Zeitung Heute : Das Lächeln hat die Seite gewechselt Die wunderbare Entspannung des Kandidaten Stoiber

Der Tagesspiegel

Von Robert Birnbaum

So sehr bei sich selbst gewesen ist er seit langer Zeit nicht mehr. So entspannt auch nicht. „Dieses großartige Ergebnis für die CDU, das übertrifft natürlich alle Erwartungen“, sagt Edmund Stoiber. Das klingt ein bisschen unterkühlt. Aber der Kanzlerkandidat lächelt dabei höchst zufrieden, und außerdem hat er gerade angekündigt, dass sie in der Münchner Staatskanzlei gleich die Korken knallen lassen werden. Das Geräusch ist dort so selten, dass es wirklich auf Großes hindeutet. Die Wahl in Sachsen-Anhalt steht im Kalender des Stoiber-Teams seit geraumer Zeit als der Moment vermerkt, in dem – nach der Kandidaten-Kür – die zweite Stufe der Rakete zünden soll. Dass der Schub so stark werden würde, hat aber niemand geglaubt, der Kandidat schon gar nicht.

Vielleicht steht er darum jetzt vor den Kameras und Mikrofonen und sieht aus wie einer, dem vielleicht zum ersten Mal richtig klar geworden ist, dass es klappen könnte. „Dies ist ein großer Tag des Aufbruchs für CDU und CSU“, sagt der Kandidat. Es ist vor allem erst mal ein sehr entspannter Abend für die ganze Union.

Den Laurenz Meyer zum Beispiel hat man auch seit sehr langer Zeit nicht mehr so locker gesehen. So rappelvoll wie noch nie ist es im Foyer der Berliner CDU-Zentrale, ganze Scharen junger Union plündern erwartungsvoll das Buffet. Im Nebenraum trinkt ein Herr im Trachtenjanker an einem Stehtisch ein Glas Bier. „Wir üben für den 22. September“, flachst ein CSU-Mann. Am Montag kommt sein Chef hierher, um an der CDU-Vorstandssitzung teilzunehmen, zum ersten Mal nach der Kandidatenkür, was aber kaum noch jemand als bemerkenswert registriert. Mag es im Hintergrund gelegentlich knirschen und hakeln, im Grunde hat sich die große Schwesterpartei mit dem Mann aus München recht zügig arrangiert.

Als Meyer kommt, wird er mit Beifall begrüßt, was ihm in letzter Zeit auch nicht oft passiert ist. „Bürgerliche Politik hat ab heute wieder eine Mehrheit in Deutschland“, sagt der CDU-Generalsekretär. Wieder Beifall. Das gute Ergebnis der CDU freut die CDU-Anhänger, aber das gute Ergebnis der FDP freut sie fast noch mehr. „Gott sei Dank“, entfährt es einem älteren Herrn, als er auf einem der Fernsehschirme die hochgerechnete Sitzverteilung im neuen Magdeburger Landtag sieht. „Es reicht – CDU und FDP! Gott sei Dank!“ Hinter solcher Anrufung des Allerhöchsten steckt natürlich die Hoffnung, dass es am 22. September genau so reichen möge – und auch dort für ein „bürgerliches“ Bündnis und nicht nur für eine ungeliebte Not-Koalition mit einer geschlagenen SPD. Meyer macht denn auch gleich eine Verbeugung in diese Richtung: „Ich will nicht vergessen, der FDP ganz herzlich zu gratulieren“, sagt er, was ihm sofort wieder Beifall einträgt.

Hinten im Trubel steht ein Mann aus dem Stoiber-Team und schaut sehr zufrieden drein. „An so einem Tag …“ Er lässt den Satz unvollendet. Er weiß ja, dass dieser Tag seine ganz eigene Dynamik bekommen wird. Gerade erst sind Umfragen auf dem Markt gewesen, die ganz klar zeigen, dass der Kandidat Stoiber auf der Beliebtheitsskala im Osten weit hinter dem Kanzler Schröder rangiert. Aber das war vor der Wahl. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn dieser Abend nicht auch daran etwas ändert. Vielleicht wird Stoiber nicht beliebter. Aber vielleicht wird Schröder unbeliebter. Vielleicht wird er auch nervös und macht Fehler. Man wird ja sehen.

„Ich empfinde das Votum natürlich auch als Ermutigung“, sagt ungefähr zur gleichen Zeit sein Chef in München. Und dass Sachsen-Anhalt wirtschaftlich das Schlusslicht unter den Bundesländern sei, so wie Deutschland das Schlusslicht unter den Ländern Europas. Und dass so, wie die Wähler in Sachsen-Anhalt diesen Zustand leid seien, die Deutschen insgesamt ihn auch leid seien. „Ich möchte hier eine klare Analogie ziehen“, sagt Stoiber. „Der heutige Tag ist eindeutig ein klares Signal für Berlin.“

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