Zeitung Heute : Das Jahr Eins

Er suchte Ostern und fand Weihnachten: Ein kleiner römischer Mönch ermittelte im Jahr 525 das Geburtsdatum Jesu Christi – und verrechnete sich. Aber er begründete damit unsere Zeitrechnung.

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Von Ingo Bach Sein Name ist nur wenigen Experten geläufig, nicht einmal ein Bild von ihm ist überliefert. Dabei hat sein Werk wahrlich die Zeit verändert – bis zum heutigen Tag.

Ohne diesen Dionysius wäre nicht so ganz klar, welches Jahr wir gerade schreiben. 2759 vielleicht, ab urbe condita – von der Gründung der Stadt Rom an. Oder sogar das Jahr 1716 – nach Thronbesteigung des Christenschlächters Diokletian. Es kam bekanntlich anders. Heute zählt die halbe Welt die Jahre nach Christi Geburt, weil ein kleiner Mönch vor 1480 Jahren entschied, das Erscheinen des Messias auf Erden sei der einzig wahre Anfang unserer Zeit. Mehr noch, er machte sich daran zu errechnen, wann dieser Tag gewesen sein mag, wann gewissermaßen das erste Weihnachten überhaupt stattfand.

Rom im frühen 6. Jahrhundert: Die einstige Weltmetropole am Tiber zeigt die ersten Zeichen von Leere und Zerfall. Die Kulissen imperialer Architektur haben Risse bekommen. Im Palast auf dem Hügel Palatin regiert schon seit Jahrzehnten kein Kaiser mehr. Das weströmische Reich hat 476 aufgehört zu bestehen, als der germanische Heerführer Odoaker den letzten Imperator, ein Kind noch, das sich ob seines jugendlichen Alters den Spottnamen Augustulus, Kaiserlein, gefallen lassen musste, absetzte und in den vorgezogenen Ruhestand auf ein neapolitanisches Landgut schickte. Theoderich, König aus dem Volk der Ostgoten, führt von Ravenna aus die Regierungsgeschäfte auf der italienischen Halbinsel und ein paar anderen Schnipseln aus der Erbmasse der verblichenen Weltmacht.

Zur Blütezeit hatten sich in Rom mehr als eine Million Bewohner gedrängt. Doch nun zählen die Römer nur noch einige zehntausend. Auf den Straßen sieht man zwar immer noch stolze Patrizier mit ihren purpurumsäumten Togen, auf den Foren gehen Marktweiber und Tagelöhner in römischer Tracht ihrer Arbeit nach. Aber das Sagen haben andere – erkennbar an den wollenen Hosen, den halblangen Umhängen und der fremden Sprache. Es sind die Eindringlinge aus dem Norden, die Germanen.

Die Stadt ist nicht mehr das Zentrum der Welt, aber immer noch der Nabel der Zeit. Rings um das Mittelmeer zählt man die Jahre ab der sagenhaften Gründung der Stadt Rom – nach heutiger Zeitrechnung im Jahre 753 vor Christi Geburt. Für den alltäglichen Gebrauch bedient man sich der Datierung eines Ereignisses anhand der Regierungsjahre der Cäsaren.

Doch in der Stadt hat schon der Keim eines neuen Imperiums Fuß gefasst. Und das gründet sich auf dem Glauben, dem Christentum – lange verfolgt, dann römische Staatsreligion, inzwischen auch von den Germanen übernommen. Rom ist Bischofssitz, allerdings weit entfernt davon, die Hauptstadt der Christenheit zu sein. Noch konkurrieren die römischen Bischöfe – die Päpste – mit den Patriarchen von Jerusalem, von Konstantinopel – dem heutigen Istanbul, und von Alexandria in Ägypten um den Führungsanspruch in den Gemeinden.

