Zeitung Heute : Das Korsett und die Ingenieure

Wie Kleider den Erfindergeist beflügeln: Josephine Barbe untersucht das Wechselspiel von Mode und technischer Innovation

Sybille Nitsche
Wer schön sein will, muss leiden. Diese Abbildung aus dem 19. Jahrhundert nimmt den Wahn zu immer schlankeren Taillen aufs Korn. Foto: Staatliche Museen Berlin, Kunstbibliothek
Wer schön sein will, muss leiden. Diese Abbildung aus dem 19. Jahrhundert nimmt den Wahn zu immer schlankeren Taillen aufs Korn....

Peugeot – die Marke steht für Autos und leichte, schnelle Fahrräder. Allenfalls denkt der Kenner noch an die Mahlwerke in den Pfeffer- und Salzmühlen für die heimische Küche. Aber die Anfänge eines der ältesten europäischen Autohersteller kreisen um die weibliche Silhouette. „Mitte des 19. Jahrhunderts produzierte Peugeot kaltgewalzte Stahlbänder für Korsetts und Krinolinen und stellte monatlich etwa 24 000 dieser Reifröcke her“, erzählt Josephine Barbe. Die Stahlbänder machten zum einen Rockumfänge bis zu acht Metern möglich, die weder mit Rosshaar-Einlagen noch mit Fischbein erreicht werden konnten. Zum anderen ersetzten sie in den Korsetts das rare und damit teure Fischbein, das aus den Barten der Wale gewonnen wurde.

Es ist das Wechselspiel von Mode und technischer Innovation, dem Josephine Barbe in ihrer Promotion am Fachgebiet Technikgeschichte der TU Berlin nachgeht, und das sie am Beispiel des Korsetts nachzeichnet. „Ein Luxusartikel wird zur Massenware, ein Harnisch zur zweiten Haut“, sagt Barbe und fragt: Wie vollzog sich dieser Wandel, wodurch wurde er möglich?

Josephine Barbe untersucht anhand der Konstruktion, des Materials und der Tragequalität des Korsetts und deren jeweiligen Veränderungen, wie Moden den Erfindergeist beflügelten und umgekehrt, technische Errungenschaften den Kleidungsstil der Frau modellierten.

Barbe, die Kunst, Kunstwissenschaft und Textiles Gestalten an der Hochschule der Künste in Berlin studierte, betrachtet dafür ein ganzes Jahrhundert. Sie schlägt den Bogen von den Anfängen des 19. bis zu denen des 20. Jahrhunderts und richtet ihren Blick auf das gewebte Korsett, auf das Korsett mit kaltgewalzten Stahlbändern und auf das elastische.

Von jeher war das Korsett ein in Handarbeit hergestelltes Unikat. Bis 1848 Jean Verly den handbetriebenen Korsettwebstuhl erfand. „In einem komplizierten Verfahren wurden die Schnürleiber dreidimensional inklusive der formenden Brust- und Hüftzwickel im Stück gewebt, ganz ohne Naht“, sagt Barbe. Reißenden Absatz fanden die in den Fabriken gewebten Mieder aber nicht in Deutschland, sondern in den USA. Dort verlor das Korsett die Aura des Luxuriösen. Es wurde zur Massenware, weil das maschinell hergestellte Mieder preiswert war und damit für alle sozialen Schichten erschwinglich. Außerdem hatten die Amerikanerinnen mit dem Korsett von der Stange keine Probleme. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Frau von Stande nach wie vor Wert darauf legte, von einem Schneider Maß genommen zu werden. „Erst als in den 1860er Jahren in der Korsettfabrikation Nähmaschinen eingesetzt und das Flair von Luxus und kostspieliger Handarbeit imitiert wurden, verloren die deutschen Frauen ihre Berührungsangst vor der industriell gefertigten Ware“, fand Barbe heraus.

Was der Korsettwebstuhl und die Nähmaschine für die Verbreitung des Korsetts waren und damit für die Demokratisierung der Mode, waren der Kautschuk und die Erfindung des Gummis für die Bequemlichkeit des Schnürleibs. Das Verlangen nach der idealen Figur mit betont schmaler Taille verband sich im Lauf des 19. Jahrhunderts zunehmend mit dem Wunsch nach besserem Tragekomfort. In Gummi sahen die Korsetthersteller ein modernes Material, die weibliche Taille zu formen. Sie verarbeiteten Gummi als ersten dauerelastischen Stoff für die Korsett-Seitenteile in Form von Gurtbändern.

Das war 1870. Bereits 1839 war der Amerikaner Charles Goodyear beim Experimentieren zufällig darauf gestoßen, dass beim Erhitzen einer Schwefel-Kautschuk-Mischung eine hochelastische Substanz entsteht, die nicht mehr die nachteiligen Eigenschaften des Naturkautschuks besaß, bei Hitze klebrig und bei Kälte spröde zu werden. „Er hatte damit das Vulkanisieren entdeckt“, sagt Barbe. Eine Erfindung zog in die Mode ein, machte die Korsetts elastischer und versprach mehr Bequemlichkeit.

Einen Nachteil hatte aber auch Gummi, der nach einer gewissen Zeit seine Elastizität einbüßte und – wie man so schön sagt – „ausleierte“. „Die ideale Taille wurde deshalb bis ins 20. Jahrhundert nach wie vor durch eingearbeitete Stäbe modelliert“, weiß die Wissenschaftlerin. Fischbein war hierfür hervorragend geeignet, war es doch zugleich fest und biegsam und nahezu unzerbrechlich.

Aber es war nur begrenzt verfügbar, und je schneller die Korsettindustrie wuchs, desto teurer wurde es. Also waren Ingenieure gefordert, Ersatz zu schaffen. Experimentiert wurde viel, unter anderem mit dem Rohr einer Palmenart. Herauskam Wallosin, eine Art Kunstfischbein. Aber erst die bereits erwähnten kaltgewalzten, leichten und flexiblen Stahlbänder brachten die Lösung. Sie wurden zwar zuerst für die Krinolinen verwendet, um das Verlangen nach raumgreifenden Rockweiten zu befriedigen. Aber als diese ab 1870 nicht mehr en vogue waren, wurden die biegsamen Stahlbänder nach wie vor zur Versteifung der Korsetts eingezogen und ersetzten das Fischbein.

Sybille Nitsche

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