Zeitung Heute : Das Lager

Lichte Zellen, Sportplatz, Bibliothek – ein Mustergefängnis? Plötzlich ruft ein Häftling: „Hört auf zu lügen!“ Eindrücke einer Reise nach Guantanamo

Christoph Marschall[Guantanamo Bay]

Diese Expedition führt in eine surreale Welt. Voller Widersprüche und Absurditäten, weit weg von der Zivilisation. Oder gar an ihr Ende? Seit drei Stunden wackelt die kleine zweimotorige Propellermaschine von Florida aus über die Karibik. Der direkte Weg durch den kubanischen Luftraum ist nicht gestattet. In einem weiten Bogen nach Südosten hat sie die Bahamas überflogen, wo das Tiefblau des Meeres ab und zu in helles Grün changiert, ist zwischen Haiti und Kuba nach Westen geschwenkt und an der Südseite von Castros Insel gelandet: in Guantanamo Bay, seit über hundert Jahren US-Navy-Stützpunkt dank eines Vertrages mit unbegrenzter Laufzeit zwischen Kuba und den USA, der nur einvernehmlich beendet werden kann.

„Guantanamera“, das populäre Lied vom Mädchen aus Guantanamo, ist seit den 60er Jahren als kleiner Freiheitshymnus um die Welt gegangen. Heute ist der Ort Synonym für ein Gefangenenlager, das nach überwiegender Meinung in der Welt rechtswidrig ist. Rund 800 Gefangene waren seit 2002 hier, als feindliche Kämpfer oder mutmaßliche Al-Qaida-Terroristen aus Afghanistan, heute sind es noch 460. Entlassene haben über Misshandlungen geklagt. Schläge, Schlafentzug, stundenlanges Verharren in schmerzhaften Positionen, Demütigungen. Manche erheben sogar den Vorwurf der Folter. Der Oberste Gerichtshof der USA hat kürzlich geurteilt, auch in Guantanamo gelte die Genfer Konvention, doch das System der Gefangenschaft feindlicher Kämpfer hier hat er nicht beanstandet.

Hufeisenförmig öffnet sich die Bucht beim Anflug. Im Westen liegt der kleine zivile Airport, im Osten breiten sich Militärflugplatz, Hafenanlagen, Verwaltungstrakte und Wohnsiedlungen unter einem lang gezogenen Hügelrücken aus. Palmen säumen das Ufer, warme, weiche Luft umfängt die neun Passagiere: Bauleiter, Journalisten und Anwälte.

Nur zwei Chartergesellschaften haben Landegenehmigung. Ende April hatten wir den Antrag auf Besuchserlaubnis gestellt, einen langen Fragebogen ausgefüllt samt der Bitte, den „Bremer Taliban“ Murat Kurnaz, einen deutschen Gefangenen, zu sehen. Nach wenigen Tagen kam das Okay, doch es dauerte Wochen, bis Flüge frei waren. Kurnaz’ US-Anwalt Baher Azmy hat ein Schreiben verfasst, das den Besuch bei seinem Mandanten befürwortet. Die gängige Begründung gegen Gespräche mit Gefangenen lautet: Unerbetene Besuche verletzten deren Privatsphäre. Aber nun liegt ja das schriftliche Einverständnis seines Vertreters vor.

Alison, eine zierliche Navy-Reservistin Anfang 30 aus Kalifornien mit braunen Locken, und Jonathan, ein hoch aufgeschossener Junge aus Hawaii Anfang 20, holen uns ab. Vier Tage werden wir keinen Schritt unbegleitet tun, und nachts sollen wir die zweistöckige Doppelhaushälfte in einer der Wohnsiedlungen für Armeeangehörige nicht verlassen. Man glaubt sich in eine kalifornische Kleinstadt versetzt. McDonald’s, Shopping Mall, gelbe Schulbusse, gepflegte Vorgärten, Restaurants am Strand – 9500 Menschen leben hier, Zivilangestellte mit Familien bilden die Mehrheit, die meisten aus den Philippinen und Jamaika. Abends singen die Zikaden, die Wellen plätschern. Es ist eine unwirkliche Gegenwelt zu „Camp Delta“.

