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Der Tagesspiegel

Von Heiko Schwarzburger

Was unterscheidet eine Privatschule von einer öffentlichen Schule? Welches Bundesland hat die jüngsten Lehrer? Welches schafft es, das meiste Geld von der Deutschen Forschungsgemeinschaft einzutreiben? Auf solche und noch viele andere Fragen gibt der sechste Band des „Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland" Auskunft, der in diesen Tagen erscheint. Sein Thema: Bildung und Kultur.

In anderen Ländern stehen Nationalatlanten seit langem in den Bücherregalen der meisten gebildeten Familien. Skandinavische Lehrer verwenden die Atlanten im Untericht. Obwohl Schweden nur rund acht Millionen Einwohner hat, erschien der schwedische Nationalatlas in einer Auflage von mehreren zehntausend Exemplaren. Der schweizer Bundespräsident war sich nicht zu schade, im eidgenössischen Fernsehen dafür zu werben, den Nationalatlas im Schulunterricht zu verwenden. Kein Wunder, dass Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der dem Werk als Schirmherr zur Seite steht, voll des Lobes für das groß angelegte Projekt ist: „Nach 50 Jahren Bundesrepublik Deutschland und zehn Jahren Wiedervereinigung ist der Nationalatlas mehr als überfällig."

Allerdings ist die Popularität solcher großen Sammelwerke in Deutschland „ein vorerst unerreichbares Ziel", wie der Herausgeber, der Geograph Alois Mayr vom Leipziger Institut für Länderkunde, sagt. Die Auflage liegt erst bei 2000 Stück. „In Deutschland gibt es keine Tradition für solche Atlanten, weil das Land so lange geteilt war und kaum ein Nationalbewusstsein entwickelt ist."

Nationalatlanten sind nicht mit Reisekarten vergleichbar. Die 500 deutschen Wissenschaftler, die an dem auf 12 Bände ausgelegten Projekt beteiligt sind, wollen mit Karten und Grafiken die Verteilung der Bevölkerung, von Ressourcen in Deutschland oder die Wirtschaftskraft anschaulich zu machen.

Von Schule bis Renten

So ist im neuen Nationalatlas zu Bildung und Kultur in Deutschland dargestellt, was die verschiedenen Regionen für ihre jüngsten Landeskinder tun. Auf großformatigen Karten kann der Leser auf einen Blick erkennen, wie sich die Geburtendichte und die Versorgung mit Kindergartenplätzen über die Landkreise verteilt, wie es um das gymnasiale Bildungsangebot steht oder wie viele Grund- und Privatschulen es gibt. Ein Abschnitt widmet sich dem Lehrpersonal an allgemeinbildenden Schulen, seiner Altersstruktur und den Neueinstellungen. Im Kulturteil des Bandes beleuchten die Autoren die aktuelle Situation von Theatern, Kinos, Museen und der Filmbranche, stellen Kirchen und Baustile vor.

„Unser Hauptproblem ist, die Materialfülle kartographisch so anschaulich darzustellen, dass auch und gerade Laien mit dem Nationalatlas umgehen können", sagt Alois Mayr. Bis 2004 sollen alle zwölf Bände erhältlich sein, sowohl in einer Druckausgabe als auch als CD-Rom. Das meiste, was sich über Deutschland statistisch sagen lässt, ist dann für jeden leicht greifbar. Die Forschung für den Nationalatlas wird zur Hälfte vom Bund und vom Freistaat Sachsen getragen. Der „Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland" hat aber mittlerweile zahlreiche weitere Förderer gefunden, darunter die Thyssen-Stiftung, die „Zeit“-Stiftung und die Stiftung Mercator. In einem Beirat stehen dem Leipziger Institut Bundesämter und Institutionen zur Seite.

Golfplätze und Kleingärten

Es ergibt sich ein Mosaik der gesamten deutschen Infrastruktur in Bild und Text. So zeigt der erste Band zu „Gesellschaft und Staat" deutsche Gerichtsstandorte, und der Leser erfährt, in welchen Landesteilen die Bevölkerung besonders alt ist oder wo Deutschlands Wirtschaftskräfte geballt sind. Im zweiten Band „Freizeit und Tourismus" weisen die Karten die Anzahl der Gästebetten in Hotels, Golfplätze, Sportanlagen, Kleingärten und Nationalparks aus. Im Band „Verkehr und Kommunikation" geht es auch um die beliebtesten Ferienziele der Deutschen. Wenig Bekanntes zum Mobilfunk oder zu Telearbeitsplätzen wurde aufgearbeitet. In Vorbereitung befinden sich die Bände „Dörfer und Städte", „Relief, Boden und Wasser" und „Arbeit und Lebensstandard".

Der „Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland" erscheint bei Spektrum Akademischer Verlag. Band 6: Bildung und Kultur, ISBN: 3-8274-0947-0, Preis: 84 Euro, im Internet: www.spektrum-verlag.de

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