Zeitung Heute : Das Jobwunder ist nicht in Sicht

Heiko Schwarzburger

Wenn Politiker und Wirtschaftsbosse ratlos sind, beschwören sie Visionen: Um die steigenden Arbeitslosenzahlen in Berlin zu drücken, ist in den Sonntagsreden immer wieder von den so genannten Schlüsseltechnologien die Rede: Informationstechnologie (IT), Biotechnologie und Optik. Das produzierende Gewerbe liegt am Boden, also sollen diese jungen Industrien das ersehnte Jobwunder bringen. Der Berliner Senat steckt erhebliche Fördermittel in diese Industriezweige, zahlreiche staatlich gestützte Gründerzentren werben mit optimalen Ansiedlungsbedingungen. Dies alles konnte die IT-Pleite am Neuen Markt nicht verhindern. Auch die Biotechnologie steht noch immer auf schwachen Füßen. Rund 160 Unternehmen hat die Agentur "BioTop" gezählt, die diese relativ neue Branche im Auftrag der Berliner Wirtschaftsförderung betreut. "Dazu gehören auch die chemisch-technischen Labore und die Serviceunternehmen", berichtet Kai Uwe Bindseil, der das Expertenbüro im Ludwig-Erhard-Haus in der Fasanenstraße leitet.

Bindseil liegen die taufrischen Zahlen der jüngsten Unternehmensumfrage vor: Nur 95 Firmen betreiben Forschung und Entwicklung. Rund 3000 Menschen arbeiten derzeit in der Branche, dazu kommen rund 1000 Mitarbeiter bei Schering sowie zwischen fünf- und sechstausend an den zahlreichen Unis und Forschungsinstituten in der Region. Das klingt enorm, doch aufgeschlüsselt nach der Zahl der Mitarbeiter ergibt sich ein deutlicheres Bild über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit: Nur 16 Unternehmen haben mehr als 50 Leute auf ihren Gehaltslisten. 60 Firmen beschäftigen zwischen zehn und 50 Menschen. Der Großteil aller Firmen muss mit weniger als zehn Mitarbeitern auskommen. Dort sind die Firmengründer in der Regel die Chefs, die Angestellten und die Forscher zugleich. Die Unternehmen sind im Schnitt nicht älter als fünf Jahre. Von Konsolidierung kann demnach keine Rede sein.

Dennoch - der Trend ist positiv, wenn auch schwach: So verdoppelte sich im vergangenen Jahr die Zahl der Unternehmen, die mehr als 50 Leute anstellen. Noch vor vier Jahren war beklagt worden, dass die Banken zu wenig Risikokapital für die Biotechnologie bereitstellen. "Dieses Problem hat sich entspannt", analysiert Bindseil. "Doch den Geldgebern fehlt jetzt das Ergebnis. Sie wollen ihr Kapital zurück, aber wegen der wirtschaftlichen Flaute ist es gegenwärtig sehr schwierig, ein Biotech-Unternehmen an die Börse zu bringen." So schaffte in den vergangenen 18 Monaten nur eine einzige Biotech-Firma bundesweit den Sprung an die Börse: co.don aus Teltow. Auch haben die Banken bei der IT-Pleite viel Geld verloren. "Die sind jetzt auch bei den anderen Branchen vorsichtiger", weiß der BioTop-Leiter und sagt: "Es fehlt vor allem bei der Finanzierung der kleinen Start-Ups."

In der Region Berlin-Brandenburg sind drei Unternehmen an der Börse notiert: Mologen Holding, Noxxon Pharma und Schering - und nur der Weddinger Traditionsbetrieb schreibt schwarze Zahlen. Alle anderen Firmen sind in der Regel private Gesellschaften, die ihre Umsätze und Bilanzen wie ein Geheimnis hüten. Überleben sie auf Pump? "Wir beobachten, dass die Unternehmen in unserer Region mehr Aufträge von der Pharmaindustrie erhalten", wiegelt Bindseil ab. 70 bis 80 Prozent der hiesigen Firmen sind in der "roten" Biotechnologie tätig, also unmittelbar mit der Pharmaindustrie und der Medizin verbunden. Diese beiden Branchen versuchen seit Jahren die Kosten zu drücken, indem sie Forschung und Produktion an kleinere Partnerunternehmen auslagern. Bindseil: "Das kommt den Start-Ups zugute, die vor allem mit forschungsintensiven Ideen an den Markt wollen."