Trotzdem, für christliche Mönche führen im 6. Jahrhundert bereits viele Wege nach Rom. Einer der Neuankömmlinge ist Dionysius, der sich selbst Exiguus nennt, was so viel bedeutet wie der Kurze oder auch der Demütige. Ein kleinwüchsiger Mann also – oder einer, der sein Haupt zur rechten Zeit zu beugen weiß? Um das Jahr 500 hat der demütige Bruder seine Heimat in der Dobrudscha verlassen, einer Gegend an der Ostküste des Schwarzen Meeres, die heute zu Rumänien und Bulgarien gehört, und ist an den Tiber gezogen. Wahrscheinlich trägt er ähnliche Kleidung, wie sie Benedikt wenige Jahre später für alle Mitglieder seines Ordens zur Uniform erklärt: die Cuculla, ein wollenes Oberkleid mit Kapuze und weiten Ärmeln. Die Tunika, also das Unterkleid, das auch als Nachtgewand dient. Zusammengehalten wird das Ganze vom Bracile, einem Gürtel aus Tuch oder Leder. Die Füße der frommen Brüder stecken im Sommer in Sandalen, im Winter in Holzschuhen.

In Rom macht der Mönch bald Karriere. Er kann mit Zahlen umgehen und Dokumentenablagen in Ordnung halten. Dionysius bringt es bis zum Archivar im Dienst von Johannes I. (523 bis 526), dem 51. Nachfolger des ersten Papstes, des Apostels Petrus. Die Position bringt ihm bald eine Aufgabe ein, die ihn unsterblich machen wird.

Roms Bischöfe leiden nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein. Schließlich zelebrieren sie ihre Messen in einer Basilika direkt über dem Grab des Apostels Petrus – und das in einer der damals schon größten Kirchen der Christenheit: 118 Meter lang ist sie und 64 Meter breit. Fußballfeldgröße. 1000 Jahre später wird sie Platz machen müssen für den Petersdom. Mit jenem prominenten Gründer einer Tradition im Rücken stellt der Pontifex seinen spirituellen Machtanspruch über den des in Ravenna residierenden ostgotischen Königs Theoderich – und fühlt sich deshalb auch für die Zeitrechnung zuständig. Theoderich lässt ihn in dieser Sache gewähren. Höhere Mathematik ist seine Sache nicht.

Johannes beauftragt seinen Rechenkünstler im Jahr 525, die Termine des Osterfestes für die Zeit zwischen 532 und 624 zu ermitteln. Denn die alte Termintabelle, die der Gelehrte Victorius von Aquitanien im Jahre 457 verfasst hatte, läuft in sieben Jahren aus. Kein leichter Auftrag, den Dionysius da erhält. Die kalendarische Erinnerung an die Passion Christi ist ein mühsam zu bestimmendes Datum. Der Termin für Ostern fällt auf den ersten Sonntag nach dem Frühjahrsvollmond, und der ist Jahr für Jahr verschieden.

Aber der demütige Dionysius dehnt seinen Auftrag sogar noch aus. Es könne doch nicht sein, meint er, dass die Christenheit ihre Zeit ausgerechnet von jenem Tag an zählt, an dem einer ihrer größten Feinde den Thron der römischen Cäsaren bestiegen hatte: Diokletian.

Dem katholischen Christentum wohnte schon immer ein gewisser Hang zum Leiden inne, das zur Erlösung führt. Die Passion ist die Basis des Christentums, das Kreuz, an dem Jesus qualvoll starb, dessen Symbol. Märtyrer, die ihres Glaubens wegen die schlimmsten Folterungen erduldeten, werden als Heilige verehrt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Regierungszeit des letzten und brutalsten Christenverfolgers, Diokletian, die am 29. August 289 begann, bislang gern als Beginn der Zeitrechnung gebraucht wird.

Schritt für Schritt hatte Diokletian in seiner Regentschaft die Sanktionen gegen die Angehörigen der neuen Religion verschärft. Die römischen Götter wie Jupiter und Mars wollte der Kaiser zu alten Ehren führen. Ab 297 verlangte er von allen Militärs und Zivilbeamten ein Bekenntnis zum alten Glauben. Schließlich wurden alle Christen mit dem Tode bedroht, wenn sie den traditionellen Göttern nicht opferten. Tausende wurden gefoltert, ausgepeitscht, verbrannt oder im Zirkus den Löwen zum Fraß vorgeworfen.

