Zeitung Heute : Das Kopftuch – nur ein Accessoire?

Richard Schröder

TRIALOG

Darf eine deutsche Staatsbürgerin islamischen Glaubens als Lehrerin an einer staatlichen Schule mit Berufung auf die Religionsfreiheit das übliche Kopftuch tragen? Darüber hat das Verfassungsgericht zu befinden. Es geht im Kern um zwei Fragen. Was bedeutet dieses Kopftuch? Und: Lehrerinnen an öffentlichen Schulen sind sozusagen Amtspersonen. Ergibt sich daraus etwas für ihre Kleidung?

Es ist klar, dass es um die symbolische Bedeutung des Kopftuchs geht. Symbole sind immer Symbole für ein Publikum. In islamischen Ländern kann das Kopftuch unauffällig normal sein. Es kann aber auch emanzipatorischer Protest sein gegen den Gesichtsschleier, als Minimalversion einer religiösen Kleiderordnung für islamische Frauen. In Deutschland wird es zuerst wahrgenommen als Ausdruck einer fremden kulturellen Identität, die allerdings eine religiöse einschließt. Für niemanden ist das Kopftuch bloß ein Stück Stoff oder bloß ein modisches Accessoire. Dafür würde niemand seine Berufsausübung aufs Spiel setzen. Die Klägerin erklärt es als religiöses Symbol und macht darüber hinaus geltend, dass sichtbare Haare ihr Schamgefühl verletzen würden.

In der christlichen Tradition gibt es keine religiöse Kleiderordnung mehr, weil es beim christlichen Glauben auf solche Äußerlichkeiten nicht ankommt. Insofern liegt es nahe, auch hier zu sagen: Es kleide sich doch jeder wie er will, auf solche Äußerlichkeiten kommt es nicht an.

Es gibt aber eine Ausnahme: die Tracht von Ordensleuten. Und da ist völlig klar: Ein Franziskaner, der an einer staatlichen Schule Mathematiklehrer ist, dürfte nicht in der Mönchskutte auftreten. Das wäre nur an einer konfessionellen Schule erlaubt und vielleicht noch, wenn er bloß Religionsunterricht in Verantwortung der Kirchen erteilte, von dem sich aber jeder abmelden kann. Atheistische Eltern könnten sich gegen den Mathematiklehrer in Mönchskutte zur Wehr setzen. Ganz so gleichgültig sind uns Äußerlichkeiten also doch nicht.

Als Amtspersonen sind Lehrende an einer staatlichen Schule in bestimmten Grenzen zur Neutralität verpflichtet, um im pluralen Feld der Überzeugungen ihre Akzeptanz bei Schülern und Eltern anderer Überzeugung nicht zu gefährden. Ihre Überzeugungsfreiheit wird dadurch nicht eingeschränkt, sondern nur ihre Freiheit, ihre Überzeugung öffentlich zu demonstrieren, und zwar nur für die Zeit ihrer Amtsausübung.

Wer gar keine Religion ernst nimmt, wird im religiösen Feld gar nicht die Möglichkeit eines Konflikts sehen und alles Exotische interessant finden. Anders steht es bei den politischen Überzeugungen. Sollte ein Lehrer mit einem Anstecker auftreten, auf dem die CDU getadelt und die SPD gepriesen wird, würden Eltern, die CDU-Mitglieder sind, sich dies scharf verbitten. Man sieht: das Neutralitätsgebot dient dem Rechtsfrieden.

Es gibt keine explizite Kleiderordnung für Lehrer. Für andere Amtspersonen gibt es sehr wohl Kleiderordnungen. Ich darf als Verfassungsrichter nicht mit dem Pastorentalar und auf der Kanzel nicht mit dem Richtertalar auftreten und - außer beim Karneval - öffentlich nicht in Polizeiuniform erscheinen. Und für Lehrer gibt es eine implizite Kleiderordnung: in Badehose dürfen sie nicht unterrichten. Aber darf man denn das Kopftuch mit einer Badehose, einem Talar, einer Mönchskutte oder einer Uniform vergleichen? Das muss das Verfassungsgericht klären. Es ist nicht zu beneiden.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität Berlin.

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