Zeitung Heute : Das ist die Gehaltsschere

Der Niedriglohnsektor ist in Deutschland stark gewachsen – die Gehälter in diesem Bereich sind aber gleichzeitig gesunken. Welche Ursachen hat diese Entwicklung?

Cordula Eubel

Welche Bedeutung hat der Niedriglohnsektor auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

Deutschland liegt bei den Niedriglöhnen in der EU an der Spitze und hat fast das Niveau der USA erreicht: Mehr als jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland (22 Prozent) war im Jahr 2006 ein Niedriglöhner, verdiente also weniger als zwei Drittel des mittleren Lohnes. In den USA sind es 25 Prozent, wie ein Ländervergleich zeigt. In Stundenlöhne umgerechnet heißt das: Zu den Geringverdienern gehört in Deutschland, wer für seine Arbeit weniger als 9,61 Euro im Westen und 6,81 Euro brutto im Osten bekommt.

Die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen ist dabei immer weiter aufgegangen. So sind die Reallöhne von Geringverdienern zwischen 1995 und 2006 deutlich zurückgegangen, während Besserverdiener ein leichtes Plus auf dem Gehaltszettel verzeichnen konnten, zeigt eine aktuelle Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Die Forscher haben die Beschäftigten nach ihren Stundenlöhnen in vier gleich große Gruppen eingeteilt. Ergebnis: Die Reallöhne der untersten Einkommensgruppe sanken um 13,7 Prozent, während die der obersten Gruppe um 3,5 Prozent stiegen. Reallohnverluste reichten aber bis in die mittleren Einkommensgruppen hinein (minus 3,2 Prozent in der zweiten Gruppe). Für die Forscher ein weiterer Beleg für die Ausdünnung der Mittelschicht.

Nicht nur Teilzeitkräfte und Minijobber werden gering bezahlt. Auch Kerngruppen des Arbeitsmarktes sind mittlerweile betroffen. Während 1995 jeder neunte Vollzeitbeschäftigte für einen Niedriglohn arbeitete, war es 2006 bereits jeder siebte (14,3 Prozent). Und auch wenn Geringqualifizierte vor allem im Niedriglohnbereich arbeiten, so ist die Steigerungsrate in der Gruppe der Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung deutlich höher. So konnten 2006 fast drei von vier Niedriglohnbeschäftigten (73,6 Prozent) eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen akademischen Abschluss vorweisen, 1995 waren es nur 66,5 Prozent. Ein im internationalen Vergleich „extrem hoher Wert“, wie die Arbeitsmarktforscher feststellen. So haben in den USA rund 70 Prozent der Niedriglöhner keinen oder nur einen High-School-Abschluss – also weniger als eine abgeschlossene Lehre.

Warum ist der Niedriglohnsektor in Deutschland so gewachsen?

Als wichtigsten Grund nennen die Arbeitsmarktforscher des IAQ, dass nach der deutschen Wiedervereinigung die Zahl der Betriebe, die Tariflöhne zahlen, deutlich abgenommen hat. Weil es keinen gesetzlichen Mindestlohn gebe, hätten in der Folge viele Unternehmen zunächst im Osten, dann aber auch in Westdeutschland, die Arbeitgeberverbände verlassen, um geringere Löhne zahlen zu können. Ein Sog, der sich auch auf gewerkschaftlich gut organisierte Firmen ausgewirkt hat. Das wachsende Lohngefälle habe dazu geführt, dass viele zuvor gut bezahlte Tätigkeiten in Betriebe und Branchen mit geringeren Löhnen verlagert worden seien. Durch die Privatisierung staatlicher Unternehmen sei der Anteil der Beschäftigten mit schlechter Bezahlung weiter gestiegen. Ebenso durch die Ausweitung der Minijobs und die Hartz-Reformen am Arbeitsmarkt.

Sind durch den Niedriglohnbereich neue Jobs entstanden oder nur bestehende verlagert worden?

Das ist umstritten. Für Claudia Weinkopf, Mitautorin der IAQ-Studie, ist zumindest klar, dass die Annahme, jeder Job im Niedriglohnbereich sei ein zusätzlicher, nicht stimmt. „In vielen Betrieben sind gut bezahlte Stellen in schlechter bezahlte Branchen verlagert worden – auch über den Einsatz von Zeitarbeitern“, sagt Weinkopf. Andererseits ist die Beschäftigungsschwelle – also das Wachstum, das nötig ist, damit neue Jobs entstehen – in den letzten Jahren gesunken. Inzwischen ist nur noch ein Wachstum von 1,5 Prozent erforderlich, früher waren es zwei Prozent.

Im Niedriglohnsektor sind die Einkommen kontinuierlich gesunken, während Besserverdiener Lohnsteigerungen erhalten haben. Wie ist das zu erklären?

In Branchen, in denen die Gewerkschaften stark sind (etwa in der Metall- oder Chemieindustrie), konnten sie in den letzten Jahren Lohnsteigerungen durchsetzen. Deshalb hat nach Ansicht von Arbeitsmarktforscherin Weinkopf auch ein Teil der Arbeitnehmer in den vergangenen elf Jahren ein Plus bei den Reallöhnen verzeichnen können. Für gut qualifizierte Besserverdiener, die eine „individuell gute Position auf dem Arbeitsmarkt hätten“, sei es zudem einfacher, eine Gehaltssteigerung zu verhandeln, als für Geringverdiener.

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