Zeitung Heute : Das ist ihm heilig

Papst Benedikt entscheidet gegen das Kirchenrecht – und wählt einen Amerikaner als Nachfolger

Martin Gehlen Matthias B. Krause[New York]

Johannes Paul II. wird selig gesprochen, der erste Schritt zur Heiligsprechung. Das gab Benedikt XVI. jetzt bekannt. Gleichzeitig benannte er den Präfekten der Glaubenskongregation. Was steckt hinter den äußerst überraschenden Entscheidungen des neuen Papstes?

„Santo subito“ – „heilig sofort“. Schon bei dem Requiem für Johannes Paul II. waren die Sprechchöre der Gläubigen über den Petersplatz gehallt. Sechs Wochen später hat nun Nachfolger Benedikt XVI. dem öffentlichen Druck nachgegeben und der Eröffnung eines Seligsprechungsverfahrens zugestimmt. Ein ungewöhnlicher Schritt – und nicht der einzige an diesem Tag. Zudem traf Benedikt XVI. nämlich die Entscheidung darüber, wer seine Nachfolge als Präfekt der Glausbenskongregation antreten sollte: der Amerikaner William Joseph Levada, und das, obwohl die Entscheidungen der amerikanischen Regierung nicht gerade Zustimmung im Vatikan erhalten hatten.

Die rasche Seligsprechung Johannes Pauls II. widerspricht dem Kirchenrecht: Das schreibt eine fünfjährige Wartezeit nach dem Tod vor, damit sich die Gemüter der Gläubigen beruhigen können. Diese Regelung setzte Papst Benedikt XVI. überraschend außer Kraft. Damit könnte eine der schnellsten Seligsprechungen der Kirchengeschichte bevorstehen – und die gilt als Vorstufe zur Heiligsprechung.

Normalerweise dauert es Jahrzehnte, bis die katholische Kirche jemanden selig oder heilig spricht. Auch bei Päpsten. Von den katholischen Oberhäuptern der vergangenen zwei Jahrhunderte wurden die beiden Konzilspäpste Pius IX. (1846– 1878) und Johannes der XXIII. (1958– 1963) kanonisiert. Bei Pius IX., der Demokratie und Menschenrechte pauschal verdammt hatte, dauerte das Verfahren 93 Jahre. Bei dem reformoffenen Johannes XXIII. immerhin 30 Jahre. Die geplante Seligsprechung von Pius XII. (1939– 1958) dagegen ist wieder auf die lange Bank geschoben – nicht zuletzt wegen der massiven Proteste jüdischer Verbände.

Das einzige vergleichbare Schnellverfahren gab es bisher bei Mutter Teresa, der Ordensgründerin aus Kalkutta. In ihrem Fall hatte Johannes Paul II. persönlich interveniert und die Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens schon zwei Jahre nach ihrem Tod angeordnet. Vier Jahre später wurde die bekannte Ordensfrau kanonisiert – bisher ist das Rekord. Insgesamt hat Johannes Paul II. in seinem 26-jährigen Pontifikat 1338 Menschen selig und 483 heilig gesprochen, mehr als seine Vorgänger seit dem Apostel Petrus zusammen. Kritiker nannten sein Pontifikat darum spöttisch „Heiligenfabrik“.

Auch Nachfolger Benedikt XVI. stand als Kurienkardinal dieser Flut von Selig- und Heiligsprechungen skeptisch gegenüber. Noch Anfang der Woche ließ er erklären, er werde Seligsprechungen künftig nicht mehr persönlich vornehmen. Die für Sonnabend geplante Ehrung der amerikanischen Ordensfrau Maria Anna Barbara Cope (1838– 1918) sowie der spanischen Ordensgründerin Asuncion del Corazon de Jesus (1868–1940) vollzieht nun der Leiter der Selig- und Heiligsprechungskongregation, der portugiesische Kurienkardinal Jose Saraiva Martins. „Der Papst behält sich vor, die Heiligsprechungszeremonien zu leiten“, hieß es dazu in der Mitteilung des Vatikans.

Im Unterschied zu heute bestimmte in den Anfängen der Kirche nicht der Papst, sondern das Volk, wer für sie ein Heiliger war. Vom 6. Jahrhundert an bedurfte es dann einer Genehmigung durch den örtlichen Bischof. Erst um die erste Jahrtausendwende zogen die Päpste das Recht der Heiligsprechung an sich. Da viele Bischöfe jedoch weiter auf eigene Faust Heilige ernannten, einigte man sich auf eine Unterscheidung zwischen selig und heilig: Die bischöfliche Ehrung galt fortan als Seligsprechung, die päpstliche als Heiligsprechung. Entsprechend werden Selige von Gläubigen in ihren Ortskirchen verehrt, Heilige in der ganzen Welt.

Mit Beginn der Neuzeit richteten die Päpste eine vatikanische Behörde dafür ein. Seither besteht der offizielle Kanonisationsprozess, der einem Gerichtsverfahren ähnelt.

Die Wahl von William Joseph Levada wird als Zeichen an die 65 Millionen Mitglieder der katholischen Kirche in den USA gewertet, dass ihre Belange ernst genommen werden. Levada, 68, gilt als enger Vertrauter Benedikts. Er arbeitete für Ratzinger von 1976 bis 1982 als Mitglied der mächtigen Glaubenskongregation, bevor er Erzbischof von Portland in Oregon und später in San Francisco wurde.

Nach den Maßstäben der liberalen Westküstenstadt gilt er als konservativer Glaubensvertreter, der im Hintergrund arbeitet. Die Homo-Ehe opponierte er allerdings offen. Und er sorgte für Aufruhr mit der Empfehlung an Priester, sie sollten den Rat eines Bischofs einholen, wenn ein Politiker, der für das Recht auf Abtreibung eintritt, am Abendmahl teilnimmt.

In San Francisco muss sich Levada mit mehr als 50 Klagen beschäftigen, die Priestern sexuellen Missbrauch vorwerfen. Einige Kritiker bescheinigen ihm bei der Handhabung Pragmatismus, andere halten ihm Geheimniskrämerei vor. Der Erzbischof selbst wehrt sich gegen das Etikett „konservativ“. In einem Interview mit dem „National Catholic Reporter“ sagte er vor ein paar Jahren: „Diese Label sind eine Plage. Sie suggerieren ein Programm in einem grundsätzlich unproduktiven und zu polarisierten Denkmodell mit den Kategorien liberal und konservativ.“

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