Zeitung Heute : Das Jahr des Wählers

Bisher war er nur ein Prozentwert in Umfragen und Wahltabellen – doch jetzt hat die Politik gelernt, ihn zu fürchten

Robert Birnbaum

Er sitzt am Küchentisch und blättert in der Zeitung. Sie führt drei Mal täglich den Dackel aus, morgens trifft sie immer die Nachbarin, da reden sie über Schröders Haarfarbe, Joschkas Diät und Merkels Frisur. Er hört im Autoradio Musik, alle halbe Stunde rauschen die Nachrichten vorbei. Sie sieht am Sonntagabend bei „Christiansen“ den Ministerpräsidenten – wie hieß der gleich, der mit dem Jungengesicht. Zwei normale, nette Leute. In den Parteizentralen und Ministerien aber zittern sie vor IHM; in den Rechenstuben der Meinungsforscher raufen sie sich die Haare über SIE. Die Unbekannten. Die Unberechenbaren. Die wahren Helden des politischen Jahres 2005 – Herr Wähler und Frau Wählerin.

Im Rückblick sagt sich’s leicht, aber man hätte das ahnen können. Schon in den kalten ersten Wochen, als oben im hohen Norden ein kauziger Dicker in den Wahlkampf gegen Deutschlands meistbehütete Frau zog. Was haben sie alle gelacht über diesen Peter Harry Carstensen, der das R so rollt wie die Nordsee ihre Wellen an seine Heimatinsel Nordstrand! Heißer Kandidat für den Orden wider den tierischen Ernst vielleicht – aber Ministerpräsident in Kiel? Gegen Deutschlands schnellste politische Zunge, Heide Simonis? Keine Chance. Bis zum Abend des 20. Februar. Da hat der Wähler, das geheimnisvolle Wesen, zum ersten Mal voll zugeschlagen.

Franz Müntefering hat viel später einmal zugestanden, dass diese Landtagswahl in Schleswig- Holstein das Ende für Rot- Grün in ganz Deutschland eingeleitet hat. Das Wahlergebnis machte alle Hoffnung zunichte, dass die SPD sich nach den Schlägen des Anti- Hartz-Jahrs 2004 einen kleinen Aufwärtstrend hätte zurechtrechnen können. Vor allem aber hat sich zu viel vom Verschleiß dessen gezeigt, was einst als rot- grünes Projekt Hoffnung anfing: Joschka Fischers Visaaffäre, wenige Wochen vorher hochgekocht, hat Herrn und Frau Wähler missfallen. Simonis Klammergriff nach der entglittenen Macht („Und was wird aus mir?!“) hat ihrer Partei nachgehangen bis zu Wählers nächstem Coup.

Der war immerhin absehbar. 22. Mai, Nordrhein-Westfalen. Seit Jahren rutscht die SPD in ihrem Stammland ab. Seit der Kommunalwahl Ende 2004 ist klar, dass der Trend anhält. Trotzdem trifft der Verlust die beiden wichtigsten SPD-Männer in Berlin so massiv, dass sie sich zum Äußersten entschließen. Gerhard Schröder und Franz Müntefering kündigen Neuwahlen an – ein Hasardeurstück ohne Vorbild. Doch Schröders Vertrauensfrage an das Volk wird sich im Nachhinein fast als Geniestreich erweisen. Er wird den sicheren Verlierer als gefühlten Gewinner von der Bühne gehen lassen und die sichere Siegerin um ein Haar zur Verliererin machen. Und bei beidem haben Herr und Frau Wähler ihre Finger kräftig im Spiel.

Man könnte sogar auf den Gedanken kommen, sie hätten sich verschworen. Ein klandestiner Bürgerbund, morgens beim Dackelausführen verabredet oder mittags in der Kantine. Und das einzig zu dem Zweck, die Politiker, die Demoskopen, die Leitartikler an der Nase herumzuführen. Die, die Polit-Profis, sind ja erst mal auch vollends beschäftigt damit, die neue Lage zu verarbeiten. Wie kriegt man eine verfassungsfeste Neuwahl hin? Kopfzerbrechen für den Kanzler, der sie beantragen muss. Kopfschütteln und Tränen bei den Abgeordneten der Koalition, die sie per gezielt verlorener Vertrauensfrage erzwingen müssen. Kopfwiegen beim Präsidenten, der sie genehmigen muss – Horst Köhler wird den juristischen Trick absegnen und seinen Segen politisch mit einer Art Staatskrise rechtfertigen. Kopfnicken schließlich beim Verfassungsgericht.

Da war der Wahlkampf schon längst angelaufen. Kein Kopf-an-Kopf-Rennen, um im Bild zu bleiben; mit weitem Vorsprung geht die Kanzlerkandidatin Angela Merkel auf die Bahn. Und lässt sich dadurch verführen zu einer Kopfgeburt: Ein Wahlkampf der Ehrlichkeit, mit angekündigten Grausamkeiten und ohne Zugeständnisse ans Gefühl. Die Leitartikler geben ihr Recht. Die Demoskopen geben ihr Recht. Nur Herr und Frau Wähler verhalten sich eigenwillig. Sie folgen ihrer eigenen Weisheit. Schließen den dreisten Charmeur Schröder im Fernsehduell wieder ein bisschen ins Herz. Tippen sich beim professoralen Radikalen Paul Kirchhof an die Stirn. Lassen den Ossi-Schmäher Edmund Stoiber abstürzen. Und bescheren sich selbst zum Schluss die erste Kanzlerin – an der Spitze einer großen Koalition der Gedemütigten. Damit haben sie in Wahrheit immer schon geliebäugelt. Aber die Entscheidung fällt erst in der Wahlkabine.

Herr und Frau Wähler sind übrigens zufrieden mit sich selbst. Wenn sie die Demoskopen nicht gerade wieder nasführen, würden sie heute wieder genau so wählen. Und warum denn auch nicht? ER hört im Autoradio weiter Musik und dazwischen in den Nachrichten von Auf- und Um- und Absteigern. Der Schröder macht in Gasgeschäft mit gutem Kumpel Putin. Der Lafontaine – ist wieder da. Was treibt eigentlich Joschka? Natürlich, hat geheiratet, der alte Schwerenöter! Der bayerische Ministerpräsident heißt Edmund Stoiber, ist aber ein anderer als der frühere Politiker gleichen Namens. Moment, was hat der Ansager vorgelesen: „SPD-Chef Matthias Platzeck …“? Richtig, ist auch nicht mehr der Müntefering. Und wie hieß gleich der neue Joschka, dieser Steindingsbums? Oder war der der neue Eichel?

SIE geht morgens mit dem Dackel aus. Mit der Nachbarin redet sie immer noch über Merkels Frisur – etwas gnädiger inzwischen. Außerdem hat sie neulich zu IHM gesagt, gerade als er am Küchentisch die Zeitung umschlug, dass er gefälligst auch mal mit dem Hund rausgehen kann, wenigstens am Wochenende; jetzt, wo wir eine Kanzlerin haben.

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