Zeitung Heute : Das Land im Inneren

Auf dem Tempelberg beten auf Knopfdruck Muslime, an der Klagemauer Juden. Die Soldaten verweigern ihren Dienst. In einem Freizeitpark nahe Jerusalem erscheint Israel, wie es 60 Jahre nach dessen Gründung nicht ist: beherrschbar, friedlich. Unschuldig ist das nachgebaute Land aber nicht – es hält viele Erinnerungen wach

Anna Kemper[Jerusalem]

Als der Soldat sie um sieben Uhr morgens an der Schranke durchlässt, ist Rakefet Greenberg in Israel angekommen. Sie macht sich auf, in den Norden, sie fegt Haifas Straßen und wischt Staub von einem roten Auto am Straßenrand. In Akko und auf den Golanhöhen ist alles sauber. Am See Genezareth hilft sie einem Mann auf, der vor dem Grab von Rabbi Meir hingefallen ist. Weiter, nach Jerusalem, ein bisschen Müll liegt im Garten des Präsidentenhauses und vor der Klagemauer. In Eilat am Roten Meer rückt Rakefet Greenberg die Stühle vor einem großen Hotel zurecht, in Tel Aviv sammelt sie auf dem Rothschild-Boulevard ein paar Kieselsteine auf. Dann ist sie fertig.

Jeden Morgen putzt Frau Greenberg Israel, sie braucht etwa eine Stunde. Sie arbeitet in „Mini-Israel“, einem Freizeitpark zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Das kleine Land ist hier noch viel kleiner, eine Miniatur, in zwei Stunden ist alles gesehen: das heilige Israel mit seinen Kirchen und Synagogen und Moscheen und unzähligen Gräbern; das moderne Israel, seine Staatsbauten, Strandpromenaden und Industrieanlagen. Und wenn Rakefet Greenberg saubergemacht hat, dann liegt über „Mini-Israel“ etwas, was Israel 60 Jahre nach seiner Staatsgründung fehlt: Frieden.

„Mini-Israel“ ist ein Sehnsuchtsland, in dem alle Probleme klein und beherrschbar zu sein scheinen wie die nachgebildeten Bauten. Und doch erfährt man an einem Tag dort, was der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern mit diesem Land gemacht hat, es kommen ja ganz normale Menschen. Religiöse und säkulare Juden, Muslime, Soldaten, Touristen. Sie haben ihre Bilder, Geschichten und Erinnerungen im Kopf, die sich nicht am Eingang abgeben können. Deshalb geraten manchmal die perfekte Mini-Welt und die Realität durcheinander. Dann werfen die Besucher Steine auf die winzigen Figuren der betenden Muslime auf dem Tempelberg. Inzwischen sind sie mit Plexiglas geschützt, die einzigen geschützten Figuren im Park. Auch das Haus des Präsidenten beschädigt, dann muss Rakefet Greenberg am nächsten Morgen einiges zurechtrücken und kleben. „In diesem Land,“ sagt sie, „gibt es eben keine normalen Menschen, wir streiten uns über alles.“

Die ersten Besucher an diesem Vormittag kommen aus einem Kindergarten aus Cholon. Die Kleinen laufen voran, die Eltern hinterher. Ido Ochajon ist einer der Väter, die Ärmel seines T-Shirts spannen sich um enorme Oberarme, seine kurzen schwarzen Haare sind gegelt, er trägt eine verspiegelte Sonnenbrille und am Gürtel eine Pistole. Er heißt nicht Ido Ochajon, aber seinen richtigen Namen möchte er nicht sagen, denn er ist beim Militär, Grenzschutz. Die Pistole trägt er seit 15 Jahren, er hat sie benutzt, nie hat er sie zu Hause gelassen, auch nicht beim ersten Rendezvous mit seiner Frau.

Wieder geht es durch Haifa, von dort steigt der Weg leicht an zu den Golanhöhen. Ido Ochajon mag den Golan, sein Wasser, sein Grün. In dem Jahr, in dem er geboren wurde, 1973, kämpfte sein Vater dort gegen die syrische Armee im Jom-Kippur-Krieg. Der Angriff Ägyptens und Syriens traf das Land unvorbereitet und am höchsten jüdischen Feiertag. Zum ersten Mal schienen die israelischen Streitkräfte besiegbar.

