Zeitung Heute : Das Kapital des Marxisten

Der Weggenosse von Wehner floh vor Hitler und beriet in New York die Hochfinanz: Günter Reimann wird 100

Matthias B. Krause[New York]

Günter Reimann ist ein Kommunist, in dessen Garage ein goldener Jaguar steht. Im Garten seiner Villa am Mason Drive ist der Pool, der Jahreszeit entsprechend, außer Betrieb. Die Luft ist klar, riecht nach Laub und dem nahen Sund. Manhasset auf Long Island, 30 Minuten östlich von Manhattan, ist ein Fluchtort für Leute, die es sich leisten können.

In der Villa sitzen erwachsene Kinder, eine Enkelin. Und eine Hausherrin, die sich um die Größe des Wohnzimmers sorgt. Wie sollen da 80 Gäste reinpassen? Sie kommen heute, um dem Mann zu gratulieren, der am 13. November 1904 als Hans Steinicke in Angermünde geboren wurde. Schon lange nennt er sich Günter Reimann, und zwischen damals und heute liegen eine Rebellion, eine Flucht, eine Karriere und eine große Frage.

Reimann sitzt im Ohrensessel. Die Gedanken und die Sprache sind widerspenstig geworden. Doch die Wendepunkte seines Lebens hat er nicht vergessen. „Meine Mutter war dagegen, dass ich Freunde hatte, die sehr revolutionär eingestellt waren“, sagt er, „dagegen habe ich rebelliert.“ Der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie wurde Mitglied der Kommunistischen Jugend in Berlin und Wirtschaftsredakteur des KPD-Blattes „Rote Fahne“. Schon als Kind habe er sich gefragt, warum sein Freund als Sohn eines Korbmachers in Armut leben muss, während er selbst im Überfluss aufwächst. Ein Vorgeschmack des Klassenkampfes, den er später in den Straßen Berlins, wohin seine Eltern gezogen waren, mit eigenen Augen beobachtete. Ihn faszinierten die Anarchisten, begeisterte der Generalstreik 1918. Revolution – und er mittendrin. Als ihn die Mutter vor die Wahl stellt, entweder Familie oder spartakistische Freunde, packt er seine Sachen. Eigentlich hatte er Ingenieur werden wollen, doch dann kam die Erkenntnis: „Ich muss die gesellschaftlichen Verhältnisse verstehen.“ Also studiert er Wirtschaft. Bei der „Roten Fahne“ steigt er mit 21 zum Wirtschaftsredakteur auf.

Damals kommt er zu seinem Glaubenssatz: „Ich muss alles anzweifeln. Ich darf nichts annehmen, nur weil es einer gesagt hat.“ Dieser kühle, analytische Blick verschafft ihm Respekt und Feinde. Als Moskau die „Rote Fahne“ an die kurze Leine nimmt, geht Steinicke, der sich mittlerweile den Tarnnamen Reimann gegeben hat. „Ich wollte mir nicht vorschreiben lassen, was und wie ich denke“, sagt er und hebt trotzig sein Kinn.

Er macht weiter als freier Mitarbeiter. Sein Buch „Neue Erscheinungen des Niedergangs des Kapitalismus“ kommt 1931 heraus. Reimann macht zwei Studienreisen in die Sowjetunion. Während seine – ebenfalls kommunistischen – Reisegefährten begeistert sind, lässt er sich nicht blenden. Er sieht den Schwarzmarkt, ohne den er das System für nicht überlebensfähig hält. Kurz bevor Hitler an die Macht kommt kehrt Reimann nach Deutschland zurück. Er hat Angst, dass sie ihn nicht mehr hineinlassen. Im Gepäck hat er zehn Pfund Kaviar – einen Löffel für jeden Freund.

Seine Befürchtungen bewahrheiten sich, er flieht im Herbst 1933 über Prag nach London, wo er sich als Illegaler durchschlägt: „Offiziell lebte ich gar nicht. Trotzdem wollten sie mich ausweisen.“ 1938 geht es weiter mit den Schiff nach New York, in das Herz des Kapitalismus. Noch eine Studienreise, doch diesmal bleibt er. Nicht, dass er mit Deutschland gebrochen hätte. Obwohl seine Schwester Margot in Auschwitz umkam. Nein, sofort nach dem Krieg setzt er sich in Washington maßgeblich für die Aufhebung des Gesetzes ein, dass „den Handel mit dem Feind“ verbietet. Erst damit wird der Weg frei für Millionen Care-Pakete.

Reimann persönlich schickt eins an seinen Parteifreund Herbert Wehner, der noch in Schweden im Exil sitzt. Wehner versucht, Reimann nach Deutschland zu holen, will mit ihm die neue Republik aufbauen. Doch der Neu-Amerikaner bezweifelt, dass er unter den Besatzungsmächten frei und unabhängig seine Meinung vertreten kann. Wenn er noch einmal entscheiden könnte, würde er wohl gehen.

In New York verdient der Kommunist Millionen, indem er den Wirtschaftsbossen die Währungswelt erklärt. 1946 gründet er die Fachzeitschrift „International Reports on Finance and Currencies“, die zur Pflichtlektüre der Hochfinanz wird. Als 1983 die „Financial Times“ den Newsletter kauft, kann Reimann sich als Millionär nach Long Island zurückziehen. 1993 erscheint sein Buch: „Zwischenbilanz. Ein Zeuge des Jahrhunderts gibt zu Protokoll“. Darin schreibt er: „Den Menschen, die mir sagen: ,Du bist im Leben sehr erfolgreich gewesen’, musste ich antworten, dass das nicht so ist. Das Leben war für mich eine große Enttäuschung. Als junger Mensch hatte ich geglaubt mitzuhelfen, die Welt zu verändern, eine neue Zukunftswelt für den ,besseren’ Menschen zu schaffen, und was ist geschehen? Dass ich jetzt in relativem Komfort lebe, kann ich nicht als Lebenserfolg ansehen.“ Der Revolutionär im Ruhestand ist immer noch Marxist. Doch vor Jahren hat Reimann zugegeben, dass der Kapitalismus ihn überleben werde.

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