Zeitung Heute : „Das ist gedrucktes Fernsehen“

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Kanzler Schröder und Kanzlerkandidat Stoiber haben sich zum ersten Duell, zum Printduell getroffen. Wer hat besser abgeschnitten?

Dem Herausforderer ist nicht gelungen, den Amtsinhaber in die Defensive zu versetzen.

Sehen Sie neue Themen für den Wahlkampf?

Es waren die zu erwartenden Themen, auch in der zu erwartenden Provinzialität.

Hat sich einer neu positioniert?

Keine Überraschungen.

Ist mit diesem Duell der Fragekanon für jedes weitere Duell fixiert?

Es wird ein paar Nuancen geben, allein schon, um Originalität zu demonstrieren. Oft und gerne beklagen die Medien die Inszenierung von Politik. Im Wahlkampf 2002 werden Print und Fernsehen Akteure, ja Regisseure dieser Inszenierung.

Gewinnen die Medien dabei oder verlieren sie nicht an Distanz, an Unabhängigkeit?

Das haben sie längst, als Teil der „politischen Klasse". Es fehlt jeder kritische Kommentar und jede analytische Bewertung der von den Spitzenpolitikern und ihren PR-Abteilungen gebotenen Zahlenspielen und Wahlversprechen. Genau darin läge aber die Stärke eines Printmediums, hier haben wir es mit gedrucktem Fernsehen für die Zuschauerdemokratie zu tun.

Sind Sie von der Rolle, die die Chefredakteure von „Bild“ und „Bild am Sonntag“, Kai Diekmann und Claus Strunz, beim Streitgespräch spielen, enttäuscht?

Schröder und Stoiber führen das Gespräch ja selber, von den Journalisten kommen nur Stichworte. Auch bei den TV-Duellen werden wir es mit Moderatoren zu tun haben, die sich als Matadore wichtig machen und dabei von politischem Sachverstand kaum getrübt sind.

Die Politiker scheinen zufrieden, die beteiligten Medien sind es auf jeden Fall.

Gewinner sind die konventionellen Massenmedien „Bild“, „BamS“, Glotze“, die sich mit solchen Veranstaltungen vor allem auf sich selbst beziehen. Das Duell im Hause Springer fand statt, weil im Öffentlich-Rechtlichen und im Privatfernsehen eines angesetzt war, also bei Konkurrenten um Aufmerksamkeit und Werbemittel. Und das beschäftigt nun den Rest der Branche.

Was speziell kann ein Printduell an Wirkungen erzielen?

Es erreicht ein Massenpublikum, das durch sein Kauf- und Leseverhalten große Entfernung zum politischen Betrieb demonstriert, aber bei Wahlen nicht zu vernachlässigen ist. Das angeblich historische Duell muss aber als üblicher Prominenten-Auftritt zwischen Ullrichs „Drogen-Beichte“ und Babs Beckers „Vater-Drama“ platziert werden.

In Amerika besitzen Duelle von Spitzenpolitikern große Tradition. Was davon ist für die deutsche Kopie zu lernen?

Man hat wie üblich ein US-Format abgekupfert, das auf die hiesige Parteiendemokratie nicht passt. Duelle suggerieren eine Auswahl zwischen Kandidaten, die Wähler in Wahrheit nicht haben. Bei uns entscheiden Parteien und Koalitionen, wer Abgeordneter und Kanzler wird. Die Missachtung, die Stoiber vergangene Woche dem angeblich vom Volk überschätzten Parlament erwiesen hat, spricht für sich – Duelle überall, aber nicht im Bundestag, das darf eine repräsentative Demokratie nicht hinnehmen.

Welche neue Facette, welche neue Qualität hat Wahlkampf in Deutschland mit den Medien-Duellen gewonnen?

Nichts, was wirklich die Qualität steigert. Das Duell ist die Marotte der Saison, und anders als in den USA ist sie schon beim ersten Mal inflationär – vom „Duell“ in Yokohama bis herunter auf die lokale Ebene.

Wie viele Medien-Duelle halten wir aus?

Es fühlt sich leidlich unterhalten, amüsiert sich über Fehler und Peinlichkeiten und redet am Ende oft schäbig über „die Politik“ als Ganzes. Ich hoffe, wohl vergeblich, auf den Moment, wo sich Politiker verabreden, solchen Unsinn zu lassen. Statt vermeintlicher „Bürgernähe“ sollten sie wieder mehr Distanz wachsen lassen und der politischen Arbeit Würde und Respekt zurückgeben.

Print-Interviews sind selten so geführt worden, wie sie gedruckt wurden. Der Leser bekommt meist geschönte Fassungen. Es gilt das geschriebene Wort. Jetzt ist es anders gelaufen, wie in den USA galt das gesprochene Wort. Ist das eine vielversprechende Schule?

Mir ist eine substanzielle Information, die nachträglich korrigiert wurde, lieber als angeblich „authentische“ Plastikwörter. Wahlkämpfe werden von den „Beratern“ als ein Spektakel inszeniert, das die Presse zynisch kommentiert und politisch interessierte Bürger enttäuscht. Inszenierungen gehören immer schon zur Politik, aber müssen sie so banal und schlecht sein? Bitte nicht noch mehr Personenduelle, sondern mehr vertiefte und kritisch begleitete Information. Einzig die neuen, interaktiven Medien können aus der trivialen Zuschauerrolle herausführen.

Das Interview führte Joachim Huber.

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