33 Jahre später war Ido Ochajon im Golan im Libanonkrieg, gegen die Hisbollah, die den Norden Israels mit Raketen beschoss. Ido Ochajon dreht sich um, blickt hinunter auf Haifa, auf das kleine Modell der Bahnstation. Direkt daneben schlug damals eine Rakete der Hisbollah ein, acht Menschen starben.

Was er erlebt und gesehen hat in diesem Krieg, darüber redet er nicht, nicht mit seinen Kameraden, nicht mit seiner Frau. Einige seiner Freunde wurden getötet, sagt er. „Soldaten sterben eben.“ Er zeigt nach rechts, am Weg steht ein Denkmal für Joseph Trumpeldor, einen Zionisten, der 1920 sein Dorf gegen Araber verteidigte und sein Leben ließ. „Es ist gut, für sein Land zu sterben“, das ist Trumpeldors berühmter Satz, lange hing er in israelischen Schulen. Jetzt, sagt Ido Ochajon, ist er ausgetauscht „gegen irgendwas Religiöses“. Er hätte den Satz dort gelassen. „Wir Juden haben nur Israel, und dafür müssen wir kämpfen, immer.“ 1948 im Unabhängigkeitskrieg, sagt Ochajon, sei gerade dieses Gebiet am Fuße der Jerusalemer Berge, wo Mini-Israel liegt, hart umkämpft gewesen.

Ochajon ist ein Mizrachi, ein orientalischer Jude, seine Eltern kamen kurz vor der Unabhängigkeit nach Israel, aus Casablanca, Marokko. Sie waren dort wohlhabend. Sie verließen Marokko nicht aus Angst, der König sei gut zu den Juden gewesen, sagt Ochajon, „aber Israel war für sie das Paradies“. Im Paradies wurden seine Eltern mit DDT desinfiziert, wie viele Immigranten damals, aus Angst vor Krankheiten. Sie lebten lange in einem Camp, es gab nicht genug Wohnungen. Aber zurückgegangen wären seine Eltern niemals. In Israel zu leben war die Erfüllung ihres Traumes.

Pause. Den Norden hat die Kindergartengruppe hinter sich gelassen, das halbe Land ist durchschritten. Ein politisch korrektes Land. Der Park hat nicht die Form Israels. Wie hätte man sich für eine Form entscheiden sollen: mit Westjordanland oder ohne, mit Gazastreifen oder ohne, mit Golanhöhen oder ohne? Welche Grenzen Israel haben soll, darüber gibt es in Israel keinen Konsens, alles wäre falsch gewesen. Also sieht der Park von oben aus wie ein Davidstern, in jeder Zacke liegt eine Region.

Ido Ochajons Tochter Ofek isst ein Eis, er raucht eine Zigarette, er hält immer ein bisschen Distanz zu der Gruppe, als wolle er den Überblick nicht verlieren. Seine Frau ist schwanger, wahrscheinlich ein Junge. „Aber was ist schon sicher“, sagt er. Er blickt auf den Park, von hier sehe alles so schön aus. In Wirklichkeit seien da viele traurige Erinnerungen. Und ein paar Gebäude, die man mal neu streichen könne.

In „Mini-Israel“ gibt es keine Mauern, die vor Selbstmordattentätern schützen, es gibt auch keine Figuren mit Sprengstoffgürteln. Keine Siedlungen auf palästinensischen Boden, keine Besatzer. Doch im Kopf ist immer das ganze Bild: Am Grab von Abrahams Frau Rachel, einem jüdische Heiligtum, sieht Ido Ochajon die Sperrmauer, die das Westjordanland von Israel trennt. An dieser Stelle soll sie die jüdischen Pilger vor Angriffen der Palästinenser schützen, das Grab liegt hinter der grünen Linie von 1967, auf palästinensischen Gebiet.

Direkt daneben steht ein Modell von Hebron, heilige Stätte für Juden und Muslime. Ido Ochajon denkt daran, wie 1929 die Araber die Juden gewaltsam aus der Stadt vertrieben, und wie 1994 ein radikaler jüdischer Siedler 29 betende Muslime in der Moschee erschoss. Manchmal denkt er auch an die Zeit vor der zweiten Intifada, als es ruhig war, und er mit seinem Vater ins Westjordanland fuhr, um Hummus, arabischen Kichererbsenbrei, zu essen. Der Frieden schien nahe, sagt Ido Ochajon, bevor Jitzchak Rabin von einem jüdischen Extremisten erschossen wurde, 1995, vor dem Rathaus in Tel Aviv. Ochajon blickt auf den Platz vor dem Rathaus, der heute Rabin-Platz heißt. Seine Hoffnung auf einen Frieden durch Verhandlungen seien damals gestorben. Vor einem großen Frieden, sagt er, werde es einen großen Krieg geben.

