Zeitung Heute : Das Klima entscheidet

Mit Swaps und Optionen Witterungsrisiken absichern

-

„Alle sprechen vom Wetter – wir nicht.“ Jene kreativen Köpfe, die diesen Werbespruch für die Deutsche Bahn vor einigen Jahren nach draußen trugen, hätten wissen sollen, dass selbst die Bahn unter dem Wetter leidet. Doch die Bahn ist nur ein Leidtragender der Wetter-Unwägbarkeiten. Gerade im Jahr 2005 wurde der Menschheit erneut die starke Abhängigkeit von Witterungs- und Klima-Einflüssen bewusst. Das Wetter bestimmt nicht nur das Wohlbefinden einzelner Menschen, es ist auch für das Wohl und Wehe ganzer Volkswirtschaften ursächlich.

Findige Köpfe der Finanzwelt haben das seit Jahren auf anderen Märkten bereits vorhandene Instrumentarium zur Separierung und Handelbarkeit von Risiken auch auf das Wetter übertragen. Bereits vor sieben Jahren wurden in der Welt die ersten Wetter-Derivate gehandelt. Dabei geht es um Finanzkontrakte, bei denen die Auszahlung von den klimatischen Verhältnissen abhängt. Heute offerieren Banken, Versicherungen und Börsen der Wirtschaft solche Risikosicherungsinstrumente wie Swaps und Optionen, damit diese Witterungsrisiken absichern kann. Als Käufer solcher Risiken treten in der Regel innovative Finanzmarktteilnehmer wie Hedge-Fonds auf.

Noch steckt der Markt für Wetter-Derivate in den Kinderschuhen. Und noch ist dieser Markt als „geschlossener Kreis“ zu betrachten, zu dem nur wenige private Investoren Zugang gefunden haben. Betrachter sind jedoch einig, dass Wetter-Derivate in den nächsten Jahren eine zunehmende Bedeutung erlangen werden. Die Chicago Mercantile Exchange (CME) spricht davon, dass rund 20 Prozent der US-Volkswirtschaft direkt durch das Wetter beeinflusst werden. Auch in Europa hat man erkannt, dass das Chance/Risiko-Profil von ganz unterschiedlichen Branchen immer stärker durch Witterungseinflüsse bestimmt wird. Daher nutzen die Unternehmen den von Brokern und Banken dominierten Freiverkehrsmarkt (OTC) für Wetter-Derivate sowie die von der CME fürs Wetter-Management angebotenen Risikosicherungsinstrumente. Die an der CME gehandelten Derivate bilden auf der Basis von Wetterindizes die Witterungsbedingungen ausgewählter amerikanischer Wirtschaftszentren ab. In den vergangenen Monaten hat die CME ihre Angebotspalette auch auf andere Großstädte in der Welt (so unter anderem auf die Stadt Essen) ausgeweitet.

In Deutschland scheinen die Börsen indes keinen größeren Bedarf für Wetter-Derivate zu erkennen. „Wir haben die Berechnung der Wetter-Indizes eingestellt“, bestätigte Walter Allwicher, Sprecher der Deutsche Börse AG, gegenüber dem Tagesspiegel. Anders sieht offensichtlich die konkurrierende Mehrländerbörse Euronext in Paris die Chancen auf diesem Markt. An Euronext werden weiterhin Wetter-Indizes kalkuliert. Wann jedoch mit Derivate-Produkten an dieser Börse gerechnet werden kann, ist noch offen. U.R.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben