Zeitung Heute : Das Imperium gibt zurück

Viele Hotels sind während der Fußball-Weltmeisterschaft noch nicht ausgebucht. Ungenutzte Fifa-Kontingente werden die Preise außerhalb der Spieltermine sogar noch drücken

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Von Bernd Matthies Nach Berlin zum WM–Endspiel? Kein Problem. Wer eine Karte fürs Stadion hat, der wird an überfüllten Hotels sicher nicht scheitern. Denn eine ganze Reihe der mehr als 80 000 Gästebetten in der Stadt ist gegenwärtig auch während der Spiele noch frei. Zwar gibt es darüber keine genauen Zahlen, aber der Internet-Anbieter HRS (www.hrs.de) meldete nach Ostern sogar für die Endspielnacht noch Platz in 23 Hotels. Allerdings waren darunter keine bekannten Luxushäuser mehr, und auch die Preisklassen lagen nicht ganz auf dem gewohnten Niveau: So verlangte das Drei-Sterne-„Parkidyll“ in Pankow für ein Zimmer, das sonst etwa 65 Euro kostet, in der Nacht zum 10. Juli 150 Euro.

Doch auch das muss nicht das letzte Wort sein, zumal außerhalb der sechs Berliner Spieltermine. Denn die Zimmerkontingente, die die Fifa bereits 1997 auf Vorrat geblockt hat und selbst vermitteln wollte, sind schon im Februar zur Hälfte zurückgegeben worden, der unvermietete Rest folgt Ende April. In den Hotels ist der Unmut groß, denn es handelt sich um enorme Mengen, bei einzelnen Hotels geht es um vierstellige Übernachtungszahlen. Manche Hoteliers sprechen von einer „Katastrophe“.

Die Zimmerkontingente waren Teil des Bewerbungspakets, mit dem sich Deutschland seinerzeit gegen starke internationale Konkurrenz durchsetzte: Die großen Hotels mussten bereits damals im Schnitt 80 Prozent ihrer Zimmer für die Vermarkter der Fifa freihalten. Auf Nachfragen hieß es beim Fußballweltverband noch Ende 2005, diese Kontingente würden auch benötigt. Doch davon ist offenbar keine Rede mehr: Nur rund um die Spieltermine ist Berlin wirklich weitgehend dicht.

Für die großen Hotels ist das vor allem deshalb bedrohlich, weil ihnen während der WM das komplette Kongressgeschäft fehlt, das sonst im Juni in Berlin regelmäßig boomt. Kein externer Veranstalter hatte sich darauf einlassen wollen, in Berlin während der WM irgendwelche fußballfremden Veranstaltungen zu buchen – und das führt nun unter dem Strich zu heftigen Umsatzeinbrüchen. Überdies befürchten die Hoteliers, dass der WM-Rummel nun auch ganz normale Touristen abschreckt. Das wäre vor allem dann ein Schlag ins Kontor, wenn es schon die Pfingstfeiertage träfe, an denen Berlin traditionell besonders gut gebucht ist. Die Chefs der großen Hotels wollen nun zusammen mit dem Hotelverband versuchen, die Lücke durch offensive Vermarktung zu stopfen. Die Hoffnungen ruhen vor allem auf den WM-Ereignissen in der City.

Willy Weiland, der Generaldirektor des Hotels Interconti und Präsident des Hotelverbands, rechnet damit, dass die gegenwärtig relativ hohen Zimmerpreise zumindest zwischen den Spielen noch deutlich nachgeben werden. Denn bis zur endgültigen Rückgabe der Fifa-Kontingente gelten noch die Vertragsbestimmungen, nach denen Zimmer für die WM-Periode nicht billiger abgegeben werden dürfen als an die Fifa selbst. „Hotels, die daran nicht gebunden sind, gehen aber auch jetzt schon mit dem Preis herunter“, hat Weiland beobachtet.

Für den 26. Juni, einen spielfreien Montag, offeriert HRS beispielsweise Doppelzimmer im Novotel Tiergarten für 130, im Swissôtel für 180 und im Bristol Kempinski am Kurfürstendamm für 195 Euro – das liegt nur geringfügig über den Tarifen, die dort sonst üblich sind, wenn weit und breit kein Fußballer zu sehen ist. Anzunehmen, dass in den nächsten Wochen auch kleinere Hotels am Stadtrand aus der Idylle gerissen werden und ihre bislang noch ähnlich hohen Preise reduzieren.

Zwar sehen die meisten Hoteliers noch keinen Anlass zum Katzenjammer, gestehen sich aber ein, dass viele Erwartungen in der WM-Euphorie zu hoch angesetzt waren. So hat es sich beispielsweise als nahezu unmöglich erwiesen, Zimmer während der WM ausschließlich im Drei- oder Vier-Tage-Paket abzugeben. Der Grund ist einsichtig: Viele WM-Touristen haben sich ein preisgünstiges Standquartier irgendwo im Land für die gesamte Zeit gesucht und nutzen die gute Infrastruktur Deutschlands. Von Wolfsburg aus ist man in einer Stunde in Berlin, von Hannover aus dauert es nur eine halbe Stunde länger. Und so ist der Anreiz, in den WM-Städten selbst mehrere Tage zu übernachten, generell wesentlich geringer als ursprünglich angenommen.

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