Zeitung Heute : Das könnte ihnen eine Lehre sein

Stefan Jacobs

Die Unesco kämpft gegen Analphabetismus in Deutschland. Was muss passieren, damit mehr Menschen lesen und schreiben können?

Im Februar 2003 hat UN-Generalsekretär Kofi Annan die Dekade der Alphabetisierung ausgerufen, und bis zum 8. September dauert die „Internationale Woche der Alphabetisierung“ an. Das klingt nach einem Thema für die Dritte Welt – aber es betrifft auch jeden 16. Erwachsenen in Deutschland: Vier Millionen Erwachsene können hier zu Lande keinen Fahrschein am Automaten kaufen, keinen Beruf ausüben und ihren Kindern bei den Hausaufgaben nicht helfen, obwohl sie selbst zur Schule gegangen sind. Analphabetismus bedeutet nicht, keinen einzigen Buchstaben zu kennen, sondern am alltäglichen Lesen und Schreiben zu scheitern.

Etwa in der 2. Klasse ist die Gefahr für Kinder, die Leseschwächen, haben besonders groß. Sie kommen dann nicht mehr hinterher, sagt Peter Scholz von der Berliner Schulverwaltung: Wer in dieser Zeit den Anschluss verliere, habe bis zum Ende der Schulzeit kaum eine Chance zum Aufholen. Und als Erwachsener braucht man viel Mut, sich als Analphabet zu outen und Hilfe zu suchen. Wer so weit ist, kann in Berlin für maximal zehn Euro einen Kurs an der Volkshochschule oder bei freien Vereinen besuchen.

Doch selbst in Großstädten seien solche Angebote nicht immer zu finden, klagen Experten. Kurse für 100 Euro helfen den Betroffenen nicht, denn Analphabeten seien fast zwangsläufig nicht wohlhabend, sondern eher arm. Hermann Lange, Pisa-Beauftragter der Kultusministerkonferenz, will das Problem mit einem neuen Schulsystem lösen. Gemischte Lerngruppen statt frühzeitiger Sortierung, lautet seine Empfehlung, denn schwächere Schüler profitierten von starken, ohne sie am Lernen zu hindern. Die, die den Faden verloren haben, müssten eine Chance zum Wiedereinstieg – im Laufe einer auf sechs Jahre verlängerten Grundschulzeit – bekommen, statt an Sonderschulen geschickt zu werden. „Schulen brauchen ein Controlling“, damit sie nicht länger Analphabeten unbemerkt ins Leben entlassen könnten.

www.alphabetisierung.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!