fürs ungebührliche Betragen auf dem Fuße folgen.

Ob derlei Offenherzigkeiten nicht letztlich am Mythos der Festspiele knabberten, ihn schmälerten? Katharina grinst und steigt in die tiefstmögliche Baritonlage hinab. „Keine Sorge, da bleibt noch genuch Mythos übrich. Und Reibung auch.“ Apropos: Ihre Stimme ist schon jetzt Legende. Selbst wenn nichts klappen sollte, wenn die „Meistersinger“ in die Binsen gehen und der Stiftungsrat der Festspiele sich in der Nachfolgefrage gegen sie entscheidet – dieses Organ ist unbezahlbar. Ein echtes Sandpapiertimbre. Stimmbänder, die unzählige Zigaretten und gewiss auch das eine oder andere unzüchtige Getränk gesehen haben. Mit der Frau, so viel Klischee muss sein, lässt sich’s um die Häuser ziehen. Die hat sich ausgetobt. Und die will es jetzt wissen.

Die Macht des Mythos indes zeigt sich schon auf dem Weg zur Probe. Das Haus ist ein Labyrinth. Treppen, Stiegen, winkelige Gänge, schwere Eisentüren, glänzendes Linoleum, allüberall Warn-, Mahn- und „Hab Acht!“-Schilder im Fettdruck der Fünfziger. Und mittendrin, lauernd, die „Hausordnung“: eine Din-A3- Kopie vom Januar 2006, von Wolfgang Wagner in alterszittrigen, aber beharrlichen Zügen unterschrieben. Demnach ist die Benutzung von Sportgeräten ebenso untersagt wie unerlaubtes Fotografieren oder das Einschleusen von Haustieren. Außerdem sind alle Angestellten der Festspiele angehalten, gegenüber Dritten „absolute Verschwiegenheit“ zu wahren.

Mit diesem Passus hat Katharina nun gebrochen: „Das ist meine Politik. Hier gibt es nichts zu verstecken.“ Ein Coup, eine treffliche Strategie. Fragt sich nur, ob die Belegschaft inklusive ihrer Mutter diese Meinung so schnell teilt. Und die Welt so schnell dran glauben mag.

Zunächst nämlich sieht es so aus, als würde der Besuch der ersten Bühnen-Orchesterprobe allen Verheißungen zum Trotz nicht funktionieren. Schon fühlt man sich innerlich bestätigt – alles beim Alten. Herr Busche jedenfalls verschwindet und kehrt nicht wieder. Die ersten Minuten der Ouvertüre quäken aus der Mithöranlage, die Mitarbeiterinnen des Pressebüros witzeln über serbokroatische E-Mails, sie dürfen sowieso nicht in die Probe. Und plötzlich geht doch alles sehr schnell. Eine Taschenlampe weist den Weg in die richtige Reihe, schwärzeste Nacht. Wir sind drin. Unfassbar.

Schauer jagen einem über den Rücken, Ehrfurcht, Rührung. Kurz darauf machen die Augen das Regiepult aus, Menschen, die in Walkie-Talkies flüstern und Computer mit Lichtstimmungen füttern, ein Fotograf, der hin und her flitzt – normaler Theateralltag. Könnte man meinen.

Etwas weiter hinten sitzen vereinzelt „Gäste“, Sänger, Honoratioren, Thielemann im Polo-Shirt. Ganz vorne aber thront Gudrun Wagner, reglos, angespannt. Und gleitet, ehe man sich’s versieht, wie eine Amphibie durch das Halbdunkel, den Saal gleichsam schluckend, sich einverleibend. Instruiert die Technik, bestellt den Bühnenbildner zum Tête-à-Tête. Und so wird sie es immer gehandhabt haben, auch bei Regisseuren wie Schlingensief oder Christoph Marthaler. Die feierten in Bayreuth prompt keine künstlerischen Erleuchtungen. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – und Selbermachen am allerbesten? Nur Wagners wissen, was Wagner will?

