Zeitung Heute : Das Kühlschrankmagnet-Hormon

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

Tanja Stelzer führte ein hektisches Großstadtleben – dann wurde Noah geboren. Und jetzt? Szenen eines großen Abenteuers.

Eine Kollegin hat mir ein Sweatshirt für das Baby geschenkt, auf dem steht „Angel“. Das A ist ein Anarchie-A, wie man es von Kreuzberger Fassaden kennt. Kinder bringen Anarchie ins Leben, das weiß jeder. Bei uns sieht die Anarchie so aus: Mein Mann fährt jetzt Kombi, wir ziehen in ein Haus mit Garten, und bei der Erkennungsmelodie der Tagesthemen schlafe ich auf dem Sofa ein.

Alle werdenden Eltern haben ihre eigenen Horrorvorstellungen, wie das Elternsein sie verändern wird, und bevor das Kind auf der Welt ist, nehmen sie sich angespornt von ihren kinderlosen Freunden vor, dass sie als Erste erfolgreich dagegen ankämpfen werden. Meine Freundin A. etwa hat ihren Kollegen beim Abschied in die berufliche Auszeit gelobt, dass sie nienienie Kühlschrankmagneten kaufen wird, um die Strichzeichnungen ihres Sohnes in der Küche aufzuhängen. Vor ein paar Tagen rief sie mich an und fragte mich, ob ich ihre Geheimnisträgerin sein will, sobald sie die ersten Kühlschrankmagneten gekauft hat. Sie ist sich nach drei Monaten Mutterschaft der Kraft der Hormone bewusst und vermutet nun, dass bei der Geburt auch eine Art Kühlschrankmagnet-Hormon ausgeschüttet wird, das seine Wirkung entfalten wird, sobald das Kind seinen ersten Buntstift halten kann.

Ich persönlich habe mich immer besonders davor gefürchtet, eines Tages in ausgewaschenen Sweatshirts und mit Spucktuch über der Schulter herumzulaufen. Ich gebe mir deshalb Mühe, auf ein modisches Erscheinungsbild zu achten. Letztes Mal im Babymassagekurs trug ich also mein grünes T-Shirt mit dem orangefarbenen Playboy-Hasen drauf, den mein Sohn immer auffordernd anlächelt, weil er darunter seine Nahrungsquelle vermutet. Die aktuelle Mode mit T-Shirts und Schlabberhosen kommt jungen Müttern, die noch ein paar Pfunde zu viel drauf haben, sehr entgegen, und so sahen alle Mütter im Kurs sehr großstädtisch und gar nicht trutschig aus. Die Mütter massierten sich gegenseitig mit bunten Plastik-Igelbällen die vom vielen Babyschleppen strapazierten Rücken, die Babys sahen ein wenig skeptisch zu. Da fing die Mutter, die meinen Rücken mit einem roten Igelball bearbeitete, an zu glucksen und deutete auf meine Schulter. „Jaja, der typische Spuckefleck“, sagte sie verständnisvoll, und ich war belehrt, dass ein Spucktuch ein notwendiges Accessoire ist, selbst für Großstadt-Mütter, selbst zu Playboy-Hasen-T-Shirts.

Die Liste der Kapitulationen, die ich inzwischen erlitten habe, ist lang: Nie wird mein Wohnzimmer aussehen wie ein Spielzeug-Laden, hatte ich gesagt. Seit einiger Zeit hängt neben dem Sofa ein hölzerner Papagei von der Decke, der wie ein Jojo auf- und abhüpft und uns schon wertvolle ruhige Stunden verschafft hat. Meine Freundin J. hat für ihr Baby anfangs nur weiße oder perlmutt schimmernde, auf die Dekoration des Wohnzimmers abgestimmte Rasseln gekauft. Belehrt, dass Babys solche dezenten Farben gar nicht sehen können, ist sie auf gelb, rot und blau umgestiegen, und zwischen den Blättern ihres Ficus Benjamini baumeln nun rote Käfer aus Pappmaché, bei deren Anblick wir Mütter immer entzückte Laute von uns geben.

Wir sehen nun dem weiteren Verlust unseres Geschmackssinns entgegen. Nur eines wollen wir nienieniemals machen: eine dieser Sonnenblenden in Katzenform ins Fenster unseres Kombis kleben. Sollten wir es eines Tages doch tun, bleibt nur ein Trost: Dann werden die Hormone unsere Geschmacksnerven vollständig vernichtet haben. Wir werden den Schmerz nicht mehr spüren.

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