Zeitung Heute : Das Lächeln Kenias

Sie war die erste Frau Ostafrikas mit Doktortitel, hatte in Gießen und München studiert. Sie kämpfte für Demokratie, Menschenrechte, für die Umwelt und saß im Parlament. 2004 bekam sie den Friedensnobelpreis. Jetzt ist Wangari Maathai mit 71 Jahren gestorben

Friedenstanz. Wangari Maathai 2004 mit kenianischen Frauen nach ihrer Rückkehr aus Oslo von der Nobelpreisverleihung. Foto: Reuters
Friedenstanz. Wangari Maathai 2004 mit kenianischen Frauen nach ihrer Rückkehr aus Oslo von der Nobelpreisverleihung. Foto:...Foto: REUTERS

Kinder toben über das Gras. Die Eltern sitzen unter Bäumen und schauen. Mitten in Nairobi, das ehrwürdige Parlamentsgebäude im Blick, links davon die Hochhäuser der Banken und direkt vor sich eine sechsspurige Straße, die von morgens bis abends von Autos verstopft ist, sind die Menschen wie aus ihrer Welt gehoben. Der Uhuru Park ist der öffentliche Garten in Kenias dramatisch wachsender Hauptstadt, ein grünes Idyll im Häusermeer. Das verdanken die Kenianer vor allem einer Frau: Wangari Maathai. Ohne ihren Einsatz stünde in diesem Freiheitspark heute auch ein Hochhaus, und Nairobi hätte gar keinen Grünstreifen in der Innenstadt mehr.

Als Wangari Maathai den Protest gegen das Bauprojekt anführte, hatte sie schon mehrfach Bekanntschaft mit den Knüppeln der Polizei des autokratischen Präsidenten Daniel arap Moi gemacht. Und es war auch nicht das letzte Mal, dass sie mit der Staatsmacht aneinandergeriet, weil sie Bäume retten wollte. Auch dass der Karura Wald nahe Nairobis heute noch existiert, und der Verkauf dieses öffentlichen Landes durch korrupte Politiker gestoppt wurde, gehört zu Maathais Erfolgen. Sie war eine der ersten Umweltaktivistinnen Afrikas. Dafür erhielt Wangari Maathai 2004 den Friedensnobelpreis – 20 Jahre nachdem sie bereits mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt worden war.

Soziales Elend und die Vernichtung der Umwelt hingen für sie eng miteinander zusammen. So nutzte Maathai den Uhuru Park für eine ihrer spektakulärsten Aktionen. Niemand in Kenia hat vergessen, wie sie und die Mütter politischer Gefangener sich im Uhuru Park ausgezogen haben. Der Protest war erfolgreich: Moi ließ 51 junge Männer gehen. Und aus dem Kikuyu-Mädchen, dessen Vater vier Frauen und mehr als zehn Kinder hatte, wurde eine Volksheldin, deren erste Erfahrung mit dem Verlust ihrer Freiheit bis in die 50er Jahre zurückreicht. Als 16-jährige Schülerin war sie zwei Tage in einem Gefangenenlager der britischen Kolonialregierung festgehalten worden. Tausende Kikuyus wurden während des Mau-Mau-Aufstandes in solchen Lagern gehalten, viele starben.

Wangari Maathai ist 1940 in einem kleinen Dorf im zentralen Hochland Kenias geboren worden. In ihrer Autobiografie „Unbowed“ beschreibt sie, wie ihr älterer Bruder und ihre Mutter durch eine einfache Frage ihr Leben veränderten. Ihr Bruder wollte wissen: „Warum geht Wangari nicht in die Schule?“ Und ihre Mutter antwortete, dafür gebe es „eigentlich keinen Grund“.

Fortan durfte auch Wangari in die Dorfschule knapp vier Kilometer vom Haus ihrer Mutter entfernt gehen. Sie lernte gern und gut. So gut, dass die Mutter trotz der relativ hohen Schulgebühren entschied, sie auf ein katholisches Mädcheninternat zu schicken.

1960, nach Abschluss ihrer Schullaufbahn, sei sie „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ gewesen, sagte sie später. Sie gehörte zu den 300 Kenianern, die der damalige Präsident John F. Kennedy zur Ausbildung in die USA eingeladen hatte. Sie besuchte ein College in Kansas. Vier Jahre blieb sie in Atchison, bevor sie an der Universität Pittsburgh Biologie studierte.

Als sie 1966 nach Nairobi zurückkehrte, war ihr Land, bei ihrer Abreise in die USA noch eine britische Kolonie, schon drei Jahre unabhängig. Und Nairobi eine grüne Großstadt mit etwa einer halben Million Einwohner, einer regelmäßigen Müllabfuhr und überschaubarem Verkehrsaufkommen. Heute leben mindestens fünf Millionen Menschen in der Metropole, eine Müllabfuhr gibt es erst seit einigen Jahren wieder, und das auch nur in einigen Stadtteilen, und wer zur Arbeit fahren will, muss entweder sehr früh aufstehen oder viel Zeit mitbringen. Alle Straßen sind verstopft.

Wangari Maathai wurde eine der ersten Dozentinnen an der Universität von Nairobi. Sie promovierte über die Anatomie von Rindern. Von 1967 bis 1969 forschte sie an den Universitäten in Gießen und München. Deutsch hatte sie schon in den USA zu lernen begonnen, und Hochdeutsch war auch kein Problem für sie. Doch Bayerisch war ihr auch nach zwei Jahren ein Rätsel, schrieb sie in ihrer Autobiografie, in der sie vor allem vom Englischen Garten in München und von den Bergen schwärmte. Wangari Maathai war die erste ostafrikanische Frau, die einen Doktortitel erwarb, und später auch die erste Professorin in Veterinäranatomie. Aber das ging damals in ihrer Heimat unter.

Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland heiratete die damals 29-Jährige den aufstrebenden Politiker Mwangi Mathai. Der erste Versuch ihres Mannes, ins Parlament gewählt zu werden, misslang. Doch 1974 versuchte er es erneut. Wangari Maathai, schwanger mit dem dritten Kind, unterstützte ihn in seinem Wahlkampf. Er gewann den Wahlkreis Langaata, den heute Premierminister Raila Odinga hält. Nach der Wahl fragte sie ihn besorgt: „Was willst du mit all den Leuten tun, denen du Jobs versprochen hast?“ Seine Antwort lautete: „Das war der Wahlkampf. Jetzt sind wir im Parlament.“ Sie wandte ein: „Aber sie werden dich nicht wiederwählen.“ Er aber meinte: „Mach dir keine Sorgen. Sie werden sich nicht daran erinnern.“

Das sah Wangari Maathai grundsätzlich anders und versuchte, mit einer kleinen Firma, Envirocare, Jobs für Arme in den Gärten der Reichen zu schaffen. Das Unternehmen schlug zwar fehl. Doch es war Wangari Maathais erster Versuch, die wirtschaftlichen Probleme, die Kenia durch die Zerstörung seiner Wälder hervorgerufen hatte, durch das Pflanzen von Bäumen zu lösen. 1977 sollte daraus das Green Belt Movement hervorgehen. Wangari Maathai und die von ihr gegründete Frauenorganisation haben im Laufe der Jahre rund 40 Millionen Bäume in ganz Afrika gepflanzt. Und sie inspirierte damit 2006 die „Eine-Million-Bäume-Kampagne“ des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.

2002 haben die kenianischen Wähler Wangari Maathai für ihren Kampf um Demokratie und den Schutz der Umwelt belohnt. Sie wählten sie ins Parlament, nachdem sie 1997 erfolglos als Präsidentschaftskandidatin gegen Moi angetreten war. Der erste demokratisch gewählte Präsident des Landes, Mwai Kibaki, der eine Regenbogenkoalition gegen den von Moi gewünschten Nachfolger Uhuru Kenyatta führte, berief Maathai zur Vize-Umweltministerin. Zwei Jahre lang versuchte sie, ihre Ziele in der Regierung umzusetzen, stellte aber schnell fest, dass sie an Grenzen stieß.

Schon wieder Grenzen. Stets hatte sie mit solchen zu tun. Dass der Umgang mit ihr auch nicht ganz einfach war, hatte sich 1979 gezeigt. Die Ehe mit Mwangi Mathai war in die Brüche gegangen. Er hatte sie verlassen und verlangte die Scheidung. Nach dem damaligen kenianischen Recht musste einem der beiden Eheleute eine schwere Schuld, mindestens aber eine Affäre nachgewiesen werden, um eine Trennung auch rechtlich zu ermöglichen. Und Mwangi Mathai, der Parlamentsabgeordnete, machte seine Scheidungssache öffentlich. Er argumentierte, Wangari sei „zu gebildet, zu stark, zu erfolgreich, zu dickköpfig und zu schwer unter Kontrolle zu halten“.

Ein schöneres Lob hatte ihr vermutlich bis dahin niemand gemacht. Und Wangari entschied sich, „in Würde zu leiden“. Im Anschluss an die öffentliche Scheidung sagte sie in einem Interview, dass der Richter, der sie geschieden hatte, entweder korrupt oder ignorant gewesen sein müsse. Und schon fand sie sich wieder vor Gericht. Sie wurde zu sechs Monaten Haft verurteilt und augenblicklich eingesperrt. Die Zelle war überfüllt, das Dach undicht, und es regnete in Strömen. Wangari Maathai machte sich große Sorgen um ihre Kinder. Dass es später viele Bilder von Wangari Maathai geben würde, die sie ruhig, kontrolliert und ohne Angst zeigen, wie sie vor Polizeiketten steht, hat wohl auch mit dieser Erfahrung zu tun.

Nach ihrem Gefängnisaufenthalt war Wangari Maathai ohne Job, die Universität musste sie verlassen, ohne Haus und ziemlich verzweifelt. Ihre Rettung kam aus Norwegen. Die dortige Regierung war auf ihre Organisation, das Green Belt Movement, aufmerksam geworden und lotete Möglichkeiten zur Zusammenarbeit aus. Daraus wurde ein bezahlter Job für Maathai und der Beginn ihrer internationalen Karriere als Umweltschützerin.

2007, nachdem sie ihr Parlamentsmandat verloren hatte und 3000 Kenianer bei gewaltsamen Auseinandersetzungen um das Wahlergebnis starben, appellierte sie an die Vernunft des Präsidenten Mwai Kibaki und seines heutigen Premierministers Raila Odinga. Sie kritisierte im Gespräch mit dem Tagesspiegel aber auch, wohin deren Koalition das Land gebracht hatte: „Es gibt Leute, die kriegen nie genug.“ Wenige Tage später wurde sie zum letzten Mal in ihrem Leben mit Tränengas beschossen, während sie für eine friedliche Lösung des Konflikts demonstrierte.

In der Nacht von Sonntag auf Montag ist Wangari Maathai im privaten Nairobi Hospital gestorben. Auf der Homepage des Green Belt Movements heißt es, sie habe ihren „tapferen Kampf gegen den Krebs“ im Kreis ihrer Familie verloren. Die 71-Jährige hinterlässt zwei Söhne, eine Tochter und eine Enkeltochter. Der tansanische Präsident Jakaya Kikwete twitterte schon am Montagmorgen: „Eine großartige Frau, eine Inspiration für viele Frauen in ganz Afrika, eine große Visionärin und Verkörperung von Mut.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Maathai für ihre „Hartnäckigkeit“.

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