Bayreuths neuer Walther von Stolzing schaut derweil ein bisschen aus wie Hansi Hinterseer (Sonnenbrille in der Blondmähne, Turnschuhe) – und darf sich bei Katharina auch so benehmen: Springt wie Kasperle aus einem Konzertflügel, wirft mit Farbkübeln um sich, stellt ganz Nürnberg auf den Kopf. Klaus Florian Voigt ist für die Rolle eingesprungen, nachdem sein Vorgänger, Robert Dean Smith, mit Katharinas Konzept haderte. Man habe sich in bestem Einvernehmen getrennt, meldeten Mitte Juni die Nachrichtenagenturen. Den Hügellatrinen zufolge allerdings verlief die Trennung weder einvernehmlich noch gut. Nachdem Katharina ihre Ideen nicht weiter erläutern wollte oder konnte, wurde der Amerikaner zum Krisengespräch geladen. Im Büro der Festspielleitung allerdings wartete lediglich Gudrun auf ihn – und wedelte mit seinen Entlassungspapieren. Kein guter Stil, wenn’s denn stimmt.

Spricht man mit Hügelsängern, so symbolisieren Episoden wie diese ein weit größeres Ungemach. Längst stehen die niedrigen Gagen und maximalen Anwesenheitspflichten bei den Wagner-Festspielen empfindlich quer zum Rest des Musikbetriebs. Wo andernorts, etwa in Salzburg, mit Sängerpfunden mächtig gewuchert wird, wo ein exklusives Almen-Breakfast die nächste hippe Cocktail-Party jagt, da sieht man sich in Bayreuth dilettierenden Regie- und „Ring“-Anfängern wie dem 82-jährigen Dramatiker Tankred Dorst ausgesetzt, oder hat No-Name-Dirigenten wie Herrn Meier zu gewärtigen, einen Assistenten, der diesen Sommer kurzerhand im „Tannhäuser“ aushilft. Die Klage klingt ernst. Wenn schon alles profitable Schickimicki- Gewese wegfällt, dann sollte wenigstens die Kunst exorbitant sein. Wo es aber an beidem fehlt, da wächst der Groll.

Ganz früher, in den Gründerjahren Neu-Bayreuths, so wissen Zeitzeugen, galt’s auf dem Festspielhügel tatsächlich noch der Kunst. Die Ästhetik von Wolfgangs Bruder Wieland, die berühmte Scheibe, revolutionierte die gesamte Wagner-Rezeption, „lateinische“ (also: antiteutonische) Dirigenten wie Joseph Keilberth oder André Cluytens taten mit ihren schnellen, schlanken Tempi ein Übriges. Bayreuth war der Nabel der Wagnerwelt, noch in den Katakomben sprühten die Götterfunken.

Katharina möchte an diese ruhmreiche Ära und Aura anknüpfen. Von DVDs ist in ihren 159 Interviews die Rede, von Versuchen mit historischen Instrumenten im Graben (auf dass die geplagte Sängerschaft nicht mehr so brüllen muss), und ein Opernstudio für den Nachwuchs will sie auch einrichten. Darüber hinaus aber gibt sie sich sibyllinisch-schmallippig, der Eiertanz zwischen der Loyalität ihrem Vater & Chef gegenüber und dem eigenen Trotzkopf ist prekär genug: „Ein guter Festspielleiter sollte mit Künstlern umgehen können. Ich denke, das kann ich. Aber ich kann auch schwierig sein, ich bin relativ perfektionistisch.“

Zur Abendprobe dann rauscht ein dunkler Audi A 8 heran: 007 höchstpersönlich. Sanft wird der „Alte“ die Stufen hinaufgeleitet. Schwarzer Stock, Wolfgang W. geht daran erstaunlich behände. Seine Kraft, über die so viel gemunkelt worden ist, reicht immerhin aus, um an der Saaltür zu verharren und nach kurzer Orientierung mit der Gehhilfe empört in unsere Richtung zu fuchteln. Wieder durchzuckt es einen. Gleich würde ein Adlatus einen unterm Abmurmeln hektischer Entschuldigungsformeln hinauskomplimentieren. Doch nichts dergleichen. Jemand eilt herbei, bittet aber bloß auf die andere, die rechte Seite des Saals. Die linke, gluckst Katharina, sei ihrem Vater „heilig“ – um jederzeit ungehindert kommen und gehen zu können.

Der Prinzipal nimmt Platz. Weich sind seine Gesichtszüge geworden, rundlich, mit einem Dauerlächeln darin, das keine Zudringlichkeiten mehr gestattet. Für einen Moment phosphorisiert Wolfgangs weißes Haar wie ein Heiligenschein. Bis Gudruns Schatten auf ihn fällt. Und der Saal erlischt. Zweiter Akt.

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