An einem langen Tag kommen über 1000 Menschen in dieses Modellland, wie im richtigen Land suchen sie alle die Orte, die für sie besondere Bedeutung haben. Eine Gruppe von über 200 spanischen Pilgern, die jedes Jahr die christlichen Stätten besuchen, sieht sich die Kirche am See Genezareth an. Tamar, eine orthodoxe Jüdin, die aus Sarajevo nach Israel eingewandert ist, zeigt ihrem kleinen Sohn die Klagemauer. Eine Schulklasse arabischer Israelinnen, mit Baseballmützen über den Kopftüchern und glitzernden Sonnenbrillen, lässt sich vor der Al-Aksa-Moschee fotografieren.

Die kleine Figuren, die das künstliche Land bevölkern, geraten nie durcheinander. Die Muslime auf dem Tempelberg beten nur auf Knopfdruck, wie auch die Juden an der Klagemauer. Doch je länger man Zeit in Mini-Israel verbringt, desto mehr scheinen all diese ferngesteuerten Elemente auf eine seltsame Art etwas über das Land zu sagen. Die Autos, die aus der Spur, auf der sie fahren, nicht ausbrechen können. Die Figuren, die fest verwachsen sind mit dem Boden, auf dem sie stehen. Die Minisoldaten, die in der Offiziersschule in der Wüste Negev zum Marschieren bereit stehen und trotz Knopfdruck einfach stehenbleiben, so als seien sie des Kämpfens müde. Das Flugzeug, das auf dem nachgebauten Flughafen eine Runde nach der anderen dreht, und darauf wartet, abheben zu können.

Vor dem Haus am Rothschild-Boulevard in Tel Aviv, in dem David Ben Gurion vor 60 Jahren die Unabhängigkeit verkündete, stehen auch kleine Figuren. Es sind Nachbildungen von Rakefet Greenbergs Kindern, sie grüßt sie jeden Morgen, wenn sie den Boulevard mit dem Pinsel fegt. 60 Jahre, natürlich sei das ein Grund, groß zu feiern, sagt sie.

Gerade gibt es wieder einmal einen schweren Korruptionsverdacht gegen Premierminister Ehud Olmert. Weil das Land unbeschwert sein soll am Unabhängigkeitstag, wollen die Staatsanwälte vorher keine Details bekanntgeben. Rakefet zuckt mit den Schultern. Gegen Ariel Scharon gab es doch auch Korruptionsvorwürfe, Rabin musste wegen eines illegalen Kontos in seiner ersten Amtszeit zurücktreten. Sie kämen doch alle immer wieder zurück, Netanjahu und Peres und Barak und früher Scharon und Rabin. Ihr sei Politik egal, es ändere sich doch nichts.

Am späten Nachmittag trinkt Nasri Halawani im Café des Parks einen dunklen süßen Kaffee. Er wartet auf seine Kunden, die er mit dem Taxi zurück nach Jerusalem fahren wird. Halawani ist Palästinenser, er wohnt in Ostjerusalem, gleich neben der Maria-Magdalena-Kirche. Er hat sich im Modellland den Strand von Tel Aviv angesehen und den Tempelberg, auf dem er jeden Freitag betet. Auf dem Weg hierher ist er an unzähligen israelischen Fahnen vorbeigefahren, alle Straßen sind weißblau geschmückt. Halawani wird nicht feiern. Für die Palästinenser ist der Tag die „Nakba“ die Katastrophe, Tag der Vertreibung aus ihren Dörfern im Unabhängigkeitskrieg von 1948.

In Israel, hatte Ido Ochajon vormittags gesagt, ist es schön, aber wenn du genau hinsiehst, dann trägt auf beiden Seiten jeder Trauer in sich.

Es wird dunkel, der Staub, den die Besucher aufgewirbelt haben, liegt auf „Mini- Israel“, Spuren der Wirklichkeit, die die Menschen in diese Welt hineingetragen haben. Er wird liegen bleiben über Nacht. Bis Rakefet Greenberg kommt und Israel wieder vom Staub befreit.

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