Und diesem Schlächter sollte die christliche Zeitrechnung auf ewig ein Denkmal setzen? Er wolle, wettert Dionysius rund 250 Jahre später in der Widmung zu seinen Ostertabellen, „unseren Zyklus nicht mit der Erinnerung an diesen Gottlosen und Christenverfolger verbinden“. Jesus Christus allein gebühre dieses Privileg, „damit der Anfang unserer Hoffnung uns vertrauter werde“.

Dionysius Exiguus brütet wochenlang über vergilbten Abschriften auf Papyrus oder Pergament. Wie berechnet man einen Tag, der über ein halbes Jahrtausend zurückliegt? Es ist, als ob die heute Lebenden das Geburtsdatum von Martin Luther bestimmen müssten. Und für diese Aufgabe stünden ihnen lediglich einige ungenaue Angaben aus Überlieferungen zur Verfügung, verfasst von Geschichtenerzählern, die auch noch diverse Prophezeiungen unter einen Hut bringen mussten. Zu den wenigen sicheren Informationen, auf die Dionysius bauen kann, zählen die Tabellen mit den Regierungszeiten römischer Kaiser. Damit hat es sich, denn für die römischen Chronisten war Jesus ungefähr so interessant wie das Leben Luthers für einen chinesischen Hofschreiber.

Zunächst konzentriert sich der Mönch auf den Geburtstag Jesu Christi: Eine vergleichsweise leichte Aufgabe, wird doch der 25. Dezember schon damals seit geraumer Zeit als Tag des Herrn gefeiert – auch wenn das mit der historischen Realität überhaupt nichts zu tun hat. Jener Tag war ursprünglich einem anderen Kult geweiht: dem Sonnengott, den man im Orient auch als Mithras verehrte. Der römische Kaiser Aurelian hatte Sol invictus, den „unbesiegten Sonnengott“, im Jahre 274 zum Reichsgott erhoben. Und damit auch den mythischen Geburtstag von Mithras zum reichsweiten Feiertag erkoren – eben den 25. Dezember. Gleichzeitig aber feierten schon die Urchristen im 2. Jahrhundert auf Geheiß von Papst Telesphorus (129–138) den 25. Dezember als „heilige Nacht der Geburt unseres Herrn und Erlösers“.

Dionysius tut nur noch einen kleinen Schritt. Das neue Jahr, ja, man kann sagen, die neue Zeit sollte nun auch am Beginn eines Jahres starten – am 1. Januar, dem achten Tag nach der Geburt Christi, an dem der kleine Religionsstifter nach der Überlieferung getreu dem jüdischen Brauch beschnitten wurde.

Die wahre mathematische Herausforderung ist das Geburtsjahr. Die Quellenlage ist äußerst dünn. Die Historiker Roms hatten die Geburt des Heilandes größtenteils ignoriert. Es gab nun einmal Wichtigeres, als das Auftreten eines Wanderpredigers in einer abgelegenen Provinz. Immerhin, Tacitus (um 55 bis um 115 n. Chr.) erwähnt Jesus in seinen Annalen kurz, um zu erklären, warum die Leute, die Kaiser Nero nach dem Brand Roms hinrichten ließ, „Christen“ genannt wurden. „Der Urheber dieses Namens, Christus, wurde auf Befehl des Procurators Pontius Pilatus hingerichtet, als Tiberius Kaiser war.“ Tacitus’ Bericht grenzt das Sterbedatum ein.

In der umfassendsten Quelle zum Leben Jesu, dem Neuen Testament, gibt es nur einige vage chronologische Angaben. So heißt es im Lukas-Evangelium, in dem die Weihnachtsgeschichte erzählt wird, dass zum Zeitpunkt der Geburt des Messias der römische Kaiser Augustus (31 v. Chr. bis 14 n. Chr.) eine Volkszählung angeordnet hatte. Und an anderer Stelle beschreibt Lukas, dass Jesus „etwa 30 Jahre alt“ gewesen sei, als er zum ersten Mal öffentlich auftrat. Zu einer Zeit, als der Nachfolger des Augustus, Tiberius, im 15. Jahre regierte, nach unserer Zeitrechnung also 29 n. Chr. – und Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war (26 bis 36 n. Chr.). Nicht ganz drei der jährlichen Passahfeste später sei Christus am Kreuz gestorben.

