Zeitung Heute : Das Kind als Schaden

Der Tagesspiegel

Warum ist die Samenspende erlaubt, die Eizellspende aber verboten? Welche sozialen und finanziellen Folgen ergeben sich aus dem Recht eines „Retortenkindes“ auf Kenntnis seines anonymen Erzeugers? Warum dürfen überzählige Embryonen nicht zur Adoption freigegeben werden? Die Gesetzeslage enthält viele Ungereimtheiten und Inkonsequenzen, findet Werner Schlungbaum vom Kuratorium der „Kaiserin-Friedrich-Stiftung für das ärztliche Fortbildungswesen“. Deshalb stellte die Stiftung ihr 26. Symposium für Juristen und Ärzte unter den Titel „Reproduktionsmedizin – Umstrittene Grenzziehungen“.

Diese schwierige Materie sei „die größte Herausforderung des Arztrechtes“, sagte der Berliner Jurist und Mediziner Christian Dierks und schilderte die Lage: Widerstreitende Interessen, unversöhnliche Standpunkte, Eigengesetzlichkeit des medizinischen Fortschritts und Unübersichtlichkeit der Rechtslage mit vielerlei zivil- und sozialrechtlichen Sonderregelungen, dazu auch noch die Gesetze der Länder.

Beispiele: Ein Arzt kann zum lebenslangen Unterhalt eines von Geburt an Behinderten verurteilt werden, wenn die Eltern ihn fü r die Existenz ihres Kindes haftbar machen, weil er die Behinderung durch vorgeburtliche Untersuchungen hätte erkennen können, berichtete der Göttinger Medizinrechtler Hans-Ludwig Schreiber.

Das Kind als Schaden: Die Haftungsfä lle häufen sich, und Schreiber äußerte die Befürchtung, dass auch die Schwangerschaftsabbrüche wegen unzumutbarer Belastung durch die Erwartung des Kindes sich häufen werden, weil die Ärzte aus Furcht vor Schadenersatzprozessen das Risiko im Aufklärungsbereich überbetonen.

Für dringend änderungsbedürftig halten Juristen wie Ärzte die unbefristete Erlaubnis zur Abtreibung eines geschädigten Kindes mit der Novellierung von Paragraf 218 im Jahre 1995. Seitdem fühlen sich die Gynäkologen einer auch für sie unzumutbaren Belastung ausgesetzt: Sie sollen Schwangerschaften noch bis kurz vor der Geburt eines behinderten Kindes abbrechen, dessen Existenz eine „schwer wiegende Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren“ mit sich bringen könnte – so zitierte der Charité-Geburtsmediziner Joachim Dudenhausen das Gesetz. Sofern es sich um nicht lebensfähige oder sehr schwer fehlgebildete Kinder handelt, ist das weniger problematisch als bei durchaus lebensfähigen Ungeborenen, zum Beispiel mit Down-Syndrom.

Was Ärzte wie Juristen als besonders absurd empfinden, ist der Kontrast solcher legalen Spätabtreibungen (man kann fast sagen: Kindestötungen) zum strikten Verbot der genetischen Präimplantationsdiagnostik, das Scheiber „heuchlerisch“ nannte. Ein Richtlinienentwurf der Bundesärztekammer für die Präimplantationsdiagnostik stellt zur Diskussion, die genetische Untersuchung von außerhalb des Mutterleibes befruchteter Eizellen als seltene Ausnahme zu gestatten, um bestimmte schwere Erbkrankheiten auszuschließen. Das beträfe jährlich nur etwa hundert genetisch belastete Paare.

Der Mannheimer Medizinrechtler Adolf Laufs lehnte selbst eine so strenge Indikation ab: „Die Erzeugung von Embryonen unter dem Vorbehalt der Auslese nach den Wünschen Dritter bedeutet nichts anderes als Nutzung oder Instrumentalisierung menschlichen Lebens.“ Der Berliner Fortpflanzungsmediziner Jürgen Hammerstein dagegen lobte die „sehr viel reproduktionsfreundlicheren Rechtsvorstellungen“ jener Länder, die „kein Verbot der Auswahl des besten unter mehreren Embryonen“ kennen.

Andersartige Bedenken löst die Ausweitung juristisch gezogener Grenzen aus. Rechtlich zugelassene Ausnahmen werden in der Realität sehr schnell zur Regel. Der Berliner Humangenetiker Karl Sperling wies auf die Möglichkeit hin, durch die Präimplantationsdiagnostik nicht nur Embryonen ohne Erbkrankheiten auszuwählen, sondern auch solche, die als Zellspender für kranke Geschwister in Frage kommen. In Großbritannien ist dies gerade genehmigt worden.

Die Ausweitung der Indikation ist auch bei der Spätabtreibung zu beobachten. Eigentlich als Ausweg in seltenen Notfä llen gedacht, wurde sie laut Scheiber zum „massiven Trend“; es entwickelten sich Zentren speziell für die Abtreibung schon lebensfähiger Kinder. Auch die pränatale Diagnostik, ursprünglich nur für Risikoschwangere vorgesehen, wurde von der Ausnahme zur Regel. Laut Dierks wurde in der Fortpflanzungsmedizin schon mit der ersten In-vitro-Fertilisation „der Rubikon überschritten“. Und weil die Leute ins Ausland fahren können, werden „alle Verbote leerlaufen“.R. St.

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