Zeitung Heute : Das Karibik-Gefühl

Was macht eine Berliner Spielbank auf Antigua? Trotz rechtlicher Unsicherheiten lassen sich immer mehr Spieler auf virtuelle Casinos ein

Markus Ehrenberg

Manchmal kann die Welt ganz schön zusammenschrumpfen. Was hat zum Beispiel Antigua mit Berlin zu tun? Oder mit dem Internet? Die Antillen-Insel ist in erster Linie ein Urlaubsparadies. Nur nicht für Zehntausende Menschen aus der ganzen Welt, aus New York, Heide, Kapstadt oder Berlin. Diese Menschen suchen über Antigua keinen Strand oder Früchte, sondern ihr schnelles Glück. Sie kommen auch nicht in die Karibik. Sie kommen übers Internet, sie sind Spieler, und sie brauchen dafür einfach ein Casino, das seinen Standort auf einem der zahlreichen Steuerparadiese dieser Erde hat – ein Casino wie die „Berliner Internet Spielbank“.

Der Mann, der mithalf, Berlin und Antigua auf diese Weise zusammenzubringen, trägt den Namen Ricardo Lever. So heißen sonst Bösewichte in einem James-Bond-Film. Der echte Ricardo Lever ist aber vom „Casinoverbund Deutsche Spielbank“ und aus Fleisch und Blut. An ihm kommt man nicht vorbei, wenn man sich die Entstehung eines Online-Casinos wie der „Berliner Internet Spielbank“ erklären lassen möchte. Solche Geschichten sind oft ziemlich undurchsichtig. Sie böten Stoff für einen Film, mit Verschwörung, Bestechung, coolen Croupiers, schönen Frauen, ruinierten Spielern und Robert de Niro in der Hauptrolle. „In Deutschland und den anderen EU-Staaten ist es in der Regel unmöglich, eine Casino-Lizenz zu erhalten“, sagt Ricardo Lever. Das läge daran, dass die Lizenzen meist Jahre im Voraus gegen entsprechende Zahlungen vergeben wurden. Und fast alle Lizenzen stammten aus einer Zeit, als es noch gar kein Internet gab. „Ist doch klar, dass die etablierten Lizenznehmer der neuen Konkurrenz der Online-Casinos skeptisch gegenüberstehen.“

Vorsicht, Suchtgefahr

Doch zum Glück gibt es Antigua. Der größte Teil der Anbieter befindet sich auf Inseln in der Karibik, da dort keine Steuern auf die Einnahmen aus Glücksspielen anfallen. Man stellt einfach eine casinotechnische Anlage in die Karibik, lässt sie staatlich lizenzieren, nennt sie „Berliner Internet Spielbank“, fertig. Andere Betreiber versuchen es mit einer deutschen Lizenz. Das erste deutsche Online-Casino wurde im Herbst 2002 in Hamburg eröffnet. Weitere Häuser dürften folgen. Das Glücksspiel verlagert sich zunehmend ins Internet. Über 1500 Webseiten locken an die virtuellen Spieltische. Tendenz: steigend. Experten warnen bereits vor Missbrauch und Suchtgefahr. „Die Gefahr bei Online-Spielen ist erhöht, da die Anonymität viel größer ist. Pathologische Spieler fallen dem Umfeld viel später auf. Man kann von zu Hause spielen. Die Erreichbarkeit ist höher. Spielen rund um die Uhr ist möglich“, warnt Marcus Nebel von der Fachstelle Glücksspielsucht Neuss.

Und die Eltern sollten auch aufpassen. Beim Berliner Online-Casino wird bei der Registrierung kein Ausweis benötigt. Der wichtigste Unterschied zu anderen Glücksspielen ist aber der, dass beim Online-Glücksspiel nicht mehr mit Geld umgegangen werden muss. Es braucht weder Geld noch Jetons, die zumindest teilweise einen bestimmten Wert vermitteln. Die Kreditkartennummer reicht. Dies hat zur Folge, dass das Verlustempfinden abgeschwächt wird. Noch mehr Möglichkeiten also, neben der Abzocke mit den 0190-Nummern sein Geld im Internet zu verlieren? Ricardo Lever weiß um diesen Ruf. „In den deutschen Medien wird ein falsches Bild wiedergegeben. Die Chancen im Online-Glücksspiel sind genauso hoch wie bei einer echten Spielbank. Die durchschnittliche Einsatz-Rückzahlungsquote ist höher als 95 Prozent.“ Auszahlungen sollen mit Zubuchung auf Kreditkarte oder Verrechnungsscheck erfolgen.

Schaden abwenden, Grüne klagen

Es hat aber auch schon Spieler gegeben, die ihre abgebuchten Spielschulden nachträglich storniert und den Firmen sicher geglaubte Gewinne wieder weggenommen haben. Und da fangen, abgesehen von der Suchtproblematik, die größeren Schwierigkeiten an. Das Internet ist mitunter noch ein rechtsfreier Raum. Das betrifft auch Online- Casinos, vor allem, wenn sie auf Antigua stehen. Auf wen kann man sich da verlassen? Auf Antigua gibt es keine Webcams wie beim Hamburger Online-Casino, wo der Spieler immerhin sieht, was gerade am Roulettetisch passiert.

Juristen streiten sich seit Jahren, wie es um die Rechtmäßigkeit solcher Angebote steht. „Grundsätzlich macht sich derjenige strafbar, der sich an Glücksspielen auf ausländischen Websites beteiligt, da diese keine deutsche Lizenz haben", sagt Rechtsanwalt Michael Terhaag, der sich mit Multimedia-Recht befasst. Andererseits verweist Ricardo Lever darauf, dass es jedem Deutschen gestattet ist, im Ausland lizenzierte Spielbanken zu besuchen. Warum also nicht auch Online-Casinos aus dem Ausland? Für die Befürworter des Hamburger Modells ist ein staatlich konzessionierter Betrieb eine wirksame Alternative, um zu verhindern, dass durch die Nutzung von illegalen Angeboten noch mehr Schaden angerichtet werde. Um in Hamburg online zu setzen, muss man sich nachweislich im Stadtgebiet aufhalten. Allerdings ist bei einem Hamburger Gericht eine Klage der Grünen anhängig. Die Konzession für konventionelle Spielbanken erfasse nicht das Internet-Casino. Mit einer Entscheidung wird im September gerechnet.

Bei der Berliner Variante, die vor wenigen Tagen online ging, können auch Nicht-Berliner mitspielen, nach dem Herunterladen der kostenlosen Software. Per Mausklick werden Euro-Jetons auf die Zahlenfelder bewegt. Dann rollt die virtuelle Kugel. Nach Gewinn oder Verlust wird der Kontostand angezeigt. „Unser Vorbild sind Online-Casinos in den USA, wo die Spieler einer Stadt chatten und sich später treffen.“ Ricardo Lever hofft auf 200 Spieler am Tag, die nach dem Schnuppern per Probejetons mit der Kreditkarte ernst machen.

Möglicherweise bekommt der Casinoverbund an dieser Stelle neue Probleme. Die großen Kreditkarteninstitute wollen nicht mehr stillschweigend mitspielen. American Express und Visa haben ihre Verfügbarkeit bei Online-Glücksspielen nach Rechtsstreitigkeiten um Spielschulden stark eingeschränkt. So könnten es den Gästen bald so ergehen, wie Alexej in Dostojewskijs Roman „Der Spieler“: „Ich besitze ja gar kein Geld. Um es zu verspielen, muss man es erst haben.“

Das Thema im Internet:

www.gluecksspielsucht.de

www.spielcasino-berlin.com

www.spielbank-hamburg.de

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