Zeitung Heute : Das Hotel "Sittavia" will mit DDR-Charme Gäste anlocken

Harald Martenstein

Man akzeptiert nur Ostmark und die Kellnerin lernt gerade, wieder unfreundlich zu sein.Harald Martenstein

Mittagszeit. Das Restaurant ist leer, bis auf ein Kamerateam von Sat 1. Die junge Reporterin spielt mit der Kellnerin eine kleine Szene. Sie betritt mit forschem Schritt das Restaurant, die Kellnerin schießt auf sie zu und ruft in strengem Sächsisch: "Halt! So geht das nicht bei uns, meine Dame! Sie werden platziert!" Das üben sie, bis es sitzt. Es soll am 9. November gesendet werden. Ziemann hockt währenddessen in einer Ecke, gemeinsam mit einem NVA-Offizier, der seine alte Uniform mitgebracht hat, für Sat 1. Ziemann raucht F 6 und blickt ins Leere. Er trägt eine bunte Krawatte, eine modische Weste und sieht unglücklich aus. Oder ängstlich. Oder vielleicht beides. Ziemann sagt traurig: "Das ist jetzt schon das siebte Fernsehteam." Er zählt auf: ZDF, Pro 7, RTL, auch die Süddeutsche Zeitung und der Münchner Merkur. Sogar der Münchner Merkur, sagt Ziemann mit Grabesstimme. Ja, und? Ist doch prima, oder?

Politisch gesehen handelt es sich bei Zittau um die Stadt von Heinz Eggert, von Frieda Hockauf und von Günter Ziemann. Eggert, der CDU-Politiker, war in Zittau zur DDR-Zeit Studentenpfarrer. Von der Weberin Frieda Hockauf stammt der Satz: "Wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben." Und Günter Ziemann, 51, gelernter Kellner, hat in Zittau jetzt eine kleine neue DDR gegründet. Ziemann war Leiter eines FDGB-Ferienobjektes in Waltersdorf. 1991 musste das Ferienobjekt dicht machen. Ziemann hat ein Hotel übernommen, nach zwei Jahren war auch damit Schluss. Nach diesen beiden unguten Erfahrungen ist er zu einer Werbeagentur in Dresden gegangen und hat dort eine einfache Frage gestellt: Wie muss ein Hotel aussehen, und zwar in Zittau, damit es garantiert floriert?

Die Ausgangslage könnte kaum schwieriger sein. Zittau liegt im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Polen. Touristen kommen hierher kaum, die Anreise ist schwierig. Die Bahnfahrt von Berlin dauert fast fünf Stunden, das letzte Stück der Strecke führt die Neiße entlang. An einem der Bahnhöfe steigt der Schaffner aus, schlendert die zehn Meter nach Polen und kauft dort Zigaretten. Es riecht nach Braunkohle.

Die Werbeleute haben nachgedacht. Dann legten sie ein Konzept auf den Tisch. Das Hotel "Sittavia", Haus des Ostens, letzte Enklave der DDR, mit Schlagbaum und Zwangsumtausch, so originalgetreu wie möglich. Der Gast zahlt in Ost-Mark, die er vorher zum Kurs 1 : 4 erworben hat. Dieses Konzept gefiel der Agentur so gut, dass sie das Projekt vorfinanziert hat. Am 7. Oktober, dem DDR-Nationalfeiertag, öffnete also das Hotel "Sittavia", ein Doppelzimmer zu 30 Mark Ost. Im Presseheft steht: "Keiner wünscht sich diese Zeit zurück, dennoch stellt sie für viele ein Stück Lebensgeschichte dar, die man seinen Kindern oder Enkeln zeigen will."

Das Stück Lebensgeschichte liegt in der Nähe der ehemaligen Frieda-Hockauf-Straße. Nicht im malerischen Zentrum von Zittau, sondern am Rand, umgeben von Plattenbauten, vor denen alte DDR-Holzbänke stehen, verblichen und windschief. Das Hotelgebäude stammt aus dem Jahre 1904 und war bis zur Wende eine Offiziershochschule der NVA. Jetzt steht davor ein schwarzrotgoldenes Wächterhaus mit dem Schild "Achtung! Sie verlassen das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland".

Ohne Westklos geht es nicht

Irgendetwas läuft hier falsch. Das Hotel und das Restaurant sehen überhaupt nicht nach DDR aus. Oder nur ganz wenig. Das merkt sogar ein Westler. RauhfaserstrukturTapete, westliche Messinglampen, perfekt gefliester Boden, neue Stühle. Wo bitte ist das Alu-Besteck, wo sind die grüngeriffelten Glasvasen? Und auf den Anmeldezetteln ist die "DDR" in Tüttelchen gesetzt, wie früher in der Springer-Presse. Ziemann sagt: "Ich bitte mal besser den Herrn Wagner zu unserem Gespräch dazu." Jens Wagner, 42 Jahre alt, Sachse, von der Agentur "Kommunikation Schnell" aus Dresden. Auch Herr Wagner macht keinen glücklichen Eindruck. "Alle Medienvertreter sind enttäuscht. Das ist viel zu westlich hier. In dem derzeitigen Zustand funktioniert das höchstens bei Amerikanern oder Japanern. Wir müssen es radikaler angehen." Und er erzählt, wie er sich das vorstellt: eine betonharte Hotelzeitung im Stil des "Neuen Deutschland". Originalmöbel, bis auf die Betten und die Sanitäreinrichtungen. Ohne Westklos und Westbetten geht es nicht. Ein hoteleigener Trabbi-Verleih. Im Hotelfernseher rund um die Uhr "Ein Kessel Buntes". Nachts klopft die Staatssicherheit an die Zimmertür und kontrolliert die Pässe. "Das können Schauspielschüler machen." Die Kellnerin "könnte ruhig ein bisschen ruppiger sein", sagt Jens Wagner stirnrunzelnd. "Die Dame sagt aber immer: Ich kann das nicht. Aber früher ging es doch auch."

