Zeitung Heute : Das Kreuz mit der Kirche

Der Vatikan hat gleichgeschlechtliche Partnerschaften verdammt. Das verletzt nicht nur Homosexuelle, Proteste kommen von allen Seiten. Toleranz und Schutz von Minderheiten sind bis heute Grundfesten des Glaubens. Die werden einmal mehr auf die Probe gestellt.

Martin Gehlen

IST DIE KIRCHE ZEITGEMÄSS?

Die Aufregung ist groß. Von einer „mittelalterlichen Hetzkampagne gegen Homosexuelle“ spricht der Bundesverband schwuler Führungskräfte. FDP-Chef Guido Westerwelle attestiert der katholischen Kirche ein Moralverständnis des 19. Jahrhunderts. Und christdemokratische Politiker wie Wolfgang Bosbach gehen dezent auf Distanz. In der Tat: Lange gab es kein derart hartes und kompromissloses Kirchenschreiben mehr wie der neue 14-Seiten-Text der Glaubenskongregation zu homosexuellen Partnerschaften. Mit scharfer Rhetorik versucht der 76-jährige Kurienkardinal Joseph Ratzinger, die Politik gegen jede rechtliche Anerkennung von Homo-Ehen zu mobilisieren. Wer dem zustimme, begehe „eine schwerwiegende unsittliche Handlung“, schreibt er. Wo es entsprechende Gesetze gebe, sollten sich die katholischen Abgeordneten um „Schadensbegrenzung“ bemühen. Sie hätten „die sittliche Pflicht“, klar und öffentlich Widerspruch zu äußern. „Die Ehe ist heilig“, urteilt der Text, „während die homosexuellen Beziehungen gegen das natürliche Sittengesetz verstoßen.“ Noch härter ist die Attacke auf Adoptionen von Kindern durch Homosexuelle – dies bedeute „faktisch eine Vergewaltigung“.

Wenn sich die katholische Kirche zu Fragen der Sexualmoral äußert, bleibt meist wenig Raum für Nuancen und Kompromisse. Seien es offizielle Verdammungen von Homosexualität, Empfängnisverhütung oder Wiederheirat Geschiedener, kein anderes Themenfeld trägt mehr zu dem Negativimage der Kirche bei. Die meisten Menschen empfinden die römischen Lehrschreiben als verlogen, scheinheilig und durchzogen von Doppelmoral. „Im persönlichen Bereich, bei Ehe, Familie und Sexualität, da hat die Kirche offensichtlich nicht mehr viel zu melden“, räumte kürzlich sogar Kardinal Karl Lehmann ein, der Vorsitzende der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Und alle Umfragen zeigen, dass sich das Kirchenvolk in seiner Lebensführung an die offizielle Morallehre nicht mehr gebunden fühlt. Mehr noch: Die weltfremde Rigorosität zehrt an der Autorität der Kirche und überschattet andere soziale, gesellschaftliche und ethische Impulse, die sie zu den gesellschaftlichen Debatten beizusteuern hat.

Erstmals das Zweite Vatikanische Konzil hat sich Anfang der 60er Jahre grundsätzlich mit der Rolle der Kirche in der modernen Welt auseinander gesetzt. Ihr obliege „allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen“, hieß es damals in den Konzilstexten. Seitdem lebt die katholische Kirchenführung in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite möchte sie sich ganz im Geiste des Konzils stärker in die weltlichen Belange einmischen. Auf der anderen Seite treibt sie die Angst um, die Kirche könnte sich in diesem Prozess immer stärker dem Zeitgeist anpassen und ihre eigenen Standpunkte verwischen.

In den Stellungnahmen der katholischen Kirche spiegelt sich dies in einer eigentümlichen Gespaltenheit wider. Während die Äußerungen zur Sexualmoral keinerlei Bewegung erkennen lassen und wie irritierende Botschaften aus längst vergangenen Jahrhunderten daherkommen, wirken andere kirchliche Texte weitsichtig und zeitkritisch – beispielsweise zu Themen wie soziale Gerechtigkeit, Kampf gegen Armut, Migration und Asyl, Familienpolitik oder Gentechnik. Kaum ein Politiker hat in den letzten zwei Jahrzehnten das Elend der Dritten Welt, den unfairen globalen Wettbewerb, die „erstickende Verschuldung“ der Entwicklungsländer sowie die „erdrückende Macht der Industriestaaten mit solcher Schärfe angeprangert wie der greise Johannes Paul II.

Auch das Nein des Papstes zum Irak-Feldzug mit der Begründung, jeder Krieg sei eine Niederlage für die Menschheit, hat weltweite Beachtung gefunden. Bei zahllosen Gelegenheiten trat das katholische Oberhaupt zudem ein gegen Menschenrechtsverletzungen, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Ähnlich positiv ist auch die deutsche Bilanz. Die Armutsuntersuchungen der Caritas in Deutschland haben das Bewusstsein geschärft und Maßstäbe gesetzt. Das Sozialwort der Kirchen gewinnt angesichts der Rekordarbeitslosigkeit neue Aktualität. Und kirchliche Hilfseinrichtungen sind oft die letzte Anlaufstelle für die Schwächsten der Gesellschaft – Asylbewerber, Migranten ohne Aufenthaltsrecht oder Langzeitarbeitslose.

Aber auch die Angst vor einer Lockerung des Lebensschutzes für Embryonen während der Schwangerschaft oder in der Phase des Sterbens wird von vielen geteilt. Es gehe um eine „aktive und kritische Zeitgenossenschaft“, erläutert der Vorsitzende des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer, die Rolle der Christen. Man dürfe sich nicht in eine fromme Nische verkriechen, sondern müsse sich in der freiheitlichen Gesellschaft engagieren, „um deren Wertebewusstein mitzuprägen und deren Entwicklung mitzubestimmen“. Das aber geht nur im Dialog und nicht – wie bei dem Papier zur Homosexualität – durch eine fromme Philippika, die mit göttlichem Wahrheitsanspruch daherkommt. Foto: imago

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