Das Gefangenenlager besuchen wir am nächsten Morgen. „Camp Delta“ liegt in einer Senke zwischen dem Meer und den ansteigenden Hügeln, es nimmt einige zehntausend Quadratmeter ein und ist unterteilt in die Camps 1 bis 5, erbaut seit 2002. In Camp 1 gilt „maximum security“, in Camp 4 können die Insassen sich relativ frei bewegen. Von einer Anhöhe hatten wir bei der Anfahrt die Struktur der Camps 1 bis 4 übersehen können: mehrere Reihen hintereinander gestaffelter, einstöckiger Baracken mit Entlüftungsschornsteinen. Camp 5 auf der Straßenseite gegenüber ist ein jüngerer zweistöckiger Betonbau nach dem Vorbild eines US-Hochsicherheitsgefängnisses. Stacheldrahtrollen und drei Reihen hoher Zäune umgeben die Komplexe, sie sind mit dunklen Matten verhängt, Wachttürme überragen das Gelände. Gehorchen solche Anlagen unabhängig vom politischen System einem immer gleichen effizienten Muster? Nazi-KZs oder Gulags kommen einem in den Sinn. Nur sind die Baracken hier aus weißem Metall.

Ein Hauptmann verstärkt die Medienbetreuer. Dan erinnert die kleine Truppe an die Auflagen: keine Gespräche mit Gefangenen, keine Fotos, die Gesichter oder Profile so zeigen, dass sie identifizierbar werden; keine Aufnahmen von Wachpersonal ohne Einverständnis, nicht einmal von unbemannten Wachttürmen.

Bilder von in Drahtkäfigen kauernden Gefangenen in orangefarbenen Overalls prägen das Image von Guantanamo. Aber in Camp 4, „medium security“, sind nur Insassen in Khakikleidung zu sehen. Ein Mann, grauer Vollbart, joggt vor einer Wohnbaracke auf und ab. Unter einem Dach sitzen fünf weitere Gestalten mit wallenden Bärten in weißen oder grauen Gewändern und Strickmützen. Sie unterhalten sich. Auf dem Sportplatz in der Mitte des Camps liegt ein Fußball, in einer Ecke stehen Tischtennisplatten. „Kettler, made in Germany“.

Jim stößt zu uns, ein drahtiger Zivilangestellter aus New Mexico, Baseballmütze, aerodynamische Sonnenbrille. Er beobachtet die, die fotografieren oder filmen. Er sagt, welche Einstellungen erlaubt sind. Es sind kurze Wortwechsel, manchmal makaber. Wie filmt man Gefangene, ohne die Regeln zu verletzen? „Schneidet ihnen die Köpfe ab!“, sagt Jim. „Ich meine, filmt sie vom Hals abwärts.“

In Camp 1, „maximum security“, führt der Vizekommandant des Lagers Musterzellen in einem leeren Block vor. Oberstleutnant Mike, 42, Basketballer-Statur, gehört der Nationalgarde in Maryland an. Die Zellen sind zwei Meter lang, zwei breit, 2,70 hoch, das „Bett“ schwebt in Hüfthöhe neben der Tür: ein Schaumstoffpolster auf einer gemauerten Ablage. Unter dem Fenster ein Abtritt, in der Ecke ein winziges Waschbecken etwas über Kniehöhe. Das sei keine Schikane, sondern solle den Muslimen die religiös gebotene Fußwaschung erleichtern.

Auf dem Bett ist die jedem Häftling zustehende Grundausstattung ausgebreitet: der Koran, Handtuch, Seife, Bettlaken, Hose und Hemd in Orange, Badelatschen. Als Zahnbürste dient ein fingerhutähnlicher Aufsatz aus Kunststoffborsten. Schwarze Pfeile weisen die Richtung nach Mekka fürs Gebet. In der Nachbarzelle führt der Begleiter dann die „comfort items“ vor, Belohnung für Wohlverhalten und Kooperation: Gebetsteppich, Gebetsschnur, weiße Strickmütze, Kleidung in Weiß oder Khaki, Tennisschuhe, Brett- und Kartenspiel, Bücher. Über 4000 Bände verfüge die Lagerbibliothek, sagt er, am populärsten sei Harry Potter. Auch eine ganze Rolle Klopapier gilt als Komfort – und eine Decke, in die sich die Muslime hüllen, wenn sie den Abtritt benutzen. Ihr Schamgefühl sei größer, meinen die Medienbetreuer. Aber die Wände zwischen den Zellen sind aus einem durchsichtigen Metallgeflecht. Wem wäre das nicht peinlich?

Insgesamt fasst der Block 48 Zellen. Eine Wandzeitung berichtet in Arabisch, Paschtu und Farsi von Neuigkeiten aus der islamischen Welt. Auch ein gelber Kegel steht bereit, angeblich um die Wachen fünfmal am Tag zu den Gebetszeiten zu warnen, jetzt besondere Rücksicht zu nehmen. Und wirklich ist mehrfach am Tag das kollektive Gebet zu hören; Entlassene dagegen hatten behauptet, Wachen hätten den Koran in Toiletten gestopft.

„Wir sind hinter dem Zeitplan her!“ Man mahnt zur Eile. Medienbesuche stören den normalen Betrieb, verzögern die Gefangenentransporte zu Verhören, zur Krankenstation, zum Gespräch mit Anwälten. Das Tempo dieser Führungen ist hoch, es geht viel zu schnell, um die Eindrücke hinterfragen zu können. Sind es Fassaden? Wäre es angemessen, in der Orwell’schen Dimension von totaler Überwachung zu denken, besonders drüben in Camp 5? Der zweistöckige Hochsicherheitstrakt für 100 Gefangene wurde 2003/04 gebaut: vier Flügel, die per Kamera von einem Kontrollraum aus überwacht werden. Auch die Zellentüren lassen sich ferngesteuert öffnen und schließen. „Tour cells“, Zellen für die Führung, steht über den Räumen, die man uns zeigt. Plötzlich dringen Rufe aus einer Zelle weiter hinten: „Hört auf zu lügen! Es gibt hier Kranke ohne Zugang zu Medikamenten.“ Eilig werden wir hinauskomplimentiert.

Es gibt mehrfach Hinweise auf diese Welt, die wir nicht zu sehen bekommen. Warum zum Beispiel würden einem Gefangenen die „comfort items“ wieder aberkannt? Wenn er sich Wachen widersetzt oder mit „Cocktails“ aus Exkrementen, Urin, Wasser und Blut wirft, sagt Hauptmann Dan. Im Mai gab es einen regelrechten Aufstand in Camp 4: eine Reaktion auf missglückte Selbstmordversuche mit Überdosen gehorteter Medikamente in Camp 1, erzählt Oberstleutnant Mike. Die Gefangenen machten den Boden eines Gemeinschaftsraumes mit Exkrementen glitschig und griffen Wachen mit Ventilatorblättern und Glühbirnen an.

Zwei Welten prallen aufeinander: Presseoffiziere, die zeigen wollen, dass die Guantanamokritiker draußen sich ein völlig falsches Bild machen. Und Journalisten, die misstrauisch nachfragen. Der Chef des Lagerkrankenhauses, Hausarzt von Beruf, wenn er nicht gerade Reservedienst leistet, sagt, dass die Insassen hier medizinisch besser versorgt seien als je in ihrer Heimat. Er ist mittelgroß, hat ein rundliches Gesicht und einen grauen Scheitel, er wirkt gutmütig und aufrichtig. Seinen Namen sollen aber wir nicht veröffentlichen, auch nicht seinen Heimatort. Er will seine Familie nicht der Gefahr von Racheakten aussetzen. Zwischen 19 und 71 Jahren alt seien die 460 Gefangenen, an keinem habe er Zeichen von Misshandlungen festgestellt, sagt er. Der Verdacht, er könne mit Folterern unter einer Decke stecken, scheint ihm gegen die Ehre zu gehen.

Und die Zwangsernährung Hungerstreikender? Der Arzt hat die Frage wohl erwartet. Er zeigt dünne Plastikschläuche, die durch Nase und Rachen in den Magen geschoben werden. Infam, sagt er, sei der Vorwurf, Gefangene würden mit der Einführung schmerzhaft dicker Schläuche bestraft, gar gefoltert „Die Aufgabe von Ärzten ist nicht, einen Hungerstreik zu brechen, sondern Leben zu retten.“

Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Guantanamo zeigt keiner der Soldaten, weder im Dienst noch abends beim Bier. Ob es in der Anfangszeit Übergriffe gegeben habe? Das können sie nicht sagen. Die meisten Militärs werden nach 13 Monaten abgelöst, schon um den Inselkoller zu vermeiden. Sie wundern sich, dass viele in Europa den Anschuldigungen Ex-Gefangener bereitwillig glauben. Für sie ist klar: Alle, die in Guantanamo sitzen, sind in Afghanistan auf dem Schlachtfeld aufgegriffen worden, ausnahmslos. Aber empfinden sie nie Mitleid mit den Gefangenen? Dann stockt das Gespräch kurz. „Ich versuche, es möglichst professionell zu halten“, sagen die meisten. Lieber reden sie übers Fischen in der Freizeit, über die „Yellowtail“-Thunfische, die sie grillen.

