Zeitung Heute : "Das ist ein Wettlauf mit dem Programmierer"

Das Computervirus "Melissa".Er legte Firmen wie Microsoft, Boeing oder Intel lahm (wir berichteten).Nicht nur die Umstände seiner Entdeckung sind einzigartig (siehe Kasten)."Melissa" gilt als bislang massivste Epidemie des Computerzeitalters.Ein Forscher des IBM-Forschungslabors in Hawthorne sagte, daß völlig neue Wege in der Viren-Bekämpfung gefunden werden müßten.Warnungen vor bösartigen Programmen gibt es schon seit längerem.Doch die entpuppten sich meist als schlechte Scherze.Über "Melissa" und die Folgen sprach Markus Ehrenberg mit Dieter Giesbrecht, Vizepräsident der Ratinger Firma "Symantec", dem führenden Hersteller von Anti-Virus-Programmen.

TAGESSPIEGEL: Wie bewerten sie das Virus "Melissa"?

GIESBRECHT: Das ist das schwerwiegenste Virus, das wir bisher hatten.Es gab 22 Prozent weniger Internet-Verkehr als gewöhnlich.100 000 Firmen waren betroffen.Es war eine unwahrscheinliche Belastung der Netzwerke, ein großer finanzieller Schaden.Daß Microsoft E-Mail-Funktionen vom Netz nimmt, das hat es auch noch nicht gegeben.

TAGESSPIEGEL: Bei Ihnen müssen doch die Telefon- und Computer-Netze wegen der vielen Anfragen von verunsicherten Nutzern zusammengebrochen sein?

GIESBRECHT: Wir hatten innerhalb von drei Stunden 20 Millionen Anfragen auf unserer Website.Alle wollten ein schnelles Update.

TAGESSPIEGEL: Wie haben Sie das hinbekommen?

GIESBRECHT: Betroffene haben uns das Virus zugeschickt.Unsere Leute sind 24 Stunde bei der Arbeit, haben innerhalb von einer Stunde das Makrovirus "Melissa" analysiert, eine Lösung entwickelt, ein Update, das wir den Kunden sofort weltweit zustellen konnten.Das ist über unsere Internet-Seite www.symantec.com zu beziehen.

TAGESSPIEGEL: Bekommen wir jetzt eine neue, starke Generation von Computerviren? Wie sicher sind unsere Datennetze?

GIESBRECHT: In den vergangenen sechs Monaten hatten wir 8000 Verdachts-Anwendungen, davon waren 300 in der Tat von einem Virus befallen.Alles andere war Fehlalarm.Sicher wird es Ableger von "Melissa" geben.Wir sind permanent gefordert, um den Wettlauf mit den Programmierern der Viren zu gewinnen.Es ist auf jeden Fall eine neue Phase der Sabotage im Datennetz eingeleitet.Der Virus zerstört oder verändert keine Daten, kann aber E-Mail-Systeme durch die massenhafte Ausbreitung infizierter Botschaften lahmlegen.Betroffen waren alle Nutzer von Microsoft-Programmen."Melissa" war in ein Word-Dokument eingebettet, das per E-Mail verschickt wurde.Wenn das Dokument geöffnet wird, schickt sich der Virus automatisch als E-Mail an 50 Adressen aus dem Adreßbuch des Empfängers weiter.Und das mit verblüffender Geschwindigkeit.

TAGESSPIEGEL: Wie können sich private E-Mail-Nutzer vor solch unliebsamer Überraschung schützen?

GIESBRECHT: Man sollte auf jeden Fall beachten, von wem die E-Mail kommt, wenn eine Datei dranhängt, wie bei "Melissa".

TAGESSPIEGEL: Wer macht sowas eigentlich: Viren in die Welt zu setzen? Was sind das für Menschen?

GIESBRECHT: Die Programmierer sind meistens zwischen 20 und 30.Seltsamerweise sind es immer Männer, wie der mutmaßliche Verursacher von "Melissa".Da will sich einer beweisen.Teilweise aus Frust.Sie wollen den Wettlauf mit den großen Unternehmen aufnehmen, immer bessere kompliziertere Viren in die Welt setzen.

TAGESSPIEGEL: Das sichert ja auch Ihren Arbeitsplatz.

GIESBRECHT: So gesehen, ja.Der Bedarf an Anti-Viren-Programme wird nie gedeckt sein.

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