Zeitung Heute : "Das Internet löst das Pay-TV ab" - der Ex-RTL-Chef über sich und die Zukunft des Fernsehens

Herr Dr. Thoma[kürzlich hat das deutsche Pri]

Helmut Thoma (60), Der einstige Macher von RTL sucht eine neue Herausforderung. Weil Unstimmigkeiten mit der Bertelsmann-Zentrale ausgeräumt scheinen, soll Thoma dem Internet auf die Sprünge helfen. In der Computerzeitschrift "konr@d" weist Thoma darauf hin, dass das Internet-TV eine ernsthafte Konkurrenz für das Pay-TV wird. Tagesspiegel-Mitarbeiter Andreas Kötter traf Thoma in der Staatskanzlei NRW in Düsseldorf und sprach mit ihm über die Möglichkeiten des Neuen Mediums und darüber, was Berlin von Köln unterscheidet.

Herr Dr. Thoma, kürzlich hat das deutsche Privatfernsehen seinen 15. Geburtstag gefeiert. Die Zeit der großen Visionäre scheint aber vorbei: Sie sind bei RTL ausgeschieden, Georg Kofler wird Pro 7 verlassen . . .

Ich selbst habe mich nie als Visionär in dem Sinne gesehen, dass ich zwar tolle Ideen habe, aber gleichzeitig das Geld zum Fenster hinausschmeiße. Vielmehr habe ich in 34 Jahren im Bereich Hörfunk/TV vom öffentlich-rechtlichen Justitiar über den Hörfunk-Programmdirektor bis zum Programmplaner und schließlich zum Geschäftsführer von RTL so ziemlich alle Funktionen ausgefüllt. Ich frage mich, ob man große Sender noch generell mit einer Controllermentalität führen kann. Sollte mit Murdoch eine dritte private Kraft am Markt auftauchen, worauf sein Coup mit tm3 hindeutet, dann erfordert das schnelle Reaktionen. Den Gesichtspunkt der Rendite muss man dann zumindest kurzfristig vergessen.

Sehen Sie hinter dem Rücktritt Koflers eine Strategie von Leo Kirch, an eine Senderfamilie mit Pro 7 und Sat 1 zu gelangen?

Dazu wird es sicher kommen, Fred Kogel von Sat 1 hat das bereits mehrfach erwähnt. Will Kirch an die Börse, muss er etwas vorzuweisen haben: Während Sat 1 keine unmittelbare Erfolgsstory ist, könnte dagegen Pro 7 mit Kabel 1 diese Erfolgsstory bieten.

Stichwort Murdoch: Haben Sie sich die Champions League bei tm3 angesehen?

Ja, und ich finde, die haben das im Grunde recht ordentlich gemacht. Man hat tm3 in den letzten Wochen in eine Underdog-Situation gedrängt. Man fördert so nur unfreiwillig den Zusammenhalt und verschafft dem Gegner eine "Jetzt-zeigen-wir-es-denen"-Mentalität.

Lediglich mit dem Underdog tm3 wird Murdoch den deutschen Markt aber nicht aufmischen können . . .

Warten wir ab, was passiert, wenn er VOX bekommen sollte. Er wird sich sicherlich auch um die Rechte an der Bundesliga bemühen und sei es auch nur, um den Preis noch einmal hochzutreiben. Auch das Gerücht, dass er sich um das Kabelnetz der Telekom bemüht, lässt vermuten, dass Murdoch es nun wissen will.

Sie sollen den Bertelsmann-Vorsitzenden Thomas Middelhoff bei der Erschließung des Internet zur Seite stehen. TV und Internet: Wie lässt sich das zusammenbringen?

Ich glaube, dass das Internet in der Zukunft den Teil des Fernsehens übernehmen wird, den heute noch das Pay-TV abdeckt. All diese individuellen Inhalte wird man sich dann selbst besorgen können und man wird nicht mehr darauf angewiesen sein, dass diese Inhalte, etwa von Premiere World, erst geliefert werden müssen. Wenn ich etwa an Kochrezepten interessiert bin, dann bin ich nicht länger abhängig von Bios Geschmack, sondern kann nach meinem Gusto auswählen und das alles dann noch vernetzen mit Restaurantkritiken oder kann z. B. per E-Commerce Weine zum Essen bestellen. Ich glaube nicht, dass der Computer das TV-Gerät völlig verdrängen wird.

Was genau machen Sie bei Bertelsmann?

Genau genommen bin ich nicht bei Bertelsmann, sondern bei CLT/UFA angesiedelt. Die einzelnen Bereiche der Bertelsmanngruppe, etwa Gruner + Jahr, die über ihre Zeitschriften Inhalte fürs Internet liefern könnten, oder der Bereich Multimedia mit AOL, sollten erst einmal koordiniert werden, will man zu einer gemeinsamen Zielsetzung gelangen. Konkret ist noch gar nichts passiert, deshalb kümmere ich mich momentan um die Berliner Multimedia-Agentur Pixelpark, die Anfang Oktober an die Börse gehen wird.

Gegenüber Middelhoff sollen Sie sich bereit erklärt haben, in Zukunft auf öffentliche Schmähkritik, etwa an ihrem Nachfolger bei RTL, an Gerhard Zeiler, zu verzichten . . .

Ich habe nie Schmähkritik an Zeiler geübt; schließlich macht er doch das alte und damit mein Programm weiter. Ich würde aber wohl kaum mein Programm schlecht reden.

Hat man versucht, Sie mundtot zu machen?

Nein, das hat man nicht versucht. Man weiß auch, dass das mit mir nicht zu machen wäre. Wie ich aber schon sagte: Es gab schließlich auch gar keinen Grund, so mit mir zu verfahren.

Wenn Sie bei Bertelsmann noch unterfordert sind, so braucht Sie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement mehr denn je, um den Aufbau einer Medienlandschaft voranzutreiben. Was hat Köln, was Berlin nicht hat?

In Düsseldorf, in Köln findet sich die wichtigste Region Deutschlands, wenn nicht Europas. 18 Millionen Menschen leben hier. Als Freistaat wäre das der sechstgrößte Staat der EU. Dagegen ist Berlin eine Randlage, dort fehlt das Hinterland, zumindest solange, wie Polen nicht ein ähnliches Bruttosozialprodukt wie Holland aufweisen kann.

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