Zeitung Heute : Das kleine Glück von Quakenbrück

Ihre Tochter rief an und sagte: „Wie geht’s denn in eurem Kuhdorf?“ Da hat die Mutter aufgelegt. Denn ihre Stadt ist eine Macht!

Fredy Gareis[Quakenbrück]

Nur einmal war Quakenbrück Mittelpunkt. In einer Karte von 1812, aus der Zeit der französischen Besatzung. Und wenn nicht die Preußen das Städtchen im heutigen Niedersachsen befreit hätten, ja dann, so sagt man in Quakenbrück, dann wäre das KFZ-Kennzeichen heute QU und Quakenbrück Großstadt.

So aber ist Quakenbrück eine Stadt in Niedersachsen mit 12 697 Einwohnern und einem Rathaus, das gerade erst einen Balkon bekommen hat. Aus Holz und in Rot, Drachenrot. Damit die Artland Dragons feiern können wie die Fußballnationalmannschaft. Den Balkon hat der Bürgermeister versprochen, nachdem Quakenbrück ins Finale um die deutsche Basketballmeisterschaft eingezogen war.

Auf der Langen Straße, die ein S durch die Fachwerkhäuschen der Altstadt schreibt, in den Cafés, im Rathaus: Überall gibt es nur ein Thema, und das sind die Artland Dragons. 80-jährige Frauen unterhalten sich über das Finale, und der Bürgermeister spricht von einem heißen Eisen, das er schmieden will, solange er kann.

Um zu verstehen, warum die Menschen so begeistert sind, so hinter ihrer Mannschaft stehen, in der kein Quakenbrücker spielt, genügt ein Besuch im Café Casselius, in dem die Sitze samtgrün bezogen sind und der Aprikosenstreusel hausgemacht ist. Hier ist die Zentrale sozusagen, die Spieler kommen zum Frühstück, Mittag- und Abendessen, schlappen in Badelatschen zur Sparkasse gegenüber. Fast alle wohnen in der Langen Straße, über dem Italiener Di Stefano oder gegenüber der Gaststätte Hagspihl.

Die Quakenbrücker grüßen sie mit Vornamen, fragen, wie’s geht oder ob’s zwickt, und über allen thront Christine Casselius, 58, die das Café in dritter Generation führt und so etwas wie die mütterliche Brust für die Spieler in der Fremde ist.

Christina Casselius ist eine Frau, die einen schnell am Arm fasst, mit Vornamen anspricht und den Kopf beim Lachen zurückwirft. „Ich habe immer noch Kontakt zu den Spielern, die längst weg sind“, sagt sie. Am Telefon, und denen, die hier sind, ist sie Rat und Tat. „Wenn die mal krank sind, dann kriegen sie von mir eine Wärmflasche mit nach Hause, nich, Kamillentee und eine frische Hühnersuppe“, sagt die Frau, während Udo Jürgens „Griechischer Wein“ singt. Und zu jedem Auswärtsspiel packt sie den Spielern eine kleine Box: Croissants, Donuts, Muffins. „Ich weiß doch, wie einsam die hier sein können, so ohne Familie, nich.“ Christine Casselius hätte gern einen Sohn gehabt.

So einen wie Malick Badiane, der ins Café schlurft („Hey Malick, alles klar?“) und Bratkartoffeln mit Rührei bestellt. Der 23-jährige Senegalese degradiert das Mobiliar zur Puppenstube. Malick trägt Schuhgröße 52. Er hat vorher in Frankfurt gespielt, hier genießt er es, dass jeder seinen Namen kennt und die Spieler die ganze Zeit miteinander rumhängen. Es gibt hier nicht viel anderes zu tun.

Aneliese Kamrod ist das egal. Sie sitzt draußen vorm Café und erzählt von ihrer Tochter aus Hannover. „Da rief die mich letztens an und fragte: Wie geht’s denn in eurem Kuhdorf?“ Da habe sie einfach aufgelegt. Kuhdorf! Aber die Leute werden schon sehen, wenn die Meisterschaft in Quakenbrück ist, dann werden alle wissen, dass hier niemand den Mond mit der Leiter zur Seite schiebt. „Die Atmosphäre nimmt einen ja gefangen“, sagt die 88-Jährige mit dem Gehwagen, als einer der Spieler seinen Mercedes ausparkt und die Lange Straße hochfährt. „Wenn die das schaffen …“, das ist so ein Satz, so ein auslaufender Satz, der durch ganz Quakenbrück flüstert.

Über dem Rathaus weht die rot-weiße Fahne der Gemeinde. Darunter die der Dragons, und während die Bürger davon träumen, mal außerhalb von Kanu-Polo deutscher Meister zu werden, denkt ihr Meister Reinhard Scholz (CDU) an den Wiedererkennungswert. Er ist dieser Tage ein gefragter Mann, gibt ein Interview nach dem anderen – und er tut es gerne. Denn die Medienaufmerksamkeit, das ist eben das Eisen, das er schmieden will.

„Wir wollen die Menschen in dieser Region halten“, sagt er. Dafür braucht es Arbeitsplätze. Dass Kynast, ehemals größter Fahrradhersteller in Europa, über den Deister ging, wie die Quakenbrücker sagen, sei ein herber Schlag für die Region gewesen. Und im Umland, dem Artland, einer Parklandschaft mit Hunderten großen Fachwerkhöfen zwischen ausgedehnten Weizenfeldern, ging die Landwirtschaft darnieder. Erst gegen Ende der 90er Jahre besann sich Quakenbrück auf eine alternative Nutzung, um die Höfe vor dem Verfall zu retten. 1982 sollte das Artland Weltkulturerbe werden. Die Bauern lehnten ab, weil sie fürchteten, zu einem Freilichtmuseum zu werden, in dem die Touristen glotzend durch die Gegend fahren. Heute finden sich in den Hofanlagen Restaurants, Architekturbüros. Der Tourismus hält Einzug, viele Gäste sind Radwanderer. Die Gegend ist so schön flach.

