Zeitung Heute : Das Jobkarussell dreht sich

Die Wahl hat Bewerbungswellen ausgelöst: Gesucht werden Staatssekretäre, Referenten und Lobbyisten mit guten Partei-Kontakten

J. Schäuble A. Waldermann

Am 22. November ist es endgültig. Wenn Angela Merkel am Dienstag zur Kanzlerin einer großen Koalition gewählt und danach samt ihres Kabinetts vereidigt wird, dann stehen auch der neue Regierungssprecher und die Staatssekretäre in den Ministerien fest. Das ist nicht nur für die Betroffenen selbst wichtig, sondern auch für ihr Umfeld: wissenschaftliche Mitarbeiter, Referenten und Lobbyisten, die sich neue Arbeitgeber und Ansprechpartner suchen müssen.

Durch die große Koalition wechselt in einigen, aber nicht in allen Ministerien die Parteifarbe. So wird das Finanzministerium mit Peer Steinbrück weiter von einem SPD-Mann geführt. Bei neuen Ressort-Zuschnitten kann es sein, dass die „alten“ Fachkräfte mitgenommen werden – wie im Fall des für Rentenpolitik zuständigen Franz Thönner. Bisher im Gesundheits- und Sozialministerium angesiedelt, soll Thönner samt Rentenpolitik in das künftig von Franz Müntefering geführte Arbeitsministerium umsiedeln.

Auch Unternehmen stellen sich auf die neuen Verhältnisse ein. Bernd Arts war Mitarbeiter des CDU-Abgeordneten Kurt Dieter Grill. Da dieser nicht erneut ins Parlament einzog, macht Arts nun Lobby-Arbeit für den Energiekonzern Vattenfall Europe. In der für Kernkraft zuständigen Tochter Nuclear Energy betreut er den Bereich „Strategie und Koordination“.

Umstellen muss sich auch die Solarbranche, die traditionell als Grünen-nah gilt. Doch seit der Ankündigung von Neuwahlen im Mai vollzog die Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft (UVS) eine Kehrtwende: Sie spekulierte auf einen schwarz-gelben Wahlsieg und setzte alles auf die FDP. Fortan gab es keinen Parteitag der Liberalen, auf dem die Solarbranche nicht mit einem Infostand vertreten gewesen wäre; viele Hintergrundgespräche mit Spitzenliberalen standen auf der Tagesordnung. Doch die Rechnung ging nicht auf. Nun muss sich die UVS neu ausrichten, ins Visier rückt vor allem die lange verschmähte Union. Gerade in den Reihen der CSU blickt sich die Branche nach möglichen Lobbyisten um – schließlich gilt das sonnenverwöhnte Bayern als solarfreundlich. Demnächst könnten neue Beraterverträge unterzeichnet werden, sagt ein Branchen-Insider. Aber auch die SPD werde wieder wichtiger.

Ein üblicher Prozess, erklärt Nikolaus Huss, geschäftsführender Gesellschafter von Wbpr. Auch seine Agentur, die Politikberatung und Lobby-Arbeit betreibt, sei von der Regierungsbildung abhängig. „Wir sondieren die Lage“, denn manche Ansprechpartner müssen ersetzt werden. Wbpr hat unter anderem für das Wirtschaftsministerium gearbeitet, das nun vom CSU–Mann Michael Glos geleitet werden wird. Huss prüft auch, ob einer der ausgeschiedenen Abgeordneten für seine Agentur in Betracht kommt.

Den Übergang vom Parlamentarier zum Selbstständigen kennt Oswald Metzger. Beim Gerangel um einen günstigen Listenplatz hatte der Grüne vor der Wahl 2002 das Nachsehen und schied aus dem Bundestag aus. In diesem Jahr scheiterte der Comeback-Versuch über ein Direktmandat. Heute ist Metzger Politikberater und Autor. Lobbyist habe er nicht werden wollen: „Ich bekam damals auch von großen Verbänden Angebote, Geschäftsführer bei ihnen zu werden“, sagt Metzger. Aber er wollte sich eine Rückkehr in die Politik nicht verbauen: „Als Lobbyist wäre ich verbrannt.“ Da dem nicht so ist, will der ehemalige Haushaltsexperte 2006 bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg kandidieren.

Die Wahl im September hat den Bundestag durcheinander gewirbelt. Am auffallendsten ist, dass nun fünf statt bisher vier Fraktionen im Parlament vertreten sind. Die Linkspartei hat nun 54 Abgeordnete, in der vorherigen Legislaturperiode war die PDS nur mit zwei Direktmandaten vertreten. 52 neue Abgeordnete brauchen auch viel neues Personal. In der Regel beschäftigen Parlamentarier drei Mitarbeiter: zwei in ihrem Büro in Berlin und einen im Wahlkreis. Dafür stehen ihnen derzeit 10660 Euro im Monat zur Verfügung.

Neuwahlen lösen immer Bewerbungswellen aus: Mitarbeiter von ausgeschiedenen Abgeordneten suchen genauso neue Stellen wie frisch gebackene Hochschulabsolventen. So auch Ulrich Zilz. Gerade fertig geworden, hat der Jurist eine der begehrten Referenten-Stellen bei der neu gewählten FDP-Abgeordneten Marina Schuster ergattert. „Ich habe mich blind beworben“, sagt Zilz. Dass er Glück hatte, aus Hunderten Job-Suchenden ausgewählt worden zu sein, weiß er: „Viele bewerben sich sogar für Stellen, für die sie weit überqualifiziert sind.“ Seit November hat er nun einen Job, der zwar befristet ist, aber das auf vier Jahre – vorausgesetzt, die Koalition hält so lange.

Obwohl die FDP-Fraktion gewachsen ist, werden bei ihr direkt nicht mehr Leute eingestellt: „Die Arbeitsfelder sind ja besetzt, mehr als die jetzigen 100 Mitarbeiter wird es nicht geben“, dämpft der Parlamentarische Geschäftsführer Jürgen Koppelin Hoffnungen. Bewerbungen, für die es keinen Bedarf gibt, sammeln die Fraktionen in Personalpools, aus denen auch die Abgeordneten schöpfen. „Es werden immer wieder Stellen frei“, weiß Ute Kumpf, bei der SPD-Fraktion für Mitarbeiter verantwortlich. Gerade Neu-Parlamentarier wären dafür dankbar.

Andreas Jung hat diese Hilfestellung nicht gebraucht: Seine Mitarbeiter hat der CDU-Abgeordnete von Vorgänger Hans-Peter Repnik übernommen. Der hatte nach fast 25 Jahren nicht mehr kandidiert.

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