Die Weihnachtsgeschichte, so wie sie der Apostel Lukas erzählt, kommt historisch exakt daher. Alles belegt und nachprüfbar. Ebenso wie die Orte und der Befehl zur Volkszählung. Doch genügen solche Angaben kaum dem Anspruch einer exakten Biografie – und wollten diesen auch gar nicht erfüllen. Die Evangelien wurden frühestens 30 Jahre nach dem Tode von Jesus verfasst – von Propagandisten des neuen Glaubens und auf Basis mündlicher Überlieferungen.

Immerhin, Dionysius prüft die alten Kaiserlisten, recherchiert, welcher Prokonsul wann welche Provinz verwaltete. Aber auch er hat keineswegs den Anspruch einer wissenschaftlich exakten Datierung des historischen Jesus von Nazareth. Er ist Abt, sein Glaube ist ihm Gewissheit genug. Zu seiner Zeit glauben die Menschen, Christus sei an einem 25. März auferstanden. Dionysius rechnet nach – wann fiel der 25. März auf einen Ostersonntag? Im Jahr 784 alter, römischer Zeitrechnung, 30 n. Chr., wie wir heute sagen. Das passt zu den Daten, die er über Tiberius und Pontius Pilatus hat. Nun zieht der Mönch die als ungefähr gekennzeichneten Lebensjahre Christi ab – nach dem Lukas-Evangelium genau 30 – und kommt so auf das Geburtsjahr des Messias. Allerdings nicht als Null, was mathematisch richtig wäre, ihm aber nicht bekannt ist. Die Null, einst schon in Griechenland erdacht und in Indien ein Begriff, wird sich erst später im Abendland durchsetzen. Er setzt das Geburtsjahr als das Jahr eins „ab incarnatione Domini“: Jahr eins nach Christi Geburt. „Die Zeitrechnung war also zu ihrem Beginn schon ein Jahr alt“, juxt Stephen Jay Gould in seinem Buch „Der Jahrtausend-Zahlzauber“.

Aber nicht nur wegen der verpatzten Null liegt Dionysius Exiguus neben der historischen Wahrheit. Der Apostel Matthäus berichtet, Jesus sei geboren worden, als König Herodes in Judäa herrschte – und der starb im Jahre vier v. Chr. Die Volkszählung der Weihnachtsgeschichte könnte nach dem Zeugnis des jüdischen Historikers Josephus (gestorben 100 n. Chr.) im Jahre vier oder fünf v. Chr. stattgefunden haben.

Und es gibt weitere Hinweise, die Dionysius Exiguus noch nicht kennen konnte – aus der Astronomie zum Beispiel. Der berühmte Stern von Bethlehem, der die Weisen des Morgenlandes zur Krippe mit dem Jesuskind führte, war vielleicht eine Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn, die hell strahlte. Eine solche fiel in das Jahr 7 v. Chr.

Es dauert noch einige Jahrhunderte, bis sich die Chronologie von Dionysius Exiguus auch außerhalb der Klostermauern durchsetzt. Der englische Benediktinermönch Beda Venerabilis (672 bis 735) bezieht in seiner „Kirchengeschichte des englischen Volkes“, die er im Jahr 731 verfasst, die Zeitangaben auf die Berechnungen für Christi Geburt von Dionysius. Bedas Schrift wird zum Klassiker der mittelalterlichen Geschichtsschreibung, sie verhilft schließlich der neuen Zeitrechnung in der katholisch-christlichen Welt zum Durchbruch.

So leben wir 1300 Jahre später „noch in der Ära, die Dionysius Exiguus im Jahr 525 begründet hat“, schreibt der Religionsphilosoph und Kulturtheoretiker Hans Maier. Und auch im Jahr 2006 wird das historische Paradoxon gelten, dass Christus im Jahre vier (oder fünf oder sieben) vor Christus geboren wurde – und dass sich die Zeitenwende genau genommen nicht am Tage seiner Geburt vollzog, sondern eigentlich am Tag seiner Beschneidung.

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