Zeitung Heute : Das ist doch die Höhe! Die Schweizer sind gesund – warum eigentlich? Und was können wir von ihnen lernen?

Ulf Lippitz

Die Stimmung ist mies unter deutschen Patienten. Zehn Euro Praxisgebühr verleiden ihnen den Gang zum Arzt. Was sollen da die Schweizer sagen, bei denen ist die Selbstkostenbeteiligung seit Jahren verankert – und tut dem Volksbefinden keinen Abbruch. Schweizer haben die besten Zähne der Welt und zäh sind die Eidgenossen auch – nach Schweden und Japanern leben sie am längsten. Männer erreichen ein Alter von 76,3 Jahren, Frauen von 82,7 Jahren. Es muss wohl so sein: Die Schweiz ist gesund. Aber warum?

„Vor allem der Wohlstand – eine hohe Arztdichte, gute Spitäler und optimale Medikamentenversorgung – fördern das hohe Alter“, glaubt Margrit Wyder vom Medizinhistorischen Museum Zürich, doch damit nicht genug. „Dazu kommt eine traditionelle Lebenshaltung der Menschen, die das Maßhalten auf allen Ebenen betont. Die Fettleibigkeit ist deshalb weniger verbreitet als in Deutschland“, sagt sie.

Maßhalten und traditionelle Lebensführung also. Und dann die Luft, klar und schadstoffarm. Die Schriftstellerin Johanna Spyri glaubte gar an deren spirituelle Kraft und ließ in ihrem Kinderbuch „Heidi“ die an den Rollstuhl gefesselte Clara an einem schweizerischen Berghang das Laufen lernen. Faktische Vorteile besaß die Alpenluft lange für Tuberkulosekranke: Sie trocknete, kühlte und wirkte entzündungshemmend. In Lungenkurorten wie Arosa und Davos trafen sich Deutsche, Russen, Engländer und Franzosen zur berühmten Liegekur – bei der man stundenlang an der frischen Luft ruhte. Thomas Mann verewigte das Ritual in seinem Werk „Der Zauberberg“.

Mit der Einführung der Antibiotika erlosch der Therapieboom. Doch heute besinnt man sich neuer Wirkungsformen. Da in der Alpenluft Hausstaubmilben, Schimmelpilzsporen und Pollen ab 1200 Metern fast völlig fehlen, gilt die Höhenluft als Balsam bei dermatologischen Krankheiten wie der Neurodermitis und einigen Allergien. Die kühlende Luft belebt den Hautstoffwechsel, fördert die Durchblutung und stärkt die Immunabwehr der Haut. In Davos machen zu 95 Prozent deutsche Patienten davon Gebrauch.

Die Kräuter-Karriere

Dabei lebt man in der Schweiz auch ganz schön riskant. Die intensive Sonneneinstrahlung ist in den Bergen nicht ungefährlich, der schwarze Hautkrebs ist in der Schweiz häufiger als im restlichen Europa. Sonnencremes ab Lichtschutzfaktor 15 sind ratsam. „Bei raschem Aufstieg in Höhen über 3000 Metern kann auch die Bergluft ungesund sein“, sagt Margrit Wyder. „Der Sauerstoffmangel löst die Höhenkrankheit aus, mit Kopfschmerzen, Übelkeit und der Gefahr von Hirn- oder Lungenödemen.“ Halten sich Menschen länger in Regionen zwischen 1000 und 3000 Metern auf, akklimatisiert sich der Körper langsam und bildet vermehrt rote Blutkörperchen, die für den Sauerstofftransport wichtig sind. Der Blutdruck senkt sich ab, die Leistungsfähigkeit nimmt zu. Sportler trainieren deshalb vor Wettkämpfen gerne in Höhenlagen.

Die Schweizer kultivieren ihr Wohlbehagen seit Jahrhunderten. Und schwer vorstellbar, dass ein Buch wie das heute noch beachtete „Chrut und Unchrut“ – also: Kraut und Unkraut – anderswo Karriere gemacht hätte. Das gesammelte Wissen aus irgendwelchen Bergdörfern veröffentlichte der „Kräuterpfarrer“ Johann Künzle im Jahr 1911. Seitdem hat sich das Buch mit über zwei Millionen Exemplaren als echter Bestseller erwiesen. Ricola, der im Fernsehen beworbene Kräuterbonbon gegen Hustenreiz, ging 1930 aus so einem Erfahrungsrezept hervor. Die Kräutertees von Sidroga bauten auf derartige Hausmittel – wie beispielsweise der Bärentraubenblätter-Tee gegen Blasenerkältung. Allerdings wirkt nicht jede Kräutermixtur Wunder. Arnikatee empfiehlt man heute nicht mehr gegen Herzbeschwerden. Die Inhaltsstoffe erweitern die Gefäße und können dadurch den Blutdruck bis zum Herzstillstand absinken lassen.

Armes Murmeltier

Ebenfalls umstritten ist der Einsatz von Murmeltierfett. In ihm soll natürliches Cortison enthalten sein, das gegen Neurodermitis hilft. Murmeltiersalbe wandte man früher auch gegen Rheuma an. Den Umweltengel holt man sich mit dieser Behandlungsmethode nicht: Murmeltiere gehören zu den schützenswerten Tierarten der Alpenregion. Nichtsdestotrotz bieten viele Apotheken noch heute das Hausmittel an.

Knappe Ressourcen machten die Schweizer von je her erfinderisch. Ein Nebenprodukt der Käseherstellung, die Molke, avancierte früh zum Muss der Schönheitspflege. Die Schweizer trinken sie aber nicht nur, sie baden in ihr – und das schon seit 1750. „Bäder mit Molke werden heute zur Hautpflege empfohlen“, sagt Wyder, die eine Ausstellung über die Alpenmedizin am Medizinhistorischen Museum Zürich betreut hat. „Sie schützen den natürlichen Säuremantel der Haut.“ In jedem Wellness-Hotel der Schweiz gehört die Therapie zum Standardrepertoire.

Die Orientierung auf den Wellness-Trend entsprang einer ökonomischen Notwendigkeit. Viele Sanatorien standen nach dem Siegeszug der Antibiotika leer und wurden in Hotels umgebaut. Dort führen international gemischte Kur- und Therapieangebote die Tradition als Gesundheitsstandort fort. „Heute sind die Schweizer Alpen aber vor allem Sportarena“, sagt Margrit Wyder. Was der Gesundheit nicht zwangsläufig zuträglich ist, betrachtet man die Unfallbilanz der Wintersportorte. Fast ein Drittel aller Sportunfälle in der Schweiz ereignen sich auf den Skipisten des Landes. Dazu tragen freilich ein Großteil ausländischer Touristen bei.

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