Zeitung Heute : „Das ist richtiges Zocken“

PR-Experte Turner über die Chancen von Kanzler und SPD

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Herr Turner, ihre Agentur hat für das Land Baden-Württemberg den Slogan „Wir können alles außer Hochdeutsch“ erfunden. Würden Sie über die SPD sagen „Wir können alles außer Wahlkampf“?

Das Problem der SPD ist nicht, dass sie ihren Wahlkampf schlecht macht, sondern dass die Inhalte nicht überzeugen.

Warum kommen die Sozialdemokraten dennoch nicht aus dem Umfragetief?

Man stelle sich vor, die Rollen wären vertauscht und Stoiber müsste Schröders Leistungen vertreten und umgekehrt. Dann wäre der Vorsprung des Angreifers noch viel größer. Das Problem ist nicht die Verpackung, sondern der Inhalt.

Was macht die SPD verkehrt?

Die SPD hat ein Versprechen gegeben und wird jetzt an den Ergebnissen gemessen. Die wesentlichen Versprechen bezogen sich auf den Arbeitsmarkt und den wirtschaftlichen Wohlstand der Leute. Und die haben jetzt das Gefühl, sie haben weniger bekommen, als ihnen versprochen wurde. Das ist der entscheidende Punkt. Alles andere spielt nur eine Nebenrolle.

Was kann helfen?

Ein radikaler, geradezu zynischer Themenwechsel – aber dazu sind bisher nur angelsächsische Demokratien in der Lage gewesen, die die Kriege um die Falkland-Inseln und Grenada für den Wahlkampf benutzt haben. Der Kanzler muss ein Thema hochziehen, das bisher keiner auf dem Bildschirm hat und wo die SPD stärker ist als die Union. Die Frage der äußeren Sicherheit könnte eine Strategie sein. Da sieht die SPD gut aus.

Also kommt die Diskussion um einen möglichen Krieg gegen den Irak dem Kanzler gerade recht?

Das ist wahrscheinlich seine letzte Chance. Das ist richtiges Zocken, was Schröder jetzt vor sich hat. Wenn er das Thema Wirtschaft und Arbeitsplätze beibehält, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass er abgewählt wird.

Ist das Thema Krieg denn wirklich das richtige Mittel? Ist das nicht Wahlkampf mit den Ängsten der Menschen?

Wenn die Leute sagen, der Schröder zieht das Thema nur aus eigenem Interesse hoch und spielt mit der Angst, dann kann er den Löffel abgeben. Wenn aber das Gefühl aufkommt, es handelt sich um eine ernste Bedrohung, dann scharrt sich die Dorfbevölkerung um die Eiche. In einer solchen Situation würde der Oppositionspolitiker mit seiner Kritik als außerordentlich unpatriotisch und kleinlich gelten.

Der Kanzler muss also den weltweit anerkannten Staatsmann geben, der die neue Rolle Deutschlands in der Welt definieren kann?

Genau das ist es. Wenn wir jetzt das Jahr 2001 hätten und die Anschläge auf das World Trade Center gerade passiert wären, würde die Regierung wiedergewählt. In einer solchen Situation würden alle zusammenstehen, und niemand würde die Unwägbarkeit eines Wechsels wollen. Alle anderen Themen hätten keine Bedeutung mehr.

Würde ein schneller Schlag der USA gegen den Irak Schröder am meisten helfen?

Das ist wohl richtig.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

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