Vom Rathaus sind es zehn Minuten zu Fuß, über einen der sieben Arme des Flüsschens Hase, das die Stadt durchzieht, zur Artland Arena. 3000 Sitzplätze, hingebaut zum Bundesligaaufstieg 2003, vom finanziellen Vater dieser Mannschaft, dem Textilunternehmer Günter Kollmann. Der 59-Jährige hat früher selbst in Quakenbrück und in der Nationalmannschaft gespielt. Anfang der 90er Jahre stieg Kollmann finanziell ein und machte aus der 1. Mannschaft des QSTV Quakenbrück die Artland Dragons, gemeinsam mit Chris Fleming, der erst Spieler war, dann Trainer. Beide hatten Visionen, und Kollmann hatte das Geld.

Kollmann scheut die Öffentlichkeit, Interviewanfragen lehnt er ab. Den Spielern stellt er die Wohnungen, und er least die Autos für sie. Die Fans schickt er in Bussen zu den Auswärtsspielen. 20 Busse fahren heute nach Bamberg, Kostenpunkt: fünf Euro, inklusive Ticket.

Der 37-jährige Chris Fleming wohnt über der Geschäftsstelle, ein Stockwerk über ihm Manager Marko Beens. Fleming sieht müde aus und als wäre er in Gedanken dabei, Spielzüge gegen Bamberg zu entwerfen. Jeden Sommer fliegt er in die USA, sondiert den Markt, wirbt neue Spieler an. „Sie müssen einen guten Charakter haben“, sagt er, „und menschlich in die Stadt passen.“ Bodenständig und offen. Extravagante Paradiesvögel kann er nicht gebrauchen.

Trotzdem schlagen die Spieler manchmal über die Stränge, und dann kann die Kleinstadt auch ein Fluch sein, denn jeder bekommt es mit. Dann sitzen die Spieler bei Mama Casselius und sagen: „Christine, ich habe Scheiße gebaut“, und Christine sagt dann: „Mensch, geht doch nach Osnabrück, da kennt euch keiner!“

Quakenbrück, eine Stadt, in der die Nähe auch zu eng werden kann, ist auch eine Stadt, die zweigeteilt ist. Altstadt und Neustadt. Hier die mittelalterliche Innenstadt, dort, auf der anderen Seite der Bahngleise, verfallene Häuser, viele Ausländer, die in der Altstadt immer nur im Nebensatz auftauchen, Russlanddeutsche.

In der Nähe des verwilderten Gleisgeländes hat Hanne ihren Kiosk, eine Bude, wie die 63-Jährige sagt, in der ehemalige Kynastarbeiter ihr Bier trinken. Mit einer Stimme, die nach den stärksten Zigaretten klingt, erzählt sie von dem Stacheldraht, mit dem sie ihr Dach gesichert hat, nachdem in den letzten zwei Jahren dreimal eingebrochen und einmal ein junger Libanese neben ihrer Bude abgestochen worden war. Sie sagt, Quakenbrück sei nicht mehr das, was es mal war. Jeden Abend lässt sie sich von den letzten Gästen nach Hause begleiten. Sie wohnt 50 Meter weiter.

Reinhard Scholz sagt, dass das Gebiet um den Bahnhof, der nur noch eingleisig ist, die neue Mitte Quakenbrücks werden soll.

Solche Reden zählen nicht, wenn die Dragons spielen. Auf dem Marktplatz Public Viewing – es sind viele Fernsehteams da, der Wiedererkennungswert. Und vor der Halle sieht man Menschentrauben wie sonst nie in der 750 Jahre alten Stadt. Die Quakenbrücker stehen auf, als zu Beginn die Nationalhymne gesungen wird. Anhänger entrollen ein Plakat: Nicht Entenhausen – Endspielhausen.

Das Spiel geht knapp verloren. Vielleicht konnten sich die Spieler nicht wie gewohnt konzentrieren, mit dem ganzen Medienauftrieb in der Stadt. Bürgermeister Scholz kann es nur recht sein, so bleibt das Eisen länger heiß.

Der Wunsch der Quakenbrücker, endlich mal im Mittelpunkt, im Rampenlicht zu stehen, lässt sich auch historisch herleiten, doch dafür braucht es jemanden, der sich in der Geschichte auskennt, und das ist Heinrich Böhning, der Museumsleiter.

„Auf den alten Karten ist Quakenbrück immer am Rand“, sagt der 58-Jährige. „Quakenbrück war immer die größte Stadt in der Gegend“, sagt er, „aber schließlich ist Bersenbrück Kreisstadt geworden.“ Und da habe man sich in Quakenbrück gedacht: Wir brauchen was für uns. 1897 konnten die 2000 Bürger sich in 40 Vereinen zerstreuen, darunter so illustre wie der Verein gegen Hausbettelei, der Wissenschaftliche Donnerstagsverein und die Agitations-Commission der Socialdemokraten. „Wir waren immer nur die Nummer zwei“, sagt Böhning, und es klingt, als würde ihn das tief verletzen.

Aber vielleicht ist Quakenbrück ja bald die Nummer eins. Dazu müssen sie zwei der nächsten drei Spiele gewinnen. Und vielleicht setzen die Bürger ihren Helden dann ein Denkmal. Das mit dem letzten Helden ist schon eine ganze Weile her, 1965, um genau zu sein. Und eigentlich wurde er hier auch nur entdeckt, im Gasthof Gösling. Heinz-Georg Schramm hieß der Mann, besser bekannt als Heino.

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