In einem Besprechungsraum sitzt Lagerkommandant Harry Harris vor den Flaggen der Navy und der USA. Im Interview gibt er sich völlig frei von Zweifeln. Nicht einmal bei der Frage, ob es ihn schmerze, dass die Welt das Unrecht von Guantanamo jetzt mit seinem Namen verbinde, lässt er irgendeine Regung erkennen. In rund 30 Dienstjahren ist der Admiral zum Medienprofi geworden. Unbeirrt verteidigt er die Linie der Bush-Regierung: Wir sind im Krieg, sagt er. Und: Nach internationalem Recht ist es völlig legitim, feindliche Kämpfer festzuhalten, bis der Krieg vorüber ist. Die USA gäben den Gefangenen mehr Rechte als die Genfer Konvention verlangt – freiwillig.

Der dritte Tag beginnt mit den vielleicht tröstlichsten Bildern der Reise: Ein Teil von Guantanamo ist bereits geschlossen, und binnen weniger Jahre hat das tropische Klima Camp „X-Ray“ zurückerobert. Aus diesem provisorischen Lager stammten jene ersten Bilder, die bis heute um die Welt gehen: orange gekleidete Gestalten in Drahtkäfigen, die unter stechender Sonne knien. Camp „X-Ray“ wurde aber schon 2002 aufgegeben. Kletterpflanzen bedecken die Wände, gelbe Blüten sprießen aus Stacheldrahtrollen. Warum werden Guantanamo-Berichte bis heute mit den Drahtkäfigbildern illustriert, fragen die Begleiter? Wirklich nur aus Unwissen? Oder als antiamerikanische Propaganda?

Am Nachmittag steht ein Haftprüfungstermin an. Seit 2004 wird jährlich kontrolliert, wer weiter als feindlicher Kämpfer einzustufen sei. 2005 waren es noch 330. 14 wurden zur Freilassung vorgesehen, 190 zur Übergabe an Gefängnisse im Heimatland. Sie nennen es eine unabhängige Überprüfung, aber es sind ausschließlich Militärs, die alle wichtigen Parts übernehmen. Drei Offiziere fungieren als Richter, hinter ihrem Pult hängt die Flagge. Ein Offizier trägt das Belastungsmaterial vor, ein weiterer gibt den Rechtsbeistand des Gefangenen. Heute geht es um einen Saudi Mitte 30 mit schwarzem Vollbart, in Khaki gekleidet, schwarzes Strickkäppi. Seine Hände stecken in Handschellen, die Fußfesseln sind an einem Metallring im Boden fixiert. Aufmerksam hört er der Arabisch-Dolmetscherin zu, blickt die junge Frau aber nie direkt an.

Respektvoll und freundlich geht der Vorsitzende mit ihm um. Ist das Theater? Als „geheim“ klassifizierte Erkenntnisse kommen in der Verhandlung nicht zur Sprache. Und werden dem Gefangenen auch nicht mitgeteilt, obwohl sie doch entscheidend sein könnten bei seiner Einstufung. Unstrittig ist: Der Ex-Angestellte des saudischen Religionsministeriums hatte sich 2000 entschlossen, in den Heiligen Krieg zu ziehen, kam nicht nach Tschetschenien durch, so ging er nach Afghanistan, um für die Taliban zu kämpfen. Eine gute Stunde vergeht mit Wortwechseln über die Reiseroute durch den Iran, Motivation und Gefährten, ehe man zum entscheidenden Punkt kommt: War der Gefangene Taliban, feindlicher Kämpfer, oder Al Qaida, Terrorist? Er erhielt sein Training in Al Farouqi, das bestreitet er nicht. Nach US-Erkenntnissen war Al Farouqi ein Al-Qaida-Lager, der Gefangene behauptet, er habe das nicht gewusst. Ist das glaubhaft? In einer Sitzungspause müssen wir gehen – der Zeitplan.

Nach vier Tagen Guantanamo bleiben Zweifel: Was darf man glauben? Was von den Misshandlungsvorwürfen, was von der Welt, die die Militärs zeigen? Das Lager ist in den letzten Jahren modernisiert worden: geräumigere Zellen, mehr Freizeiteinrichtungen, wohl auch mehr Rücksicht auf die Religion. Aber was geht hinter den Kulissen vor? Die Bitte um ein Treffen mit dem Bremer Taliban wurde mit Schweigen übergangen. Und was ist mit Präsident Bushs Ankündigung, Guantanamo bald zu schließen?

Es gab seit zwei Jahren keine Neuzugänge in Guantanamo Bay. Und doch investiert das Pentagon gerade Millionen in ein neues Camp. Camp 6.

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