Zeitung Heute : Das Kuckucksei

Die Entdeckung der Forscher und ihre Bedeutung

Hartmut Wewetzer

Embryonale Stammzellen sind die Alleskönner der Biologie. Sie werden aus der inneren Zellmasse einer Keimblase (Blastozyste) entnommen, also einem frühen, wenige Tage alten Embryo. Diese Zellen können sich unendlich oft teilen und sich in jede nur erdenkliche Gewebeart weiterentwickeln, zum Beispiel in Muskelzellen, Nerven oder Haut. Mit einer Ausnahme: Keimzellen, also Eizellen oder Spermien, wurden bisher nicht in den Zellkulturen beobachtet.

Bisher. Denn nun konnten die beiden Deutschen Karin Hübner und Hans Schöler und ihr Team von der Universität von Pennsylvania in Philadelphia nachweisen, dass embryonale Stammzellen nicht nur Körper-, sondern auch Keimzellen bilden können.

Der Eisprung in der Retorte – vieles spricht dafür, dass man ihn bislang einfach übersehen hat. Denn die Eizellen lösen sich aus dem Gewebeverband der Stammzellen und wurden bisher offenbar einfach als „Überstand“ weggespült. „Möglicherweise hat man die Keimzellen für sterbende Zellen gehalten“, sagt Schöler dem Tagesspiegel. Mit einem raffinierten Manöver gelang es Hübner und Schöler, die winzigen Eizellen der Maus aufzuspüren. Die Wissenschaftler koppelten ein Erbmerkmal namens Oct4, das nur in Keimzellen aktiv ist, mit einem „Leuchtgen“, dessen Produkt unter ultraviolettem Licht grün fluoresziert. Auf diese Weise war es möglich, die Eizellen ausfindig zu machen – den Wissenschaftlern ging buchstäblich ein Licht auf.

Wie im Eierstock waren die Eizellen im Reagenzglas von hormonbildendem Gewebe eingehüllt. Dieses biochemische Milieu führte dazu, dass auch Stammzellen männlicher Tiere Eizellen produzierten – was die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zu der eher absurden Spekulation verleitete, nun könnten auch schwule Paare Kinder haben.

Die Forscher kultivierten die Eizellen der Mäuse weiter. Dabei stellte sich heraus, dass diese sich zu Keimblasen weiterentwickelten, embryonenartigen Gebilden.

Jungfernzeugung im Labor? Sind embryonale Stammzellen also nicht nur extrem vielseitig („pluripotent“), sondern sogar dazu imstande, ganze Organismen zu bilden („Totipotenz“)? Oliver Brüstle, Stammzellforscher an der Universität Bonn, bezweifelt das. „Die Studie ist eine herausragende Leistung, aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass aus den Eizellen durch Jungfernzeugung vollständige Lebewesen entstehen“, sagt Brüstle. „Das Prinzip der Totipotenz ist nicht gegeben, die Grundfesten der Forschung an embryonalen Stammzellen nicht in Frage gestellt.“

Schöler widerspricht vorsichtig: „Brüstle hat Recht, wenn man vom juristischen Begriff der Totipotenz ausgeht. Aber wissenschaftlich gesehen sind Stammzellen durchaus totipotent, denn sie können aus eigener Kraft zumindest einen Embryo bilden.“

Die Studie könnte einen Weg weisen, um ein Hauptproblem des therapeutischen Klonens zu umgehen – nämlich den Mangel an Eizellspenden für die „Reprogrammierung“, also das Züchten von Ersatzgewebe. Auch da hat Brüstle seine Zweifel. „Ich glaube, es ist viel wichtiger, die Reprogrammierung zu verstehen – damit man nicht mehr auf Eizellen angewiesen ist.“

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