Zeitung Heute : Das Internet erleichtert die Erforschung der altägyptischen Hieroglyphen

Cornelia Höhling

"Elende mit zerbrochenen Herzen" nennt Pharao Sesostris III., der vor viertausend Jahren lebte, seine nubischen Feinde. Eine Stele, gefunden am Nil-Katarakt von Semna, hat es überliefert. "Was mein Herz plant, das geschieht durch meine Hand", heißt es in der Inschrift weiter. Herzen werden zerbrochen, geraubt, vernichtet. Herzen stürzen oder entfernen sich von ihrem Besitzer. Herzen planen bisweilen auch. Die Bedeutung bildlicher Wendungen mit der Konsonantenfolge jb ("Herz") in der Gedankenwelt des pharaonischen Ägypten erschließt sich dem Wissenschaftler erst im Vergleich mit anderen Aussagen.

Heute lassen sich die dafür notwendigen Textstellen per Mausklick auf den Bildschirm holen. Hieroglyphen-Inschriften, vor Jahrtausenden in Stein gehauen oder auf Papyri überliefert, sind digitalisiert über Internet in allen Teilen der Welt zur Hand. Allein 7000 Belegstellen wurden unter dem Stichwort Herz erfasst. Diese Arbeit von Ägyptologen in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) ist jetzt in einer Ausstellung für den interessierten Laien nachvollziehbar. An eigens installierten Computern kann der Besucher zu den Inschriften von Säulen, Tempeln und Grabanlagen surfen.

Allerdings ist nur ein Ausschnitt des bekannten Wortschatzes der ägyptischen Sprache abrufbar. Während Wissenschaftler in einer internationalen Fachtagung über neue Möglichkeiten der Kooperation im Zeichen des Internets diskutieren, zeigt das Ägyptische Museum am Schloss Charlottenburg die Entstehungsgeschichte eines Standardwerkes für ihre Forschungen: Präsentiert wird das Altägyptische Wörterbuch. Im vorigen Jahrhundert wurde es mit Hilfe von Zettelkästen begonnen, heute sind die wesentlichen Schriftzeichen in der Datenbank gespeichert.

Blickfang der Ausstellung ist die Grenz- und Siegesstele von Pharao Sesostris aus dem Jahr 1857 vor Christus. Vor etwa 150 Jahren von der Preußischen Expedition unter Leitung des ersten Berliner Ägyptologen Richard Lepsius entdeckt, fand der Stein wie andere archäologische Funde und Zeugnisse der Nil-Kultur seinen Weg an die Spree. Die Stele markierte vor fast viertausend Jahren die Grenze seines nach Süden erweiterten Reiches. Das Wort Herz wurde auf ihrer Inschrift in unterschiedlicher Bedeutung verwendet. Hinter dem Begriff verbirgt sich der Sitz des Denkens und der Gefühle genauso wie der Ort, von dem Tatkraft und Handlungsfähigkeit ausgehen. Um die richtige Deutung zu finden, bedarf es des parallelen Zugriffs auf andere Beispiele.

Das Sammeln und Ordnen von überlieferten Textstellen war die Voraussetzung, um zeitliche Zusammenhänge und die Bedeutung der über Jahrhunderte in Vergessenheit geratenen ägyptischen Sprache zu verstehen. Diese Aufgabe hatte sich die Preußische Akademie der Wissenschaften gestellt, und die berühmten Zettelkästen wurden angelegt. 1822 war dem Franzosen Champollion die Entzifferung der Hieroglyphen gelungen. Dem Nachfolger von Lepsius, Adolf Erman (1854-1937), aber ist das Schlüsselwerk für weitere Forschungen der Ägyptologen zu verdanken. 1897 wurde mit dem Projekt "Wörterbuch der ägyptischen Sprache" begonnen. Bevor die elektronische Datenverarbeitung als Forschungswerkzeug zur Verfügung stand, hatten die Ägyptologen bereits einen Textcorpus von 1,5 Millionen Wörtern zusammengetragen und damit 1588 Zettelkästen gefüllt. Ein Bruchteil davon ist auch in der Ausstellung zu sehen. Es ist kein Ägyptologiestudium nötig, um zu begreifen, dass der ständig wachsenden Materialfülle durch konventionelle Mittel bald nicht mehr beizukommen war. Immerhin handelt es sich um das lexikalische Wissen von über 3500 Jahren.

Nach Veröffentlichung des letzten Wörterbuch-Bandes 1963 geriet die lexikographische Dokumentation in Rückstand. Es galt nun, das vor 100 Jahren begonnene Forschungsprogramm in zeitgemäßer Form fortzusetzen. Wieder war es die Berliner Akademie, die, basierend auf dem Archivmaterial, neue Wege ging. An die Stelle der Zettelkästen trat der Computer. Textcorpus und Wörterbuch wurden als Datenbank angelegt. Nur mit Hilfe der modernen Technik ist die Entschlüsselung der mittlerweile fünf bis zehn Millionen Textwörter zu bewältigen. Nicht auszudenken, so hieß es bei der Ausstellungseröffnung, welche Materialmengen auszuwerten wären, wenn die alten Ägypter anstelle des Steinmeißels schon die Computermaus bedient hätten.

Aber die moderne Informationstechnologie erleichtert nicht nur die Archivierung und Verwaltung. Anders als im Zettelkasten, dessen Ordnung feststeht, lässt sich in der Datenbank je nach aktueller Fragestellung gezielt das gewünschte Textmaterial auffinden. Intelligente Benutzeroberflächen auf dem Computerschirm erlauben es, unterschiedliche Textdatenbanken zu verknüpfen. Unabhängige Austauschformate gestatten die Versendung codierter Texte und deren Analyse auf unterschiedlichen Systemen, ähnlich dem im Internet üblichen html-Format. Die sich daraus ergebenden neuen Chancen einer internationalen Zusammenarbeit bergen indes auch diverse Probleme.

Unter dem Thema "Datenbanken im Verbund" brachten Experten aus sechs Ländern diesbezügliche Bedenken auf einer Tagung in Berlin zur Sprache. Die Übernahme und Verwaltung verschiedenartiger Datenbestände setzt eine inhaltliche und technische Kompatibilität voraus. Erschwerend wirken unterschiedliche Auffassungen zu ein und demselben Stichwort oder verschiedene lexikalische Thesauri. Der Vorteil für den Benutzer liegt dennoch auf der Hand. Er hat einen transparenten Zugriff auf alle angeschlossenen Datenbestände.

Wie aber steht es mit dem Schutz von Urheberrechten, wenn neue Teilergebnisse laufender Forschungen in das System eingebracht werden? Am Ende der Fachtagung zeigte sich der jetzige Leiter der BBAW-Arbeitsstelle "Altägyptisches Wörterbuch", Stephan Johannes Seidlmayer, optimistisch. Er sei davon überzeugt, dass sich Formen der Kooperation finden lassen, die die individuelle Unabhängigkeit der Partner wahren und es doch gestatten, gemeinsam nutzbare Textdatenbestände aufzubauen.

Während die Tagung am Wochenende abgeschlossen wurde, ist die parallel dazu eröffnete Ausstellung "Pharao setzt die Grenzen - Textanalyse zwischen traditioneller Philologie und elektronischen Medien" noch bis zum 31. Dezember 1999 zu sehen. Ort und Zeit: täglich, außer montags,von 10 bis 18 Uhr im Ägyptischen Museum in Charlottenburg. Stubenhocker können den Weg zu den Hieroglyphenherzen im Internet finden über http://aaew.bbaw.de:88/dzaInfo/dzaInfo.html .

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