Ziemann redet wenig. Und wenn er etwas sagt, dann kreisen seine Sätze um drei Schlüsselbegriffe. Erstens überspitzt. Zweitens Augenzwinkern. Und drittens Reisebusse. Er will nicht, dass in seinem Hotel die DDR-Nostalgie überspitzt wird. Denn er hat in den letzten Tagen in Zittau viele negative Bemerkungen über das Konzept gehört. Die Leute reden. Über ihn. Die einen werfen ihm vor, er sei ein Ewiggestriger. Die anderen werfen ihm vor, dass er sich über die eigene Vergangenheit lustig macht. Beides stimmt nicht. Ziemann ist völlig unpolitisch. Er wollte kein Zeichen setzen. Er wollte lediglich ein gutgehendes Hotel gründen. "Und jetzt", so sagt er, "habe ich Angst, dass sie mir die Scheiben einschmeißen. Rechte oder Linke." Dabei wolle er doch die DDR mit einem Augenzwinkern präsentieren. Weder ernsthaft noch lustig, sondern der dritte Weg. Das Augenzwinkern. "Ich hoffe nur, dass die Reisebusse anbeißen." Dann hätte der ganze Ärger sich doch noch gelohnt.

Jens Wagner führt durchs Hotel. Die 44 Zimmer sind nach DDR-Betrieben benannt, Robor oder VEB Fettchemie. Politische Benennungen wie FDJ oder VIII. Parteitag sind den Bedenken Ziemanns zum Opfer gefallen. In jedem Zimmer hängt eine Vitrine mit DDR-Andenken, auf den Fluren stehen Erstausgaben von Christoph-Hein-Romanen und alte Exemplare der Zeitschrift "Das Magazin". Neue, westliche Möbel allerdings auch hier, mit einem kleinen Aufkleber: "Eigentum des Volkes". Neben der Rezeption: ein HO-Laden, den Ziemann lieber "Shop" nennen würde, mit Ostprodukten, die es heute noch gibt. Rotkäppchensekt, Bautzener Senf und so weiter. An der Rezeption findet der Zwangsumtausch statt. Das frisch geprägte Ostgeld trägt statt des DDR-Wappens den Hotelnamen.

Wagner entspricht nicht dem Klischee, das man im Westen von Werbeleuten hat. Er redet leise, er hört zu, er versteht Ziemanns Probleme. Aber er weiß auch, dass man mit halbherzigen Maßnahmen keinen Erfolg hat. Draußen auf dem Parkplatz fängt er an, von sich zu erzählen. Dass er Kameramann werden wollte. Es ist gescheitert, weil er nicht drei Jahre zur Armee gegangen und nicht in die Partei eingetreten ist. Wagner erzählt, wie er als Diskjockey zu oft die Rolling Stones aufgelegt hat. Das brachte ihm ein Verhör ein. Wie er 1987 zum ersten Mal in den Westen durfte, zu einer Familienfeier. Danach wusste er endgültig, dass er nicht mehr in der DDR leben kann. Aber seine Frau hatte vorm Westen Angst. Wagner erzählt, wie die Stasi die Ehe eines seiner Freunde nach dessen Ausreiseantrag kaputtgemacht hat, indem sie seiner Frau von angeblichen Seitensprüngen erzählte. Nee, sagt Wagner, die Wende war eine Riesenerleichterung. Die Euphorie von 1989 vergesse ich nie.

Wagner hat sich innerlich von der DDR so weit entfernt, dass er sie sogar wieder aufbauen kann. Kalten Herzens. Nur so zum Spaß. Ziemann ist da anders. Er hat die nötige Distanz nicht, um aus der DDR ein Gesellschaftsspiel zu machen. Es ist schon verrückt, was in Zittau passiert: Im Namen des Kapitalismus wird planmäßig der Sozialismus aufgebaut, gegen den inneren Widerstand einiger ehemaliger DDR-Bürger.

Beim Abschied fragt Ziemann misstrauisch: "Wie geht es denn jetzt weiter?" Wagner antwortet: "Sie hören von uns."

Spät am Abend. Das Lokal ist leer, kein einziger Gast, genau wie im Hotel. Die Speisekarte unterscheidet sich auch nicht wirklich von den anderen Restaurants in Zittau. Soljanka, Radeberger Bier oder Hawaiitoast gibt es überall. Ziemann und seine Frau sitzen inmitten ihrer westlichen Einrichtung. Im Radio singt Manuela. Ziemann sagt: "Die Reisebusse. Die sollen mir das vollmachen. Die Reisegruppen lasten mir das Hotel auf einen Schlag aus." In Zittau gebe es ja schon Diskotheken, in denen die Gäste freien Eintritt bekommen, wenn sie im FDJ-Hemd kommen. Das hat Erfolg und wird akzeptiert. Da reden die Leute nicht. Was ist schon dabei? "Bei mir läuft das auf solider Basis. Es soll kein Disneyland sein. Wenn die Gäste eine Frage zur DDR haben, stehe ich ja jederzeit zur Verfügung."

Ziemann sitzt kerzengerade. Um Würde bemüht. Kein Clown. Aber verwirrt. Erst raus aus der DDR, mit so viel Schmerz, und jetzt wieder zurück?
© 1999

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben