Das ist die Pekinger Luft : Reich an Nebel

Atemmasken und Luftreiniger sind Verkaufshits in Peking, wo der Smog oft den Himmel verdunkelt. Die Regierung gelobt Besserung, doch schon verlassen Ausländer die Stadt. Die meisten Chinesen müssen bleiben – und auf Wind aus dem Norden warten.

Undurchsichtig. Ein Bewohner Pekings radelt Ende Januar durch den Smog. Nach etwa drei Tagen ist so eine Atemmaske grau, nach einem Monat schwarz. Foto: Xinhua/laif
Undurchsichtig. Ein Bewohner Pekings radelt Ende Januar durch den Smog. Nach etwa drei Tagen ist so eine Atemmaske grau, nach...Foto: Xinhua/ZUMA/REA/laif

Ein Tag in Peking beginnt normalerweise grau. Die Sonne verschwimmt im Osten zu einem orangefarbenen Klumpen, die Alten auf dem Nachbargrundstück tragen beim morgendlichen Schattenboxen Atemmasken, Nebel verhüllt die Hochhäuser in der Ferne. Öffnete man das Fenster, so würde man bemerken, dass diese Art von Nebel einen eigentümlichen Geruch besitzt. Ein Geruch, der den Geschmack von Rauch, von Abgasen und Schwermetall auf der Zunge hinterlässt. An vielen dieser grauen Tage empfiehlt es sich, die Fenster geschlossen zu halten. Und gut darüber nachzudenken, wie lange man sich im Freien aufhalten will.

Es ist einer dieser Tage, an dem eine Pekinger Mutter per Mail in der Internetgruppe „Beijingairinfo“ um Rat fragt: „Wenn die Luftverschmutzung so schlimm ist, dass ich noch nicht einmal das Haus meines Nachbarn sehen kann, soll ich dann meine Kinder noch zur Schule schicken?“

Die Umweltverschmutzung zählt zu den drängendsten Problemen der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Das haben auch Chinas künftiger Premierminister Li Keqiang und der künftige Staatspräsident Xi Jinping erkannt. Die beiden werden bei dem am morgigen Dienstag beginnenden Volkskongress in Peking offiziell die Macht in der Einparteiendiktatur übernehmen. In den kommenden zehn Jahren ihrer Amtszeit wird sie der Kampf gegen die Verschmutzung vor eine riesige Herausforderung stellen.

Vor allem das Ausmaß der schlechten Luft im Land ist dramatisch. Sieben der zehn Städte mit der weltweit größten Luftverschmutzung liegen in China. Vor wenigen Wochen, im Januar, war es so schlimm wie noch nie: Der Smog verhüllte eine Fläche vier Mal so groß wie Deutschland und beeinträchtige so das Leben und die Lungen von 800 Millionen Einwohnern. Der durchschnittliche Feinstaubwert in diesem Monat betrug 194 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zum Vergleich: In den Raucherräumen auf US-Flughäfen wurden laut einer Studie durchschnittlich 166,6 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen. Im Januar in Peking zu leben bedeutete folglich, einen Monat lang in einem geschlossenen Raucherraum gefangen zu sein. Mit Alten, Kindern und Säuglingen.

Chris Buckley steht deswegen an einem Vormittag in der Turnhalle eines Pekinger Kindergartens und hält einen Vortrag über das Leben mit der Luftverschmutzung. Etwa 30 zumeist ausländische Mütter hören ihm aufmerksam zu. Buckley, ein fröhlicher Brite in seinen Vierzigern, mit gewelltem Haar und hohem Stirnansatz, ist im Jahr 2000 nach Peking gekommen. Innerhalb weniger Monate entwickelte er ein mildes Asthma. Er begann, sich mit der Luftverschmutzung intensiver zu beschäftigen, kaufte Luftreiniger und Atemmasken, erst für sich selber, dann für andere. Ursprünglich handelte er in Peking mit Tibetteppichen. Inzwischen aber bekommt man in seinem Laden auch schwedische Luftreiniger für bis zu 1300 Euro pro Stück. Das Geschäft brummt. „Die Tibetteppiche sind jetzt nur noch mein Hobby“, sagt Chris Buckley.

In der Turnhalle des Kindergartens steht er nun vor seinem Computer. Ab und zu scheppert Geschirr, eine Köchin fährt das Frühstück der Kinder durch die Turnhalle. „Ist es besser, im Hochhaus im 30. Stock zu wohnen oder besser im zweiten Stock?“, fragt eine Mutter. Das mache keinen großen Unterschied, antwortet Chris Buckley, entscheidender sei eher, ob man an einer viel befahrenen Straße wohne oder nicht. Eine andere fragt, ob es auch Atemmasken für Kleinkinder gibt. „Erst ab vier Jahren“, antwortet Buckley, „sonst ist die Strangulationsgefahr zu hoch.“

Am 12. Januar 2013 erreichte der Wert der kleinsten Feinstaubpartikel, die tief in die Lunge und in die Blutbahnen eindringen können, in Peking einen schockierenden Rekord von 993 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einem Tagesdurchschnitt von mehr als 25 Mikrogramm. Unter den in der Hauptstadt lebenden Ausländern ist dieser Tag als „Airpocalypse“ in die Geschichte eingegangen. „Es ist zurzeit gesünder, die Luft gleich direkt aus dem Auspuffrohr zu atmen“, schrieb ein Nutzer des chinesischen Kurznachrichtendienstes Weibo.

Kohleverbrennung, Industrieemissionen und Autoabgase sind die größten Verursacher des chinesischen Smogs. China ist weltgrößter Kohlendioxidproduzent, rund 70 Prozent der chinesischen Energie wird aus Kohle hergestellt. Das Land verbraucht inzwischen beinahe so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen. Auch ist die Zahl der Autos im chronisch verstopften Peking von drei Millionen im Jahr 2007 auf 5,2 Millionen gestiegen. Und es werden, trotz verschiedener Maßnahmen wie Fahrverbote und Zulassungsbeschränkungen, immer mehr.

Chris Buckley kann exakt bestimmen, wie viel Feinstaub die Bewohner Pekings gerade einatmen. Wenige Tage vor seinem Vortrag im Kindergarten steht er vor seinem Geschäft im Pekinger Stadtteil Shunyi und hält ein Messgerät in seiner Hand. 308 000, meldet der kleine brummende Kasten, der wie ein Geigerzähler aussieht. „Es ist sehr schlecht heute“, sagt er, geht in seinen Laden und misst erneut: 290 000. „Drinnen ist es ein bisschen besser, aber nicht viel“, sagt Buckley. Dann setzt er sich an den Taschenrechner und berechnet den aktuellen Luftqualitätsindex, der in Peking auch von der Umweltbehörde sowie stündlich auf dem Dach der US-amerikanischen Botschaft gemessen wird. „347, gefährlich“, sagt er.

Es hilft gar nicht so sehr, sich bei großer Luftverschmutzung in der Wohnung und in Einkaufszentren aufzuhalten. Die Feinstaubpartikel dringen durch die oft schlecht isolierten Fenster und Türen. Chris Buckley wirbt deshalb nachdrücklich für jene grauen Kästen, die vor seinem Laden in der Einkaufspassage stehen. „Die Luftreiniger können 99,7 Prozent der Feinstaubpartikel aus der Luft filtern“, erklärt er. Besser also, man besitzt so ein Ding.

Ein paar Wochen später steht einer seiner chinesischen Mitarbeiter in der Wohnung. Er kommt, um die dreistufigen Aktivkohlefilter der Luftreiniger zu wechseln, deren Lamellen in Peking spätestens nach sechs Monaten schwarz und staubig sind. Die neuen Filter strahlen weiß. Der Mitarbeiter misst die Feinstaubbelastung vor und nach dem Einschalten der Luftreiniger. „Schau mal“, sagt er und hält den Zähler direkt an die Öffnung des brummenden Geräts, „fast keine Luftverschmutzung.“ Die Geräte können je nach Zimmergröße innerhalb einiger Minuten die Feinstaubbelastung um mehr als 50 Prozent reduzieren. Selber aber besitze er keinen der teuren Luftreiniger, sagt der Chinese. „Ich bin Pekinger, wir haben uns an die Luftverschmutzung gewöhnt.“

Bis vor kurzem war diese Einstellung unter den chinesischen Bewohnern häufiger zu finden. Doch inzwischen wächst die Empörung in der chinesischen Öffentlichkeit über die schlechte Luft, auch aufgrund der großflächigen Berichterstattung über die Gefahren. Sogar die Volkszeitung, das Sprachrohr der Kommunistischen Partei, schrieb: „Ein schönes China beginnt beim gesunden Atmen.“

Im Moment atmen die Pekinger auf jeden Fall nicht gesund. In seinem Laden zitiert Buckley eine Studie aus dem „New England Journal of Medicine“: Erhöht sich die lebenslange Belastung durch Feinstaub um durchschnittlich zehn Mikrogramm pro Kubikmeter, senke das die Lebenserwartung um neun Monate. „Wer sein ganzes Leben in Peking verbringt, stirbt statistisch gesehen ungefähr sieben oder acht Jahre früher“, sagt er. „Wenn du nur sieben oder acht Jahre in Peking verbringst, verlierst du vielleicht ein Jahr.“

Die Columbia-Universität hat in einer Studie herausgefunden, dass ungeborene Kinder, deren Mütter schlechter Luft ausgesetzt waren, im Schulalter ein größeres Risiko für verminderte Intelligenz und Verhaltensauffälligkeiten besitzen. Aber auch Kleinkinder sind gefährdet. Weil sie ständig in Bewegung sind und ihre Lungen noch wachsen. „Wenn man viel läuft, atmet man zehn Mal intensiver“, erklärt Buckley. Dann können die feinen Partikel noch tiefer in die Lunge eindringen.

