Zeitung Heute : Das Königreich weint

Trauerfeier für die Toten von Madrid – und warum nicht alle Eingeladenen kamen

Ralph Schulze[Madrid]

Der Himmel über der Stadt könnte nicht grauer sein. Regenwolken hängen über der katholischen Kathedrale, in der sich am Mittwochmittag Staats- und Regierungschefs, Adel und Diplomaten aus 60 Ländern der Welt zum Staatsbegräbnis treffen, für jene 189 Menschen, die am 11.März in Madrid in den Todeszügen, vier voll besetzten Pendlerbahnen, aus dem Leben gerissen wurden.

Die Zahl der Toten ist am Dienstag korrigiert worden, 202 seien es, hatte es bis dahin geheißen. Abgerissene Körperteile jedoch konnten in der Zwischenzeit Toten und Verletzten zugeordnet werden, und derzeit werden am gerichtsmedizinischen Institut noch Erbgutanalysen gemacht, „es ist gut möglich, dass es dann noch zu einer leichten Veränderung kommt“, sagt eine Sprecherin.

Genau besehen sind es 190 Tote, identifiziert und bereits beigesetzt, die an diesem Regentag mit Staatsakt verabschiedet werden. Denn eine junge Frau, die umkam, war hochschwanger.

Das Entsetzen, das Europa mit Madrid teilt, spiegelt sich auch in jenen 13 schwarzen Plastiktüten mit sterblichen Überresten, deren Inhalt die Gerichtsmediziner noch hüten und bisher nicht zuordnen konnten. Von den über 1500 Verletzten liegen 145 weiter im Krankenhaus.

Verheilt ist nichts. Was auch Spaniens abgewählter, aber noch amtierender Regierungschef José Maria Aznar, der den Krieg gegen den Irak unterstützt hatte, beim Staatsakt zu spüren bekommt. Als er mit starrer Miene, mit Ehefrau Ana Botella, die schwer bewachte Kathedrale betritt, hört er Schmährufe. „Sie sind verantwortlich für den Tod meines Sohnes“, ruft ihm ein älterer Mann aus der Kirche entgegen. Sekunden später erklingt Orgelmusik.

Die Messe. „Großer Schmerz hat euer Leben und das eurer Familien ergriffen“, sagt Madrids Erzbischof Antonio Maria Rouco Varela, dem 30 Bischöfe des Landes assistieren, „seit dem schwarzen Tag, an dem brutale Terrorgewalt – mit unbeschreiblicher Grausamkeit geplant und ausgeführt – das Leben derer nahm, die ihr am meisten liebtet.“ Und: „Euer Schmerz ist der Schmerz unserer geliebten Stadt Madrid geworden, Spaniens und schließlich der ganzen Welt.“

Für die Angehörigen und Freunde der Opfer konnte nur begrenzt Platz geschaffen werden in jener jungen Kathedrale im Herzen Madrids – fünf Teilnehmer pro Familie. Eine Riesenkirche, die gleich neben dem Königspalast errichtet und erst vor elf Jahren von Papst Johannes Paul eingeweiht wurde. „La Almudena“ heißt das Gotteshaus, benannt nach der Schutzheiligen Madrids.

Auf zwei Dritteln der 1500 Kirchensitzplätze drängeln sich 60 internationale Delegationen, angeführt von fast 20 Staats- und Regierungschefs sowie einem Dutzend Vertretern der Königshäuser. Und natürlich der spanische Hof- und Politikadel. Auch der US-amerikanische Außenminister Colin Powell flog zum Staatsbegräbnis für die Opfer des Massakers, das eine grausame Linie vom 11. September 2001 zum 11. März 2004 zieht. 9/11 – nine eleven – und der 11. März von Madrid, die zwei Horrordaten liegen 911 Tage auseinander. Vielleicht zufällig. Vielleicht nicht. Wer weiß.

Powell, der Repräsentant der Weltmacht, sitzt nicht in der ersten Reihe, sondern in der fünften. Nicht nur für ihn ein schwarzer Tag, der nach Meinung von Spaniens künftigem Regierungschef, dem Sozialdemokraten José Luis Zapatero, durch den Irakkrieg mitprovoziert wurde. Powells wichtigste außenpolitische Widersacher, Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder trauern in der ersten und zweiten Kirchenbank, Powells britischer Verbündeter Tony Blair in der dritten.

Spaniens König Juan Carlos hält sich ein Taschentuch vors Gesicht, Königin Sofia hat Tränen in den Augen. Bevor sie die Kathedrale verlassen, schreiten sie die Reihen ab, drücken die Hände der Trauernden und küssen sie auf die Wangen. Kronprinz Felipe drückt eine ältere Frau an sich, die die Fassung verlor. Er wird in zwei Monaten in dieser Kirche seine Hochzeit feiern.

Nicht alle Hinterbliebenen, die eingeladen wurden, wollten auch kommen. Weil sie einen nichtreligiösen oder ökumenischen Staatsakt, wie vor zweieinhalb Jahren in New York, gewollt hätten. Oder weil sie „nicht mit den Politikern, die für den Irakkrieg und seine Folgen verantwortlich sind, die Kirche teilen wollen“, wie ein Verwandter seine Absage begründet. Und eine Frau, die ihren Sohn verlor, sagt: „Wir möchten nicht Teil eines Spektakels sein.“

Vor der Kirche sind weitere 800 Sitze für die Trauernden aufgebaut, mit einem riesigen Bildschirm davor, auf den die Messe übertragen wird. Im Garten des Königspalastes und auf der Puerta del Sol steht jeweils auch einer.

Das eigentliche Monument für die Opfer von Madrid befindet sich an einem anderen Ort, einen Kilometer Luftlinie entfernt vom Auftrieb der Prominenz. In Madrids Hauptbahnhof Atocha, zu dem die vier Todeszüge am 11. März unterwegs waren und in dessen unmittelbarer Nähe zwei der Pendlerbahnen explodierten. Tausende sind hierher gezogen, Tausende Friedhofskerzen umringen die Bahnhofshalle, Menschen bringen Blumen, befestigen Zettel an den Wänden. „Warum?“, steht auf einem Karton geschrieben. Es gibt keine Antwort, die Frage konnte man hier schon am Tag des Attentats lesen. Ein Plüschhase erinnert an das kleinste Todesopfer, die sieben Monate alte Patricia.

Auch von Kindern gemalte Bilder liegen im Bahnhof. Auf denen sich Vater, Mutter, Töchter und Söhne an den Händen halten. Auf denen Eisenbahnen in die Luft fliegen. Auf denen Menschen zu Krankenwagen getragen werden. „Ich liebe Dich, Mama“, steht unter einem dieser Bilder. Ein anderes trägt den Titel: „Die letzte Reise“.

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