Zeitung Heute : Das Kreuz der Nachfolge

Der neue Präsident wird erst Ende 2008 gewählt – doch in den USA ist schon jetzt Wahlkampfstimmung

Christoph Marschall[Washington]

Nachdem nun auch Hillary Clinton erklärt hat, sie wolle als Präsidentschaftskandidatin antreten, ist der Wahlkampf in den USA in vollem Gange – und das fast zwei Jahre bevor die Wähler überhaupt zur Urne dürfen. Warum wird diesmal schon so früh um den Platz im Weißen Haus gekämpft?


Was sich derzeit in den USA abspielt, widerspricht aller Erfahrung politischer Kenner. Prognosen über die Favoriten für den Kampf ums Weiße Haus geben kluge Menschen frühestens ein Jahr vor der Wahl ab, hatten sie die Neuankömmlinge unter den ausländischen USA-Korrespondenten gewarnt. Und selbst in den letzten zwölf Monaten vor dem Urnengang kann noch viel passieren, können Unbekannte aus der Provinz auftauchen und sich an die Spitze setzen – wie Bill Clinton 1992, den zuvor kaum einer auf der Rechnung hatte.

Doch das Rennen um die Nachfolge George W. Bushs ist bereits im vollen Gang, obwohl erst im November 2008 gewählt wird. Der Wahlkampf habe „früher als je zuvor in Amerikas Geschichte“ begonnen, vermerkt die „New York Times“. Selbst die ersten TV-Duelle sind bereits geplant, für April 2007! Bisher gab es die erst wenige Monate vor dem Wahltag. Die Ehrgeizigen in beiden Parteien plagt nicht mehr die Sorge, ob ein früher Start schadet, sondern die Frage, ob es nicht bald zu spät sei. Hillary Clinton hat am Sonnabend den ersten offiziellen Schritt zur Kandidatur getan und ein Sondierungskomitee gegründet. Gezwungenermaßen, analysieren US-Zeitungen. Eigentlich habe sie noch warten wollen. Aber ihr gefährlichster innerparteilicher Konkurrent, der schwarze Senator von Illinois, Barack Obama, war am Dienstag vorangegangen. Berichterstattung schafft Aufmerksamkeit und entscheidet womöglich, wem sich einflussreiche Unterstützer anschließen und wem die Wahlkampfspenden zufließen.

Hillarys Erklärung löste einen Sog aus. Der rechtskonservative Republikaner Sam Brownback aus Kansas kündigte seine Kandidatur an, am Sonntag folgte der Demokrat Bill Richardson, Gouverneur von New Mexico. Er wäre der erste Hispanic im Weißen Haus.

Tatsächlich haben die Schwergewichte schon vor Monaten mit der Vorbereitung ihrer Kampagne begonnen. Die Demokratin Hillary Clinton und der Republikaner John McCain hatten im Sommer 2006 komplette Teams von Wahlkampfmanagern, PR-Beratern und Spezialisten für einzelne Fachgebiete um sich geschart, Millionen fließen in die Gehälter dieser persönlichen Stäbe. Wer jetzt erst startet, wird es schwer haben: Die besten Berater sind vergeben, potente „Fundraiser“, die mit eigenen Organisationen Spenden für einen Kandidaten sammeln, haben sich bereits einem Lager angeschlossen.

Amerika erlebt eine Ausnahmesituation. Erstmals seit 50 Jahren tritt weder ein amtierender Präsident noch Vizepräsident an, das gab es zuletzt 1952, zuvor einmal in den 20er Jahren und davor im 19. Jahrhundert. George W. Bush darf kein drittes Mal, Dick Cheney will nicht. So scheint das Feld weit offen – was zu großem Andrang führt. In jeder Partei werden ein Dutzend Politiker zu den „Hopefuls“ gezählt. Die Favoritenrollen sind allerdings verteilt.

Hillary darf mit ihrem Timing zufrieden sein. Ihr Vorsprung ist nach der neuesten, am Sonntag veröffentlichten Umfrage für die „Washington Post“ und den TV-Sender ABC gewachsen. Sie führt das demokratische Feld jetzt mit 41 Prozent an, gefolgt von Obama, der auf 17 Prozent zurückfiel, John Edwards (11 Prozent), der den Ausgleich zwischen Arm und Reich thematisiert, Al Gore (10 Prozent), der als Umwelt- und Klimaschützer läuft.

Diese Werte zeigen nur den Rückhalt unter Demokraten. Sie sagen nichts über die Sympathien der Gesamtbevölkerung. Die Frageweise der Institute reflektiert Amerikas Wahlsystem. In der ersten Phase stimmt jede Partei in Vorwahlen in den 50 Einzelstaaten darüber ab, wer für sie ins Rennen gehen soll. Dafür ist die Zustimmung in der eigenen Partei die entscheidende Größe. Was die ganze Nation über alle Kandidaten im Vergleich denkt, untersuchen die Institute selten so früh.

Die aktuelle Umfrage zeigt aber auch, wie die Amerikaner insgesamt zu Hillary stehen – und das ist ihr Hauptproblem. Sie polarisiert die US-Bürger. Überzeugte Anhänger (31 Prozent) und überzeugte Gegner (30 Prozent) halten sich die Waage. Barack Obama tritt als Versöhner an, der die Nation wieder zusammenführt.

Die beiden Favoriten der Demokratischen Partei beflügeln derzeit die Fantasien der Medien wie der Wähler. Hillary wäre die erste Frau im Amt, Obama der erste Schwarze. Im Vergleich dazu wirken die Republikaner altbacken. Ihre „Front runner“ entsprechen dem gewohnten Bild erfahrener, alter weißer Männer. Unter Republikanern führt laut einer Gallup-Umfrage New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani mit 31 Prozent vor John McCain (27 Prozent), Senator aus Arizona und Vietnamveteran. Es folgen Newt Gingrich (10 Prozent), der die Republikaner 1994 zum Erdrutschsieg in der Kongresswahl führte, und Mitt Romney, Gouverneur von Massachusetts; er wäre der erste Mormone im Weißen Haus.

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