Zeitung Heute : Das kostet Energie

Klimaanlagen, Ventilatoren, Kühlschränke – die Wärme fördert den Stromverbrauch. Nun wird Wasser knapp, und die Kraftwerke können nicht richtig gekühlt werden

Gideon Heimann

Die Hitze setzt nicht nur die Wälder in Europa in Brand, auch die Stromversorgung in allen europäischen Ländern ist betroffen. Denn Wärmekraftwerke sind auf Kühlung angewiesen, und die ist nicht mehr so einfach zu gewährleisten. In dem elsässischen Kernkraftwerk Fessenheim etwa war die Wärme im Reaktorraum von üblichen 40 auf 48,8 Grad gestiegen – bei 50 Grad muss abgeschaltet werden. Das Gebäude wurde daher drei Tage lang von außen mit Wasser besprüht. Genaueres war bei der Électricité de France auf Nachfrage nicht zu erfahren.

In Italien drohen Ausfälle – bei 40 Grad Lufttemperatur in den großen Städten und Wassermangel in den Flussbetten – wie soll da gekühlt werden. Schon seit Wochen müssen Anlagen auf geringere Leistung heruntergefahren, einige sogar ganz abgeschaltet werden. In Deutschland ist die Versorgung nach Darstellung des Verbandes der Deutschen Elektrizitätswirtschaft gesichert. Dass die AKW in Krümmel, Brokdorf und Brunsbüttel sowie Neckarwestheim, Obrigheim und Isar I bei Landshut wegen der Hitze gedrosselt wurden, sei aber nicht Besorgnis erregend. Allerdings seien steigende Vorsorgekosten absehbar – Verbraucher müssten also mit höheren Tarifen rechnen.

Europas Elektrizitätswerke sind über ein großes Netz zusammengeschaltet. Es reicht von Portugal bis nach Dänemark und bis nach Griechenland. Einige Länder des früheren Ostblocks sind zum Teil schon angeschlossen, andere bereiten sich darauf vor. Die Vernetzung hilft jedem Mitglied, seine Reservekapazitäten gering zu halten. Bei plötzlichen Problemen mit Anlagen kann Strom auf einem Spotmarkt eingekauft werden. Der Handel ermöglicht es darüber hinaus, Strommengen einzukaufen, wenn sie zu einem billigeren Preis als zu Hause angeboten werden.

Auf diesem Markt gibt es traditionelle Verkäufer wie Frankreich, das seine Stromherstellung zu 80 Prozent auf Kernkraft stützt. Italien war immer Importeur, was sich mit steigender Nachfrage der Haushalte und Betriebe – zum Beispiel für Klimaanlagen – verstärkte.

Der Handel läuft zu „normalen“ Zeiten gut, auch im Winter, wenn viel Energie für Licht und Wärme gebraucht wird. Aber nun kommt es hitzebedingt überall zu Problemen. Denn Kraftwerke verbrennen je nach Konstruktion Kohle, Öl und Gas oder nutzen nukleare Stoffe, um Wasser in Dampf zu verwandeln. Dieser treibt Turbinen an, deren Generatoren den Strom erzeugen. Danach muss der Dampf zu Wasser heruntergekühlt werden, das man dann wieder in den Kreislauf schicken kann. Dazu werden Kraftwerke in der Nähe von Flüssen errichtet, deren Wasser die Kühlung ermöglicht. Allerdings darf der Fluss nicht zu sehr aufgeheizt werden – nach der hier geltenden Gewässerverordnung ist bei 28 Grad Schluss. Dann muss die Kraftwerksleistung reduziert werden.

Das will geplant sein

Wo vorsichtig geplant wurde, dort sind Kühltürme in ausreichender Zahl und Größe vorhanden, aber deren Kapazität ist nicht unerschöpflich. Auch sie benötigen Wasser, von dem erhebliche Mengen verdunsten.

Nun leidet ganz Europa unter Hitze und Trockenheit. Auch in Spanien dürfte die Stromproduktion zumindest eingeschränkt sein. In Portugal herrscht wegen der Brände ohnehin der Notstand. Wenn jetzt selbst klassische Lieferländer wie Frankreich gezwungen wären, die Produktion zu drosseln, würde es auf dem Markt noch enger.

All das schlägt sich auf die Tagespreise des Spotmarkts nieder, sie schwanken immens. Ein Extremfall vom 15. Juli, der sich bald wiederholen könnte: Für 1000 Kilowattstunden Strom wurden kurzfristig 492,43 Euro verlangt, am Vortag waren es noch 61,49 Euro.

Wind- und Wasserkraft helfen übrigens auch nicht weiter: Bei lang anhaltenden Hochdruck-Wetterlagen nehmen die Winde ab und den Wasserturbinen geht mit sinkenden Flusspegeln langsam der Treibstoff aus.

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