Zeitung Heute : Das Lächeln der Schamanin

GORKI THEATER Der Komponist Marc Sinan wandelt auf den Spuren des legendären Erzählers Dede Korkut.

UWE FRIEDRICH

Die ganze Geschichte vom Kampf der ungleichen Halbbrüder ist ein riesiges Ablenkungsmanöver, denn es soll nicht geredet werden über die Vergewaltigung einer Quellnymphe in mystischer Vergangenheit. Mit Gewalt hatte nämlich einst ein Hirte den einäugigen Tepegöz gezeugt, der bereits als Kind seinen Spielkameraden Nasen und Ohren abbeißt und später ganze Völker ins Unglück stürzen wird. Nur sein listiger Halbbruder Basat kann ihm den Kopf abschlagen und so dem Schrecken ein Ende setzen. Die blutrünstige Geschichte vom bedrohlichen Zyklopen wurde vor vielen Jahrhunderten vom selber legendären (und wohl fiktiven) Sagenerzähler Dede Korkut gesungen und ist bis heute im gesamten Kulturraum von der Türkei bis Kasachstan populär.

„Diese recht gradlinige Geschichte hat mich vor allem interessiert, weil Tepegöz überhaupt kein Mitgefühl entgegengebracht wird“, begründet der Komponist und Regisseur Marc Sinan seine Stoffwahl. „Man könnte auch die Geschichte einer ungesühnten Vergewaltigung erzählen, das Schicksal eines ungeliebten Kindes, das schließlich zum Täter wird. Aber die Lösung des Problems liegt für die Gesellschaft ganz schlicht darin, die sichtbaren Folgen eines Verbrechens brutal zu beseitigen, statt sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen.“

Türkische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler reagierten überrascht, als Marc Sinan sie während seiner Recherchereise zu seiner Sichtweise befragte. Als die ursprünglich mündlich weitergegebene Geschichte ungefähr im siebten Jahrhundert fixiert wurde, stand das türkische Urvolk der Oghusen an der Schwelle zwischen Nomadenleben und Sesshaftigkeit. In diesem Spannungsfeld steht Tepegöz als Symbol für die regellose Natur. Er wird an einem Brunnen geboren, der mythischen Verbindung zwischen Ober- und Unterwelt, und verkörpert das Unkontrollierbare. „Die bereits sesshaften, zivilisierten Menschen können dieser Urgewalt nichts entgegensetzen“, so Sinan. „Sie müssen erst seinen noch immer nomadisch lebenden Halbbruder für sich gewinnen. Nur er, der Elemente beider Lebensweisen in sich vereinigt, siegt über die grauenhafte Gefahr der ungezügelten Natur. Die Erzählabsicht liegt auf der Hand: Nur wer seine Vergangenheit bewahrt, kann die Herausforderungen des Lebens meistern.“

Auf seiner Reise durch den riesigen Kulturraum, der durch die Erzählungen des Dede Korkut zusammengehalten wird, traf Marc Sinan in Kasachstan auf eine Bardin und Schamanin, die sich in der direkten Nachfolge des legendären Erzählers sieht. Sie berief sich bei ihrer Honorarforderung auf ein Gespräch mit den Geistern ihrer Ahnen, die ihr offenbar eine beträchtliche Summe diktiert haben. Dann aber spielte sie unfassbar virtuos auf der Pferdekopfgeige ein Stück, das nach ihrer Aussage direkt von Dede Korkut stammt. Für Marc Sinan ein Zeichen der ununterbrochenen Erzähltradition: „Bis heute wird Dede Korkut dort sehr verehrt. Mehrere Orte zwischen Istanbul und der kasachisch-chinesischen Grenze zeigen stolz das Grab des Dede Korkut vor. Sie alle beziehen sich auf denselben mythischen Erzählstoff. Ich kombiniere in meiner Aufführung die traditionellen Gesänge Aserbaidschans, Usbekistans und Kasachstans mit meiner eigenen Komposition und versuche, die alte Erzählung neu zu beleuchten.“

Wie schon in seinem grandiosen Projekt „Hasretim – eine anatolische Reise“ arbeitet Marc Sinan auch am Gorki Theater wieder mit den Dresdner Sinfonikern zusammen. Den kulturellen Reichtum der unterschiedlichen Sphären möchte er dadurch zusammenführen, zeitgenössisches Theater trifft auf traditionelle Musik, ein uralter Stoff aus mythischer Zeit wird mit der Klangwelt des europäischen Symphonieorchesters kombiniert. Auch Tepegöz selbst würde sich wohl wundern, wie grundlegend anders seine Geschichte diesmal erzählt wird.UWE FRIEDRICH

Premiere 14.2., 19.30 Uhr

Vorstellungen 15.2., 19.30 Uhr; 16.2., 18 Uhr

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