Zeitung Heute : „Das ist eine Branche für Jungs“

Zukunftsforscher Matthias Horx über Sinn und Unsinn auf der Cebit

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MATTHIAS HORX, 48

Wer wissen will, wie die Welt von morgen aussieht, kann das TrendBuch des Zukunftsforschers („Future Fitness“, Eichborn-Verlag)

lesen – oder über die

Cebit laufen.

Foto: Promo

Waren Sie schon mal auf der Cebit?

Ich habe dort schon Vorträge gehalten, war aber nie längere Zeit da. Messen haben was Enervierendes – wenn man dort nicht selbst ein Produkt verkaufen will.

DVD-Camcorder mit Fotoassistent, 3-D-Display-Handys, der kleinste PC der Welt… Was braucht man davon wirklich?

Die Versprechen der digitalen Revolution sind in den letzten Jahren gleich geblieben. Wenn Sie die „Stern“-, „Focus“-, „Wirtschaftswoche“-Sonderseiten zur Cebit von 1999 bis heute analysieren, dann ist das jedes Jahr das Gleiche. Vieles wurde nicht realisiert, zum Beispiel die „große Verschmelzung“ zwischen Fernsehen und Computer….

…und dennoch steht sie jedes Jahr wieder kurz bevor…

…ja, und andere Entwicklungen sind in Sackgassen gerannt, wie etwa die Miniaturisierung: Man findet heute sein Handy nicht mehr zwischen den Legosteinen der Kinder! Man muss hier eine klare Diagnose treffen. Die digitale Revolution stagniert. Sie befindet sich auf einem Zwischen-Plateau, und das wird die nächsten fünf Jahre so bleiben.

Kein Fortschritt?

Trotz immer schnellerer Chips – oder sogar gerade wegen des Moor’schen Gesetzes, dass sich alle 18 Monate die Chipkapazität verdoppelt – entfernt sich die Technologie wieder von den Menschen. Das liegt einerseits an der Komplexität, die mit jeder Prozessorbeschleunigung noch erhöht wird, andererseits an der Tatsache, dass die Computerindustrie letztlich ein von männlichen Technikern dominierter Sektor geblieben ist. Das sieht man schon bei einem Rundgang über die Cebit – das ist eine Branche für Jungs!

Und was machen die Jungs?

Es hat hundert Jahre gedauert, bis das Automobil von einem explodierenden Gefährt zu jenem surrenden Kokon wurde, mit dem wir heute Mobilität genießen. Es hat sehr lange gedauert, bis die Menschen gelernt haben, ihr Hirn an die Geschwindigkeit anzupassen. Und es erforderte gewaltige Leistungen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, bis aus dem „Chauffeur-Auto“ der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Massenmobil wurde. Wir befinden uns in Sachen Digitalität in der ersten Phase. Wir lassen wieder computern. Das wird alles zu viel für das Individuum. Es wird noch lange dauern, bis wir smarte Computer haben, die von meiner Oma zu bedienen sind.

Wie lange?

Mindestens zwanzig Jahre.

Wird der „flexible Mensch“ überschätzt?

Flexibilität nutzt nur denen, die damit auch ihr Geld verdienen. Das sind etwa zwanzig Prozent der Menschen. Die Vision des PC in jedem Haus, als Plattform eines „digitalen Lifestyle“ liegt noch in weiter Zukunft.

Haben Sie selbst ein 3D-Foto-Handy?

Ich benutze alles, auf möglichst hohem ästhetischen Niveau. Ich bekenne: Ich bin ein Jünger der Firma Apple. Ich nutze das Internet, PDAs, Grafiksysteme, den Ipod – alles, was an halbwegs eleganter Software und gut designter Hardware auf dem Markt ist.

Und was fehlt Ihnen noch?

Ein „elektronischer Hausmeister“ oder eine „elektronische Nanny“, die mir hilft, mich in meinem elektronischen Nirwana zurechtzufinden. Ein menschliches Handbuch, das neben mir sitzt und immer auf meine Fragen antwortet – nicht in maschineller, sondern in menschlicher Weise.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg.

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