Zeitung Heute : Das ist doch kein Alter

Blair wird 50 und hat wenig Zeit zu feiern – er kämpft um seinen innenpolitischen Ruf

Matthias Thibaut[London]

Tony Blair, der wahrscheinlich mutigste Premier seit Winston Churchill, hat Angst vor seinem 50. Geburtstag. „Ich muss ehrlich sein, ich habe mich vor dem 50. gefürchtet. Komischerweise fühle ich mich überhaupt nicht so alt. Aber ich nehme an, so etwas sagt jeder“, erzählte er dem „Saga“ in einem Interview, das ist ein Lifestyle-Magazin für die über 50-Jährigen. Ein Arzneimittelkonzern hat die Furcht des Premiers gleich zum Anlass genommen, ihm mit Zeitungsanzeigen für das Vitaminprodukt „Sanatogen Vital 50+“ Mut zuzusprechen.

Wie Blair morgen seinen Geburtstag feiern wird, wie er der Furcht entgegentreten wird, darüber weiß man wenig. „Cherie wird sich schon was einfallen lassen“, ist alles, was Tony Blair verrät. „Ein ganz normaler Arbeitstag“, versichert eine Pressesprecherin in der Downing Street. Tagsüber wird Blair nach Dublin reisen zum irischen Ministerpräsidenten, um mit ihm über den Nordirlandkonflikt zu beraten – wahrlich kein fröhlicher Geburtstagsausflug.

Der Krieg im Irak ist zu Ende und Blair, der Sieger, wird 50. Nie sah man ihn so nah und nie so oft: auf dem Titel des „Financial Times Magazine“, abgelichtet von Modefotograf Rankine mit heroisch modellierten Wangenknochen, in der Fotostrecke „Blair im Krieg“ in der Zeitung „The Times“. Wir wissen jetzt außerdem, wie Söhnchen Leo unruhig hin- und herrutscht, wenn er sich zu den Eltern ins Bett kuschelt. Dass Blair nun öfter Gitarre spielt als zu seinen Bandtagen mit den „Ugly Rumours“. Wie alt er sich bei Elternabenden fühlt. Wir wissen, dass nicht der Schlaganfall des Vaters, sondern der frühe Krebstod der Mutter Tony zu einem strebsamen Mann machte. Und dass Sohn Euan, der in Bristol studiert, im Krieg jeden Abend anrief und dem Papa Mut zusprach.

Ausführlich wurde uns erklärt, wie die schweren Tage vor der Kriegsentscheidung Blair „zäh“ gemacht haben. Der geschmeidige Charmeur ist hart wie Stahl geworden. „Jetzt den Rückzug anzutreten“, hatte er vor dem Krieg im Unterhaus gerufen, „würde alles aufs Spiel setzen, was uns lieb und wert ist.“

So ähnlich klang er auch vergangene Woche in seiner monatlichen Pressekonferenz. Mit betont jugendlichen Elan trat er ans Pult: „Wenn wir vor dieser Herausforderung weglaufen, werden wir das ganze Land enttäuschen.“ Dabei ging es aber nicht um Krieg, sondern um die öffentlichen Dienste, das Gesundheitssystem, die Strafrechtsreform, die Asylgesetze – kurzum, die Reformen, die der am längsten amtierende Labourpremier der Geschichte vor sechs Jahren schon auf dem Programm hatte, bei denen seine Erfolgsbilanz aber noch immer viele Lücken aufweist.

Diesen drängenden innenpolitischen Auseinandersetzungen wird nun die Rhetorik des Irakkriegs übergestülpt. Blairs Kampf um die Einführung des Euro gegen Schatzkanzler Brown, Streit in der Labourpartei um den Anteil des Privatsektors in den reformierten Krankenhäusern, Aufbegehren der Gewerkschaft gegen Privatisierung von Dienstleistungen – das sind die Feldzüge, in denen der Premier nun mit loderndem Glimmen in den Augen zeigt, dass er vor nichts zurückschreckt. Blair wolle den vergrößerten Spielraum einer zweiten Amtszeit, in der Politiker sich nicht mehr so sehr vor Jobverlust fürchten müssen, nicht ungenützt verstreichen lassen, streut Downing Street aus. Schon wird spekuliert, ob nicht sogar Schatzkanzler Brown, dem Widersacher, der Rausschmiss droht.

Doch seltsam. In dem Maße, in dem der Personenkult um den Kriegsherrn Blair immer übertriebener wird, kehrt der alte Argwohn zurück. Blair, der über den Irakkrieg so präzise und klar sprechen konnte, klingt undeutlich und hohl, wenn er über Krankenhäuser und Schulreformen spricht. „Reformschrittchen, die sich als Radikalität ausgeben“, höhnte gestern der konservative „Daily Telegraph“. Aus der Hülle schmeichlerischer Geburtstagsoden schält sich das alte Misstrauen wieder heraus. Wo steht dieser Mann eigentlich?

Mit Präsident Bush zusammen will er „die Welt neu ordnen“. Aber interessiert er sich auch für Schulen und Krankenhäuser? Bei den Kommunalwahlen der letzten Woche gaben die Briten nicht dem Kriegshelden Blair, sondern der Partei des hausbackenen Führers der Konservativen einen unerwarteten Schub. Wollen sie am Ende, statt des ewig jugendlichen Kriegshelden doch lieber einen biederen 50-Jährigen, dem der heimische Herd lieber ist als die große weite Welt? Die BBC entrichtete, verlässlich wie sie ist, am Sonntagabend schon ihren Geburtstagstribut. Neben Reisegenossen vom „Dritten Weg“, darunter Bill Clinton, war auch die Pop-Sängerin Cilla Black dabei und sang „Happy Birthday, Mister Prime Minister“. Sie ist beileibe keine Marilyn Monroe, diese 59 Jahre alte Popsängerin, die Blair durchs Fernsehen ein Luftküsschen hinhauchte wie Monroe einst Präsident John F. Kennedy. Es war eine ironische Geste und eine Warnung. Die Briten wollen keine Kriegshelden mit Präsidentenallüren. Sir Winston Churchill wurde, kaum war der Krieg gewonnen, abgewählt.

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