Zeitung Heute : Das ist Einstellungssache

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Familienministerin Schmidt will die Produktivität älterer Menschen fördern, deren Selbstbild sich in den vergangenen Jahren stark verändert hat. Wie ließe sich aus dem Potenzial Älterer mehr machen?

Wenn Renate Schmidt, die gleichzeitig Jugend und Seniorenministerin ist, die Potenziale des Alters preist, nennt sie gern drei Beispiele: Albert Einstein, der als 66-Jähriger noch ein Komitee für die friedliche Nutzung der Atomenergie gründete. Arthur Rubinstein, der als 71-Jähriger auf die Idee kam, das komplette Klavierwerk Chopins aufzunehmen. Und Samuel Hahnemann, der erst mit 87 die Arbeit an seinem Buch „Organon“ beendete, das die Homöopathie begründet hat.

Immer mehr Ältere seien „keineswegs an einem Rückzug aus der Gesellschaft interessiert“, befindet der erste Fortschrittsbericht der Bundesregierung zur Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie. In nur zehn Jahren habe sich bei älteren Menschen „etwas Entscheidendes verändert:„ihre generelle Lebenseinstellung“, bestätigt Klaus- Peter Schöppner, Geschäftsführer des Umfrageinstituts TNS Emnid: Gaben 1994 nur 39 Prozent der über 55-Jährigen an, dass sie „gern einmal etwas Neues wagen“, so waren es 2004 bereits 52 Prozent. Die Zahl derer, die „gern am Alten und Bewährten festhalten“, sank demgegenüber von 60 auf 45 Prozent.

Wenn die Bedingungen stimmten, sei – so die Regierungsthese – „ein maßgeblicher Teil der Älteren zu einer Fortsetzung seines Engagements in Beruf, Wirtschaft und Gesellschaft bereit“. Offenbar stimmen sie nicht, denn die Realität ist anders. In Deutschland sind 39 Prozent der 55- bis 65-Jährigen erwerbstätig – in Finnland mehr als 50, in Schweden fast 70 Prozent.

Renate Schmidt will solchen Rückstand nicht hinnehmen. Man könne und wolle nicht auf das Wissen und die Erfahrungen Älterer verzichten, drängelt sie. Betriebe und Verwaltungen müssten sich stärker auf Arbeitsbedürfnisse und -erwartungen Älterer einstellen, heißt es im Nachhaltigkeitsbericht. Schließlich müssten künftige Herausforderungen mit „insgesamt älteren Belegschaften bewältigt“ werden. Konkret bedeute das nicht nur andere Arbeitsabläufe und mehr Gesundheitsschutz. Betriebe müssten auch Perspektiven für Mitarbeiter entwickeln, die auf ihren angestammten Arbeitsplätzen nicht „alt werden“ könnten. Und generell gelte es, „das starre Nacheinander von Ausbildung, Erwerbsarbeit und Ruhestand“ durch flexiblere Muster abzulösen. Das heißt auch lebenslanges Lernen. Die Qualifizierung Älterer müsse Schwerpunkt für Schulen und Bildungsträger werden und könne nicht mehr „nebenbei“ von der Erwachsenenbildung erledigt werden.

Im Herbst will Schmidt ihren fünften Altenbericht vorlegen. Bis dahin könnte auch über einen Vorstoß der Senioren- Union entschieden sein: Die CDU-Rentner möchten, dass Ältere in ihren Jobs künftig so lange regulär arbeiten dürfen, wie sie wollen und können. Bisher müssen sich etwa Richter mit 65 und Kassenärzte mit 68 Jahren in den Ruhestand verabschieden. Zurzeit prüft der Kölner Juraprofessor Peter Tettinger, ob solcher Zwang mit der Verfassung vereinbar ist.

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