Pekinger Schulen reglementieren deshalb den Aufenthalt ihrer Schüler im Freien. Sie beobachten den Luftqualitätsindex, der von der US-Botschaft stündlich im Internet aktualisiert wird. An der International School of Beijing durften die Kinder im vergangenen Jahr an 39 von 180 Schultagen nicht Sport treiben oder in der Pause draußen spielen. Um das zu ändern, hat die Schule nun zwei riesige aufblasbare Schulturnhallen mit Luftfiltern und Temperaturregelung gebaut. Sechs Tennisplätze finden darin Platz. „Sporthallen“, werden sie von der Schule genannt, „Pollution Domes“ von den Eltern.

Längst versucht China, einiges gegen die Luftverschmutzung zu unternehmen. 42 Milliarden Euro stellt der aktuelle Fünfjahresplan zur Bekämpfung der schlechten Luft zur Verfügung. Zentralregierung und lokale Behörden bauen zum Beispiel erneuerbare Energien aus, beschränken Fahrzeugzulassungen, verbessern Benzinstandards, fördern die Produktion und den Kauf von Elektrofahrzeugen. Gleichzeitig schreitet die Urbanisierung weiterhin rasant voran.

Bis zum Jahr 2030 werden eine Milliarde Chinesen in den Städten wohnen, prophezeit eine McKinsey-Studie aus dem Jahr 2009. Gegenwärtig gibt es schon 690 Millionen Stadtbewohner. Die chinesische Wirtschaft wächst und wächst, bis 2020 soll sich das Bruttoinlandsprodukt noch einmal verdoppeln. Das alles bedeutet: Noch mehr Energiebedarf, noch mehr Verkehr, noch mehr Emissionen. Der von der Regierung angestrebte Wandel von der ressourcenintensiven Wirtschaft hin zur Dienstleistungsindustrie und zum Binnenkonsum kommt nur langsam voran. „Wir erleben weiter eine rasante Entwicklung in der verarbeitenden Industrie“, sagte ein Mitarbeiter des Entwicklungsforschungszentrums des Staatsrates der Zeitung „China Daily“. „Unter diesen Umständen liegt eine Lösung des Luftverschmutzungsproblems nicht in greifbarer Nähe.“

Die chinesische Zentralregierung sorgt sich deshalb auch dieser Tage um die Luftqualität. Dichter Smog während des Regierungswechsels in Peking würde allen Beobachtern noch einmal vor Augen führen, auf wessen Kosten das chinesische Wirtschaftswunder der letzten 30 Jahren geht: der Umwelt. Es wäre ein großer Gesichtsverlust für die Kommunistische Partei. Die Zentralregierung hat deshalb laut „South China Morning Post“ die Pekinger Behörden angewiesen, Maßnahmen zur Verbesserung der Luft im März zu treffen.

Die ganz persönliche Luft lässt sich mit Atemmasken verbessern. Auch die verkauft Chris Buckley. Ihre Bänder schneiden in die Wangen und wenn die Maske dicht auf Mund und Nase sitzt, sorgt sie für ein leichtes Gefühl von Atemnot. Wie Kiemen filtert ihr weißer Stoff Staubpartikel aus der Luft. Fährt man drei Tage lang mit dieser Maske Fahrrad im Pekinger Smog, nehmen diese Stoffkiemen eine graue Färbung an. Nach einem Monat färben sie sich schwarz und müssen ausgewechselt werden.

Einige Ausländer haben genug von schlecht sitzenden Atemmasken und teuren Luftreinigern. Sie gehen zurück in ihre Heimat oder ziehen nach Schanghai oder Hongkong, wo die Luft etwas besser ist. „Pekings Smog könnte einen Exodus der Ausländer auslösen“, schrieb die „Global Times“. In einer Umfrage unter ausländischen Firmen gaben 30 Prozent an, sie hätten wegen der Luftverschmutzung Schwierigkeiten, Mitarbeiter zu finden, die nach Peking ziehen wollen.

Die meisten Chinesen aber müssen bleiben – und auf den Nordwind warten. Er verbessert Pekings Luft gegenwärtig am verlässlichsten und bläst den Dreck aus dem Halbkessel, in dem die Stadt liegt. Weil der im Norden und im Westen von einem Gebirge begrenzt wird, stauen sich die Luftmassen darin besonders gut.

Als unlängst ein kräftiger Nordwind eine fünftägige Smogperiode beendete, meldete sich wieder die Mutter, die ihr Kind nicht durch die schlechte Luft zur Schule schicken wollte. Sie versendete erneut eine Rundmail an alle, diesmal stand darin nur ein einziges Wort: „Endlich“.

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