Vierzig Prozent der Mitarbeiter in der Biotechnologie haben einen Hochschulabschluss in der Tasche, als Chemiker, Biologen, Pharmakologen oder Mediziner. Rund 300 bis 400 Absolventen saugt der neue Industriezweig in Berlin und Brandenburg im Jahr auf. "Beim wissenschaftlichen Personal oder den Laborleitern gibt es keine Probleme", schätzt Bindseil ein. "Diese Leute kommen aus den Unis, den zahlreichen Forschungsinstituten der Region oder aus anderen Teilen Deutschlands hierher. Woran es hier fehlt, sind die Top-Leute mit echter Pharma-Erfahrung und das chemisch-technische Personal für die Labore." Pharmazeuten, Chemiker oder Bioinformatiker mit Diplom, Bachelor- oder Masterabschluss können demnach relativ reibungslos einsteigen.

Die so genannten High Potentials, die die Unternehmen im weltweiten Markt führen und neue Marktsegmente eröffnen könnten, müssen hingegen aus Südwestdeutschland abgeworben werden. "Das sind zwanzig bis dreißig Führungskräfte im Jahr für unsere Region", mutmaßt der BioTop-Chef. "Sie sind sehr teuer und werden in der Regel durch Head Hunter vermittelt." Doch gerade solche Spitzenkräfte entscheiden oft über den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens. Natürlich gehen sie vorzugsweise in größere Firmen. Kleine Start-Ups wären mit ihren Gehältern überfordert. Das bedeutet aber auch: Da ihnen geeignete Führungskräfte fehlen, haben es die kleinen Unternehmen noch schwerer. Wer ein guter Forscher ist, muss nicht unbedingt ein gewiefter Geschäftsmann sein, zumal der Tag nur 24 Stunden hat. Bindseil prognostiziert deshalb: "Wir werden es erleben, dass auch in dieser Branche Firmen verschwinden." Anders als die IT-Branche produziert die Biotechnologie aber handfeste Werte und vor allem schützenswerte Patente. Nicht zuletzt aus diesem Grunde hat die Biotechnologie einen längerem Atem und ein deutlich solideres Potenzial.

Große Schwierigkeiten haben die Firmen zurzeit, wenn sie technisches Hilfspersonal wie Laboranten suchen. "Das ist der absolute Engpass", warnt der Branchenkenner. "Da die Unternehmen noch sehr jung sind, decken sie ihren Bedarf lieber kurzfristig von außen als selbst auszubilden." 95 Prozent der Mitarbeiter in der Berlin / Brandenburger Biotechnologie haben eine Berufsausbildung, die in der Regel drei Jahre dauert. "Weil die meisten Firmen keine langfristige Planung haben, bilden sie auch nicht selbst aus. Dieses Problem könnte sich sogar zu einer Wachstumsbremse ausweiten."

Bindseil fordert die Firmen auf, sich an den Ausbildungsangeboten der Unternehmensverbände, der Gewerkschaften und der Bildungszentren zu beteiligen: "Es würde schon helfen, wenn sie die Ausbildungsvergütung für ihre künftigen Mitarbeiter übernehmen." Hinzu kommt, dass die Zahl der jungen Leute, die eine Berufsausbildung anstreben, in den nächsten Jahren aus demografischen Gründen weiter sinkt. Die geburtenschwachen Jahrgänge werden den Arbeitskräftemangel in der gesamten Wirtschaft weiter verschärfen.

Der Staat will mit massiver Förderung vorbauen: So steckt der Bund bis 2005 rund 800 Millionen Euro in die Biotechnologie. Für die Genomforschung sollen weitere 445 Millionen Euro fließen. Nach Aussage von Bundesforschungsministerin Bulmahn könnte sich die Zahl von derzeit rund 11 000 Arbeitsplätzen bundesweit in den kommenden zehn Jahren verfünffachen. Kritiker weisen darauf hin, dass sich viele Unternehmen auf diesen Fördergeldern ausruhen, statt sich im Markt zu behaupten. "Märkte werden nicht durch Bundesregierungen gemacht, sondern durch Produkte", warnt Burghardt Wittig, Chef der Berliner Biotech-Firma Mologen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben