Zeitung Heute : Das Internet macht die Medizin demokratischer - und sozialer (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

In jedem Krankenhaus gibt es diskrete, aber strenge Hofregeln der Hierarchie. Am einfachsten lassen sich die Müllmänner in ihren orangen oder braunen Overalls von den strahlend weißen Ärzten unterscheiden. Krankenschwestern sind blau und weiblich, das ist einfach. Schwieriger wird es bei den alles entscheidenden Hierarchiestufen unter den Ärzten, denn unter den Göttern in Weiß sind einige besonders göttlich. Beulen im mit Büchern vollgestopften Kittel sind ein Hinweis auf niedrige Assistenzdienste. Wer kaum Beulen, wenige Kugelschreiber und mindestens einen Piepser hat, ist im Zweifel Oberarzt. Ohne lästigen Piepser, mit nichts als einem edlen Füllfederhalter - das ist der Chef und im Algemeinen männlich.

Mit dem Einbruch der Informationstechnologie dürften die altgedienten Insignien des ärztlichen Aufstieges jedoch bald wertlos werden. Statt dicker Medikamenten-Fibeln und Notfall-Ratgeber tragen zeitgemäße Assistenzärzte neuerdings einen "PalmPilot V" in der Brusttasche - als unmissverständliches Symbol ihrer technologischen Überlegenheit. Die elektronischen Minigehirne lassen sich mit Datenbanken für jedes medizinische Fachgebiet füttern, nebenbei werden alle Patienten und Arztbriefe verwaltet. Über ihre Infrarot-Schnittstelle können sie jederzeit aus dem Internet noch mehr Informationen einsaugen.

Was manchem Alt-Chefarzt wie ein überflüssiges Accessoire anmutet, wird bald die Medizin revolutionieren. Auf der CeBit 2000 werden die technischen Voraussetzungen gezeigt: Der Arzt kann online vom Patientenbett auf Röntgenbilder, Datenbanken und das Wissen spezialisierter Kollegen zugreifen. Bei Operationen kann er sich von ferngesteuerten Robotern helfen lassen.

Vom warmherzigen "Onkel Doktor" ist da allerdings nicht mehr viel übrig. Wird die Schulmedizin, die ja nicht gerade durch übermäßiges menschliches Einfühlungsvermögen glänzt, durch den Lebensbund mit der Informationstechnologie tatsächlich verbessert? Auf jeden Fall werden eine Reihe drängender Probleme gelöst. Die wachsende Informationsflut zwingt zur Spezialisierung, wodurch einige Doktores den Blick für den Menschen als Ganzes verloren haben. Wenn Spezialwissen jederzeit abrufbar ist, steigt der Wert der sozialen Fähigkeiten wieder.

Von der Vernetzung können gerade Haus- und Provinzärzte profitieren, etwa durch Zusammenschluss mit Kollegen in einem "virtuellen Krankenhaus". Umgekehrt ermöglicht der offene Zugang zu medizinischem Wissen dem Patienten eine gewisse Kontrolle seines Arztes. Internet-Foren für Problemkrankheiten wie Hepatitis, Multiple Sklerose oder Hörsturz tragen bereits wesentlich dazu dabei. Dann wird es auch nicht mehr so wichtig sein, in welchen Kleidern die Göttern von einst erscheinen.Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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