Zeitung Heute : Das Land macht süchtig

Eine faszinierende, unberührte Natur und Gastfreundschaft, die noch von Herzen kommt, entschädigt für mangelnden Komfort

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Von Elke Windisch Es glänzt und glitzert wie flüssiges Gold, wenn die Sonne sich in den metallbedampften Glasfassaden der Hochhäuser spiegelt. Kühne Bauten von kühler Eleganz, gewagte Konstruktionen, ungewöhnliche Formen. Schönheit, die als solche nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist. Hätte Dschingis Khan, der für die Geschichte Kasachstans eine ähnliche herausragende Bedeutung hatte wie für die benachbarte Mongolei 800 Jahre später gelebt, er würde seine Hauptstadt Karakorum mit ähnlich aggressivem Glamour hochgezogen haben wie Präsident Nursultan Nasarbajew die neue Metropole Kasachstans: Astana.

Vor knapp einem Jahrzehnt noch ein gottverlassenes Nest, das Zentrum eine Sammlung von Geschmacksverirrungen russischer und später sowjetischer Provinzarchitekten mit schmalem Budget, hat Astana sich inzwischen zu einer modernen Großstadt mit knapp einer halben Million Einwohner gemausert. 1837 als Akmolinsk – wörtlich übersetzt: Weißes Grab – von den Russen als Festung gegründet, um die Aufstände der Kasachen gegen die Fremdherrschaft niederzuknüppeln, wurde die Stadt in der Chruschtschow-Ära in Zelinograd umbenannt und Zentrum der Neulandgewinnung, russisch Zelina. Vor allem aus ethnischen Russen bestanden auch die Arbeitskolonnen, die der Kommunistische Jugendverband in die Steppen Nordkasachstans entsandte, um dort Weizen anzubauen. Das Ergebnis: Deutliche russische Bevölkerungsmehrheiten, weshalb Kasachstan nach der Unabhängigkeit 1991 die Hauptstadt in den Norden verlegte.

Die alte Hauptstadt Almaty – Vater der Äpfel – malerisch am Fuß hoher Berge gelegen, ist jedoch mit knapp 1,2 Millionen Einwohnern als noch immer größte Stadt des Landes wichtiger Wirtschaftsstandort, vor allem aber kulturelles Zentrum. Besiedelt schon vor unserer Zeitrechnung, gehörte Almatu, wie die Stadt damals hieß zum Fürstentum der Saken, einem rätselhaften Reitervolk aus Innerasien, deren Flucht vor den Hunnen im frühen Mittelalter im heutigen Iran zum Stehen kam. Zu Unrecht sind sakische Goldarbeiten weniger bekannt als die der Skythen. Die berühmtesten Funde aus Hügelgräbern in der Nähe von Almaty sind heute dort im Archäologischen Museum zu besichtigen. Absolutes Highlight: der altyn adam, der goldene Mann, die vollständig erhaltene, reich verzierte Rüstung eines sakischen Fürsten. Sehenswert auch das Ykylas-Museum der Volksmusikinstrumente und das historische Heimatmuseum.

Die meisten Kasachstan-Reisenden kommen noch immer nur bis Almaty und Astana sowie deren unmittelbarer Umgebung. Dabei hat das Land – so groß wie halb Europa und landschaftlich unendlich vielgestaltig sehr viel mehr zu bieten. Konventionelle Pauschalreisende, an vollklimatisierte Reisebusse, Vier-Sterne-Herbergen und immer eine Handbreit Beton unter den Stiletto-Absätzen gewöhnt, sollten um Kasachstan allerdings einen weiten Bogen machen. Die Unterkünfte sind oft spartanisch, selbst geländegängige Jeeps als Fortbewegungsmittel nur bedingt tauglich. Die schwierigsten Streckenabschnitte werden daher hoch zu Ross, mitunter auch zu Kamel bewältigt. Entschädigt für mangelnden Komfort wird der Kasachstan-Reisende überreichlich: mit faszinierender, unberührter Natur und Gastfreundschaft der Bewohner, die noch von Herzen kommt und zur Alltagskultur der Nomaden gehört. Gäste schickt Allah nur dem, der sie verdient hat. Beim Abschied geleiten die Besitzer der weißen Jurten ihre Gäste häufig selbst bis zur Grenze ihres jeweiligen Weideplatzes. Und die Töchter der Familie, zu Ehren der Ankömmlinge in Festtracht gesteckt, erfreuen selbst auf den gottverlassensten Rastplätzen am Rande der Wüste, wohin sich noch nie ein Ausländer verirrte, die Gäste mit Liedern.

Wüsten- und Steppen-Safaris, Trecking im Hochgebirge, sogar Meer, wenn man den Kaspi-See, der eigentlich das weltweit größte Binnengewässer ist, diesen Status zubilligt, reisen über den kasachischen Abzweig der alten Seidenstraße: Kasachstanreisende stehen vor der Qual der Wahl und können überhaupt nicht verstehen, dass drei Wochen Urlaub immer so schnell um sind. Das Land ist wie eine harte Droge, macht süchtig, wer ein Mal hier war, kommt immer wieder.

Kasachstan-Einsteigern sei ein Besuch im Reservat Aksu-Zhabagly empfohlen. 1926 gegründet und damit ältester Nationalpark Zentralasiens, präsentiert sich das über 850 Quadratkilometer große Gelände zu jeder Jahreszeit in einem anderen Gewand. Vor allem aber: Reisende können sich hier bei minimalem Zeitaufwand einen maximalen Eindruck von den vielgestaltigen Landschaften und der grandiosen Natur verschaffen.

Im äußersten Süden Kasachstans gelegen, wird der Nationalpark von einem Hochgebirgskamm des Tien-Schan, dem Turkistan Alatau, und dem Karatau, einem in Steppe und Wüste hineinragenden Mittelgebirgsausläufer begrenzt. Die höchst unterschiedlichen Landschaftsformen bringen einen großen Artenreichtum an Tieren und Pflanzen hervor.

Zahlreiche Urformen bekannter Gartenblumen stammen von hier, darunter zwei berühmte Tulpenarten, Lilien, Krokusse, Blausterne, Schachblumen. In den Tälern wachsen Mandel- und Pistazienbäume. Von den 238 im Reservat beheimateten Vogelarten sind neun in der Roten Liste Kasachstans als vom Aussterben bedroht eingetragen: Steinadler, Bartgeier, Paradiesfliegenschnäpper und die Bachpfeifdrossel, der „blaue Vogel“ der Legenden.

Der Ort Zhabagly, ein grünes Dorf von 1500 Einwohnern, in dem auch die Verwaltung das Reservats ihren Sitz hat, ist idealer Ausgangspunkt für Wanderungen, Ausritte und Jeeptouren mit einem Radius von 250 Kilometern. Bei Bedarf sachkundig geführt von Shenja und Ljuda, einem Ornithologen und einer Botanikerin, die auch ein hübsches Gästehaus mit ausgezeichneter Küche (Zhenjas & Ljudas boarding house) betreiben. Ein Muss bei einem mehrtägigen Aufenthalt: Abstecher in die Karatau-Berge, Ausflüge in die Wüsten Mojynkum oder Kyzylkum, vor allem aber zu den Steppenseen, im Frühjahr und im Herbst Rastplatz für Tausende von Zugvögeln.

Jedes der vielen Täler, durchzogen von wilden Flüssen, die sich tief in den Fels geschnitten haben, ist einzigartig schön. Absolutes Highlight: Der Canyon des AksuFlusses mit seinen schroffen Karstgebilden, Höhlen und Wasserfällen. Übernachtet wird bei Mehrtagestouren in einem Feldlager auf 1800 Meter Höhe, in einem Häuschen sowie in Jurten. Dusche und Toilette sind vorhanden. Feinschmecker brauchen auch in dieser Höhe auf nichts zu verzichten.

Auf ihre Kosten kommen auch Bildungsbürger: Von Zhabagly aus sind die markantesten Punkte der kasachischen Seidenstraße bequem erreichbar: die legendäre Grabmoschee Hodscha Achmed Jassawi in Turkestan, oder die Ruinen von Sauran und Otrar, einst blühende Städte der Kiptschaken, Anfang des 13. Jahrhunderts von den Reiterhorden Dschingis Khans verwüstet. Mit etwas Glück können Reisende in Zhabagly sogar bei den traditionellen Reiter- und Ringerwettkämpfen zusehen.

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